Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Sie liebt ihre Kinder ja

In «Immer ist alles schön» erzählt Julia Weber aus Kinderperspektive von einer Mutter, die lieber tanzt, als sich um ihre Kinder zu kümmern. Der Debütroman beeindruckt durch die eigenständige Sprache.

Von Eva Pfister

So schön ist es gar nicht, das Leben von Anais und Bruno, die mit ihrer Mutter Maria in einer Zweizimmerwohnung am Stadtrand leben. Schon auf der ersten Seite macht Julia Weber das Problem der Kinder deutlich: «Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol. Gut, sagt Mutter, weil ihr einen Geburtstag habt.»

Die Mutter trinkt am zweiten Abend dann doch einen Zahnputzbecher voll Wein. Mit viel gutem Willen ist sie mit ihren «Tierchen», wie sie sie nennt, auf einen Zeltplatz gefahren. Sie liebt ihre Kinder ja, aber es ist ihr bald langweilig mit ihnen. Als der «Koloss» kommt, der den Platz beaufsichtigt, und sie zum Tanzen einlädt, widerstrebt sie ihm nicht allzu lange. Später in der Nacht gehen die Kinder sie suchen und sehen sie wirbelnd in einem Kreis von Männern tanzen.

Dieses erste Kapitel in «Immer ist alles schön» wäre eine perfekte Kurzgeschichte, kompakt und ergreifend. Aber der Roman von Julia Weber beschäftigt uns noch ausführlich mit dem Leben der beiden Kinder und ihrer Mutter. Irgendwann verschwindet die schöne, temperamentvolle, aber haltlose Frau, die Kinder bleiben allein zurück und sind dem Chaos ausgesetzt.

Anais kocht Nudeln

Der Roman besticht durch die Kinderperspektive. Haupterzählerin ist Anais, die etwa zwölfjährige Tochter, die in der Familie die Verantwortung trägt. Sie bringt die betrunkene Mutter ins Bett und kümmert sich um ihren jüngeren Bruder. Bruno ist etwa neun Jahre alt und stark kurzsichtig. Aber hinter seinen dicken Brillengläsern erfasst er die Welt mit scharfem Verstand. Anais kocht Nudeln, sie ist bei ihm in der Nacht, wenn Maria in einer Bar mit Tabledance Geld verdient, und vor allem hält sie mit aller Kraft fest an dem Glück, das die Mutter in ihren guten und zärtlichen Momenten verströmen kann.

«Mutter sitzt auf ihrem unendlichen Bett und lächelt. Zu mir kommen, sagt sie mit den Fingern. Wir legen uns auf sie, und sie sagt, es ist gut. (…) Wir liegen in ihrer seidenen Goldbettwäsche. Im Kleiderschrankspiegel und den drei Spiegeln hinter Mutters Bett sehe ich uns unendlich oft auf dem Bett sitzen. Unendlich viele Rauchfäden steigen an die Decke, unendlich viele Brunos haben ihren Kopf auf Mutters Beine gelegt, unendlich viele Ichs schauen mich an, und unendlich viele Mutterkörper sind von ihren Kindern halb bedeckt. Ist gut?, frage ich. Ja, ist gut, sagt sie. Was ist gut?, fragt Bruno.»

Mit anschaulichen Schilderungen vermittelt Julia Weber die ambivalente Situation dieser Kleinfamilie. Leider hält sie die Perspektive der Kinder, die ja weder werten noch mit erwachsener Moral auf ihr Leben blicken, nicht ganz durch. «Manchmal denke ich, dass Mutter zu gross, zu blond und zu lebendig ist, dann tut es mir leid.» Anais mag zu erwachsen sein für ihr Alter, aber dieser Kommentar kommt doch eher aus dem Kopf der Autorin.

Eine Kinderperspektive in der Literatur ist nicht unproblematisch. Zum einen kann sie zum sentimentalen Lesen verführen, zum anderen wird sie den erwachsenen Figuren logischerweise nicht gerecht. Durch den Blick der Kinder sieht man vor allem eine egozentrische Frau, die ihre Lebenslust zunehmend in Alkohol ertränkt und ihre Kinder vernachlässigt. Um die anderen Seiten dieser Frau zu zeigen, wechselt Weber in einigen Kapiteln die Perspektive.

Maria erzählt, wie sie schwanger wurde und wie der Vater des Kindes sich überwinden musste, mit ihr zusammenzuleben. Wie sie langsam vereinsamte. Wie die Freundinnen ihr fremd wurden und ihre Mutter sie nervte. Und wie sie auf einem Spaziergang in einem Vereinslokal einkehrt und dort vom Wirt gemustert wird. «Er sieht mich vielleicht, dachte ich. Es gibt mich hier vielleicht.»

Verbarrikadiert in der Wohnung

Als sie vom rothaarigen Wirt schwanger wird, beschliesst sie, ihren Mann zu verlassen. Sie versucht, es ihrer Mutter zu erklären: «Ich sagte ihr, dass ich sehr gelitten hätte auch unter ihr, aber vor allem unter ihm, dass ich mir vorkäme wie ein Tier, wenn er mit mir spricht. Ich sagte ihr, dass er nie überlegen würde, was für ein Leben er lebt und warum, dass er einfach tut, was er tut, weil man es tut, weil er einmal damit angefangen hat, weil er dachte, man tue das so, und ich sagte ihr, dass mich das beinahe krank gemacht hat.» So reflektiert kann diese Maria also sein, die in anderen Passagen wie eine launenhafte Alkoholikerin wirkt. Auch von ihren Träumen erzählt sie, dass sie Häuser bauen wollte und dass sie vor allem frei sein will.

Vielleicht packt Julia Weber etwas zu viel in diese Figur hinein. Aber der Roman beeindruckt durch eine eigenständige, ausdrucksvolle Sprache und ist bewegend; diese Personen vergisst man nicht so schnell. Wenn Bruno eines Tages seine Bücher und seine dicke Brille in den Container wirft, bricht es einem fast das Herz. Anais verbarrikadiert sich mit ihm in der Wohnung, lässt auch den Sozialarbeiter nicht mehr herein und baut sich aus Erde, Steinen und Pflanzen eine Höhle, die in ihrer Fantasie zur grossen, weiten Welt wird mit Bergen, Wäldern und Meer.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 14.30 Uhr, am Sa, 27. Mai 2017, um 12 Uhr und am So, 28. Mai 2017, um 15 Uhr.