Science-Fiction: Widerständig inmitten des Schreckens
Vor zwanzig Jahren starb Octavia E. Butler, die erste Schwarze Autorin, die erfolgreich Science-Fiction schrieb. Ihr Werk ist heute so aktuell wie noch nie.
Das Jahr ist 2024, sie ist fünfzehn, und was ihr Vater predigt, kann sie längst nicht mehr glauben. Aber als Tochter eines baptistischen Pastors im Grossraum Los Angeles weiss sie, dass es in der Religion nicht nur um Glauben geht. Sondern dass diese auch ein Instrument sein kann, um Menschen zusammenzubringen. Und so fasst Lauren Olamina einen grössenwahnsinnigen Plan: Sie möchte eine neue, rationale Religion begründen – Earthseed, die Saat der Erde.
Die «Bibel» dazu schreibt Olamina selbst. Der zentrale Satz darin: «God is change.» Die Idee, Veränderung – und damit auch Verlust – als unvermeidlich anzunehmen, ist offensichtlich vom Buddhismus inspiriert. Wie jede Religion braucht auch Earthseed Rituale: um Neugeborene willkommen zu heissen, Konvertit:innen zu empfangen, Verstorbene zu verabschieden. Aber ein höheres Wesen, das man anrufen könnte, gibt es darin nicht. Dafür hat Earthseed ein handfestes Ziel: Die Menschheit soll das Weltall besiedeln.
Octavia E. Butler schrieb die beiden Romane über Lauren Olamina, «Parable of the Sower» und «Parable of the Talents», in den neunziger Jahren. Dass die beiden Bücher in den USA in letzter Zeit viel diskutiert wurden, hat weniger mit Olaminas kosmischer Religion zu tun als mit Butlers Beschreibung der 2020er und 2030er Jahre. Sie sind wie die Gegenwart, nur schlimmer: Mehr als die Hälfte der US-Bevölkerung kann nicht lesen. In den Städten herrscht brutalste Ganggewalt, eine neue Droge bringt Leute dazu, in Ekstase Häuser anzuzünden.
Der Hoffnungsträger für das Präsident:innenamt, Andrew Steele Jarret, ist ein christlicher Fundamentalist, dessen Anhänger:innen «Ungläubige» ermorden und versklaven. «Das Jetzt passt ihm nicht. Religiöse Toleranz passt ihm nicht. Der Zustand des Landes passt ihm nicht. Er will uns alle zurückbringen in eine magische Zeit, als alle an denselben Gott glaubten.» Klingt erschreckend aktuell. Nur dass es, Ironie der Geschichte, heute die Rechtsextremen sind, die das Weltall besiedeln wollen.
Zeitreise in die Sklaverei
Octavia Estelle Butler wurde 1947 im kalifornischen Pasadena geboren. Der Vater war Schuhputzer und starb früh, die Mutter brachte die Familie durch, indem sie Weissen den Haushalt machte. Sie musste die Häuser durch den Hintereingang betreten. Die gläubige Baptistin hatte die Schule nur wenige Jahre besuchen können. Sie brachte ihrer Tochter jedes Buch, das sie auftreiben konnte, manchmal aus dem Abfall ihrer Kund:innen, und erfüllte ihr ihren grössten Wunsch, eine Schreibmaschine. Das Kind liess sich auch nicht von seinen Berufsplänen abbringen, als eine Tante meinte: «Schwarze können nicht Schriftsteller:innen werden.»
Mit Anfang zwanzig verkaufte Butler erste Kurzgeschichten, doch dann ging lange nichts mehr. Sie schlug sich mit Temporärjobs in Fabriken und Lagerhäusern durch und schrieb in der Nacht. Erst ein Jahrzehnt später, nach drei Romanen, konnte sie vom Schreiben leben.
1979 erschien «Kindred», Butlers heute bekanntester Roman. Er nimmt ein in der fantastischen Literatur beliebtes Zeitreiseparadox auf: Dana Franklin, eine junge Kalifornierin, reist in die Vergangenheit und rettet einen Jungen vor dem Ertrinken, der sich als ihr Ahne herausstellt. Ohne die Zeitreise hätte sie nie geboren werden können. Nur ist die junge Frau in Butlers Geschichte Schwarz – und der Junge, Rufus, der Sohn eines weissen Sklavenhalters im Maryland von 1815. Dana landet jedes Mal wieder im 19. Jahrhundert, wenn Rufus in Lebensgefahr ist, sie wird seine Sklavin und engste Vertraute zugleich und erlebt mit, wie er zu einem widersprüchlichen, liebesbedürftigen, brutalen Tyrannen aufwächst. Um ihr Leben zu retten, muss sie ihn überzeugen, ihm schmeicheln, sich zutiefst kompromittieren.
«Kindred», erzählte Butler später, sei inspiriert von der unbarmherzigen Aussage eines Collegefreundes: «Ich wünschte, ich könnte all diese alten Schwarzen töten, die uns zurückhalten, aber ich müsste mit meinen eigenen Eltern anfangen.» Butler setzt dieser Härte eine empathische Sicht entgegen – und zerstört alle idealisierten Vorstellungen von heroischem Widerstand.
Für «Kindred» unterbrach sie ihre Arbeit an einem mehrbändigen Werk. Ihr erster Roman, «Patternmaster» von 1976, war noch relativ konventionelle Fantasy. In einer fernen feudalen Zukunft bekämpfen sich zwei Gruppen mit magischen Kräften: die Patternists, die telepathische Netzwerke bilden können, und die Clayarks, übernatürlich schnelle Katzenmenschen. Doch dann entwickelte Butler ein dreibändiges Prequel, das erklärt, wie Patternists und Clayarks entstanden: ein überwältigendes Epos mit afrofuturistischen Elementen.
Der erste Band, «Wild Seed», beginnt im Westafrika des 17. Jahrhunderts. Zwei nicht ganz menschliche Wesen treffen aufeinander: Die 300-jährige Heilerin Anyanwu kann ihren Körper selbst «reparieren» und jede Tier- und Menschengestalt annehmen. Doro lebt seit Jahrtausenden, braucht aber immer wieder neue Körper, die er bewohnt, nachdem er deren Besitzer:innen getötet hat. Er hat sich zum Ziel gesetzt, eine Elite von Menschen mit übersinnlichen Kräften heranzuzüchten, und setzt grosse Erwartungen in Anyanwus Nachwuchs. Gegen aussen gibt er sich als Sklavenhändler aus, er herrscht mit einer Mischung aus Gewalt und Verführung. Die Geschichte geht in Nordamerika weiter. Im zweiten Band, «Mind of My Mind», entwickelt Mary, eine von Doros «Zuchterfolgen», viele Generationen später Fähigkeiten, die selbst er nicht voraussehen konnte.
Hybridwesen und Fünfelternfamilien
Butlers Werk kreist um eine der grossen Fragen der Science-Fiction: Wäre eine gerechte Gesellschaft möglich? Darin gleicht sie einer anderen bedeutenden Autorin, Ursula K. Le Guin (1929–2018). Doch Butlers Antwort fällt düsterer aus als Le Guins. In linker Terminologie gesprochen, glaubte sie nicht an «die Revolution»: an eine politische Veränderung, die Gerechtigkeit herstellen und die Gewalt beenden könnte. Zu allgegenwärtig war diese Gewalt.
Umso wichtiger wird Empathie, werden scheinbar kleine Akte des Widerstands. Umso wichtiger werden auch die Körper. In Butlers Geschichten gibt es Trost in biologischen Prozessen, in Vorgängen jenseits des Willens, in körperlicher Nähe, Sex, Schlaf – oder in Gerüchen und Geschmäckern: Die ausserirdischen Oankali erfahren über den Geschmack alles über ihr Gegenüber, sogar ihre DNA. Die «Xenogenesis»-Trilogie, die Butler in den Achtzigern schrieb, ist vielleicht ihr radikalstes Werk.
Gerade hätte sich die Menschheit in einem Atomkrieg um ein Haar selbst ausgelöscht. Doch die Oankali haben die Überlebenden in Tiefschlaf versetzt und die Erde wieder bewohnbar gemacht. Sie halten Homo sapiens allerdings für immanent selbstzerstörerisch, darum stellen sie Bedingungen: Entweder pflanzt ihr euch gar nicht mehr fort – oder mit uns. Eine junge Schwarze aus den USA mit dem passenden Namen Lilith wird ausgewählt, den Menschen die unangenehme Botschaft zu überbringen – und das erste Hybridwesen zu gebären. Die Oankali haben ein drittes Geschlecht, die Ooloi, zuständig für den richtigen Genmix der Nachkommen. Fortan hat jede Familie fünf Elternteile, zwei menschliche und drei nichtmenschliche.
Damit ist Butler endgültig im 21. Jahrhundert angekommen – mitten in Debatten, die sie nicht mehr erlebte. Die «Xenogenesis»-Romane klingen immer wieder, als hätte sie die aktuellen Genderkontroversen auf einer kosmischen Ebene abgehandelt. Etwa als Lilith einen Mann zurechtweist, der für ein Ooloi ein männliches Pronomen verwendet. Und auch jene «Prepper:innen», die sich weigern, mit den Oankali zu kooperieren, und verbittert und kinderlos in den Wald ziehen, wirken allzu gegenwärtig.
Im Hintergrund der Trilogie steht die unangenehme Frage: Wäre es manchmal besser, weniger Freiheit zu haben? Die Oankali geben den Menschen gesunde, langlebige Körper, die hybriden Nachkommen haben Superkräfte, und der Sex mit den Ooloi ist so überwältigend, dass manch ein Prepper seinen Widerstand aufgibt. Doch ganz freiwillig geschieht das alles nicht. Trotzdem kann man sich beim Lesen der Sehnsucht, von den Oankali erobert zu werden, kaum entziehen. Man kann sich definitiv schlimmere Zukünfte vorstellen.
Maden in Männern
Um Hybridisierung, aber an der Grenze des Erträglichen, geht es auch in der Kurzgeschichte «Bloodchild». Darin legen die Tlic, insektenähnliche Aliens, ihre Eier ins Fleisch von Menschenmännern, damit sich ihre Maden davon ernähren können. Die Männer überleben (meistens), aber es tut weh. Als Gegenleistung dürfen die Menschen die unbefruchteten Eier der Tlic austrinken: die beste Droge, die es gibt.
Mutige Jurys verliehen dieser unwahrscheinlich queeren Story 1984 den Nebula und 1985 den Hugo Award, die beiden wichtigsten Science-Fiction-Preise. In den achtziger Jahren hatte Butler endlich Erfolg. Sie unterstützte ihre Mutter; nach deren Tod zog sie in den Bundesstaat Washington, lebte als «Eremitin im Zentrum von Seattle». Sie begann weitere «Parable»-Bände, war aber nicht zufrieden und schrieb stattdessen «Fledgling», einen Vampirroman. Am 24. Februar 2006 starb sie erst 59-jährig an den Folgen eines Hirnschlags.
Butler hatte früh gelernt, dass Menschen wie sie in ihren Lieblingsgeschichten nicht vorkamen. Also «schrieb sie sich hinein» und schuf eine ganze Reihe Schwarzer Protagonistinnen, wie es sie noch nicht gegeben hatte. Es sind Heldinnen, aber keine autonomen Subjekte im bürgerlichen Sinn: Sie sind unerträglichen Umständen ausgeliefert, die sie kaum beeinflussen können. Trotzdem bleiben sie handlungsfähig. Damit hat Butler der Erfahrung von Schwarzen in den USA ein Denkmal gesetzt. Und heute, in einer Zeit mächtiger misogyner Rassisten, bekommt ihr Werk eine Bedeutung, die noch gar nicht zu ermessen ist.
Von Octavia E. Butler sind heute auf Deutsch die «Parabeln», «Wilde Saat», die «Xenogenesis»-Trilogie und ganz neu auch «Verbunden» («Kindred») bei Heyne erhältlich.