Literatur: Melancholische Utopie
Julia Webers neuer Roman «Weil ich Ruth bin» handelt von einer Frau mit mystischen Kräften.
Einfach mal Regenwurm sein. Oder Ziege, Frosch, Katze, Molch, Languste. Einfach mal eine Zeit lang Laufbahnplanung, gesellschaftliche Erwartungen und auch das darin verhedderte Ich vergessen. Bei Ruth geht das: Sie verwandelt Menschen in Tiere. Julia Webers neuer Roman «Weil ich Ruth bin» ist eine zauberhafte Geschichte über Zwänge und Freiheit. Und er handelt von einer Protagonistin, die so einigen Leser:innen bekannt vorkommen dürfte.
Ruths Geschichte beginnt bei ihrer Geburt – von der sie aus der Ich-Perspektive erzählt: Diese Figur ist, das ist schnell klar, ziemlich aussergewöhnlich. Nicht nur wegen des Fells, mit dem sie auf die Welt kommt und aus dem sie später herauswächst. Wenn Ruth wütend ist, dann grollt auch mal der Donner oder wächst Schimmel auf einem Pausenbrot, ohrfeigt sich ein Mann selbst. Vor allem aber hat sie die Kraft – auch wegen des dicken Fells, das sie tatsächlich hatte –, sich den herrschenden Konventionen mit einer kindlichen Naivität zu entziehen, und hält gerade dadurch der Gesellschaft den Spiegel vor.
Richtig greifen lässt sich Ruth nicht – sie bleibt eine Art ätherisches Fabelwesen. Deswegen stört es kaum, dass sie bereits in zarten Kinderjahren mit etwas gar philosophischem Weitblick auf das Leben schaut. Ruth verkörpert die Möglichkeit, ein Leben nach dem Motto «Wir könnten es aber auch anders machen» zu führen, aus ihrem Mund klingt das ganz leicht. Fremde und Bekannte suchen sie auf, um bei ihr im Bett unter ihren zärtlichen Berührungen und Küssen vorübergehend zu Tieren zu werden; auch das ein Bruch mit gewissen Normempfindungen. Ihr Körper «ist ein Wald, er ist ein Gewässer», sie wird Lebensraum für die «Menschen mit den ausgeleierten Seelen», die in ihrer Geborgenheit den Leistungsansprüchen einfach mal entfliehen. Ihrer anziehenden Wirkung auf andere ist sich Ruth sehr bewusst: «Sie schauen mich an, wenn ich an ihnen vorübergehe, weil ich Ruth bin.» Und manchmal drängt sie ihre Verwandlungsfähigkeiten jemandem auch eigenmächtig auf.
Entstehung wird nachvollziehbar
«Weil ich Ruth bin» ist der dritte Roman von Julia Weber und folgt auf den 2022 erschienenen autofiktionalen Roman «Die Vermengung». An diese Auseinandersetzung mit dem Schreiben und der Mutterrolle schliesst die 1983 geborene Schweizer Autorin nun nicht einfach nahtlos an, die beiden Bücher überlappen sich vielmehr. Bereits dort taucht Ruth als eine Art Alter Ego und Gesprächspartnerin der Protagonistin Julia auf. Am nun veröffentlichten Roman hatte Weber damals bereits gearbeitet, mit ihrer Schwangerschaft hatte sich ihr Fokus verschoben, und sie veröffentlichte stattdessen zunächst «Die Vermengung» (siehe «wobei» Nr. 3/22). Abgedruckt sind darin allerdings auch losgelöst von diesen Zwiegesprächen Handlungen rund um Ruth und weitere Figuren aus ihrer Welt. In «Weil ich Ruth bin» haben nun ganze Szenen und Passagen, die bereits in der «Vermengung» stehen, teils nahezu identisch Eingang gefunden.
Es ist durchaus spannend, die beiden Romane nebeneinander zu lesen, zeigt es doch nicht nur, wie lange diese Figur die Autorin bereits beschäftigt. Man erhält auch einen ungewohnten Einblick in Überlegungen zu Entstehungsgeschichte und Entwicklung der Figuren, entdeckt Veränderungen in der Wortwahl. Und doch: Selbst wenn aus den Fragmenten nun ein eigenständiger Roman entstanden ist, muten die vielen Doppelungen etwas befremdlich an, «Weil ich Ruth bin» verliert einen Teil seiner Eigenständigkeit.
Zwischen Leuchten und harter Kost
An den Qualitäten des Romans ändert das allerdings nichts. Leichtfüssig erzählt Weber von Ruth und vor allem den Menschen aus ihrem Umfeld, die unter anderem mit Einsamkeit und Genderrollen hadern. Besonders die sprachlichen Finessen sorgen für eine magische Stimmung. Weber hat eine besondere Gabe dafür, sinnliche Eindrücke ohne abgenutzte Metaphern zum Klingen oder Leuchten zu bringen. Es ist ein Vergnügen, dem Kreischen der Kinder zuzuhören, das tönt «wie zerbrechendes Geschirr», oder sich «warme Augen wie kleine Erbsencremesuppen» vorzustellen. Farben sind «steinpilzbraun», «raupenhellgrün» oder «urinfarben». Diese bunte Wahrnehmung zeugt auch vom aussergewöhnlichen Blick Ruths auf die Welt. Dennoch ist der Roman teils etwas gar überladen; nicht jede Beobachtung braucht einen Vergleich, ausgewählter wirkten sie wohl noch prägnanter.
Insgesamt macht besonders die Koexistenz von Gegensätzen und Reibungen «Weil ich Ruth bin» zu einem gelungenen, vielschichtigen Roman. Wenn etwa die verzauberte Grundstimmung auf die Realität patriarchaler Gewalt trifft, die alle Frauen im Roman erleben. Oder wenn Ruth, die «nur sich selbst gehört», sich der Fürsorge für andere Menschen widmet. Oder wenn Ruth sich verliebt und dadurch zum ersten Mal selbst in einer anderen «Landschaft» heimisch wird – und erkennen muss: Nicht gegen alle Unwegsamkeiten kommt sie mit ihren Kräften an.
Buchvernissage am 24. Februar 2026 im Literaturhaus Zürich, 19.30 Uhr.