Wichtig zu wissen: Hin und her
Ruedi Widmer über wilde Zeiten
Ich las bei «Watson» einen Artikel über die Geschichte der SRG, und der Kern ist, dass diese nicht etwa gegründet wurde, um nur behördliche Informationen und Nachrichten zu senden und keinesfalls Quiz und Spiele und Filme (wie sich das heute die SVP mit ihrer «Halbierungsinitiative» ausmalt – weil sie inzwischen selbst an ihre Fantasie des «Staatssenders» glaubt), sondern im Gegenteil genau Letzteres als Auftrag hatte.
Die SRG ist in Tat und Wahrheit ein Kind der «Geistigen Landesverteidigung» der späten dreissiger Jahre. Der Auftrag war, das Land in der Zeit der faschistischen, kommunistischen und kriegerischen Bedrohung von aussen zusammenzuhalten – mit Schweizer Volkskultur, Bildung, Filmen, Geschichten, Gemütlichkeit, Geborgenheit und General Guisan.
Die staatskritische Linke hatte bekanntlich stets Mühe mit dieser bevormundenden Idee, während die Rechte Patriotismus, Schwingen, Ländlermusik und Liebe zum Heimatland an erste Stelle setzte. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Die oligarchische, vor allem in den weltweiten Geldflüssen verwurzelte Führung der SVP kuschelt mit Russland und würde unser Land lieber heute als morgen ans grossrussische Reich und seine Gasleitungen anschliessen, um ihre energetische und steuerliche Erleuchtung zu erlangen, während die Linke die SRG mantramässig als zentralen Pfeiler der Demokratie und der Freiheit bezeichnet, den Begriff «unschweizerisch» braucht und sich langsam als das Gewissen der Schweiz etabliert. So wechseln die Philosophien über längere Zeiträume hin und her, genau so wie auch in den USA, wo die Demokrat:innen einst, einfach gesagt, die Sklavereibefürworter waren und die Republikaner:innen die Partei, die die Sklav:innen befreien wollte.
Es ist, wieder einfach gesagt, diese Art Mann (sehr viel seltener: Frau), die weltweit stets dieselben Probleme verursacht: unempathisch, selbstbezogen, unreflektiert, antihumanistisch, einseitig gebildet, geisteswissenschaftlich abstinent und dadurch zwangsläufig dem Kitsch, dem Gold und der billigen Geste verfallen. Die Nasen folgen der Macht und stülpen dann wie an der Fasnacht das gerade passende Kleid darüber.
Die USA haben im Zweiten Weltkrieg nicht in erster Linie gegen die Bösartigkeit des Nationalsozialismus und dessen Rassentheorien gekämpft, sondern gegen Deutschland als aufkommende imperiale Macht. Sie haben im Kalten Krieg nicht in erster Linie gegen den gleichschaltenden Kommunismus gekämpft, sondern gegen die UdSSR als globalpolitische Konkurrentin. Die USA und Russland bekämpfen die EU nicht in erster Linie, weil sie liberal ist, sondern für sie politisch und wirtschaftlich gefährlich.
Die Ideologie ist nur Mittel zum Zweck. Es ist das schmückende Beiwerk fürs einfache Gemüt. Deshalb können ehemalige Kommunist:innen auch Faschist:innen werden und umgekehrt. Trump kann mal Demokrat sein, dann wieder Faschist. Die Techbruderschaft auch. Mao wäre als Amerikaner vielleicht Superkapitalist oder christlicher Massenprediger geworden, Hitler Mafiaboss. Israel ist plötzlich hip bei den Ultrarechten, wo es auch schon sehr umgekehrt war. Und so kann man die USA, die City upon a Hill, auch den persönlichen Bedürfnissen ihrer derzeitigen Führung anpassen: ein sich als Gottesstaat gebender, machttrunkener Schurkenstaat mit Atomwaffen, ein Iran des Christentums.
In ruhigeren Zeiten erzählen Satiriker:innen Witze, vor Abstimmungen ist es oft umgekehrt: Während sie unlustige Mahnungen wie diese niederschreiben und sich eigentlich schämen, dies nicht witziger machen zu können, erzählen viele Politiker:innen, statt sich arbeitend in den Dienst ihrer Wählenden zu stellen, irgendwelchen lächerlichen Schwachsinn auf Social Media und schämen sich überhaupt nicht dafür.
Ruedi Widmer wohnt in Winterthur und plädiert für ein haushohes NEIN zur «Halbierungsinitiative».