Autobiografie: Den Schrecken zwischen Buchdeckel bannen
Gisèle Pelicot, die von ihrem Exmann über Jahre betäubt und von ihm und Dutzenden weiteren Männern vergewaltigt wurde, erweist sich in ihrer Autobiografie als kühne Protagonistin.
Für den Kampf, den Gisèle Pelicot führt, war die Öffentlichkeit stets entscheidend. Es war Pelicots furchtlose Entscheidung, die Gerichtsverhandlung gegen ihren Exmann und seine Mittäter öffentlich zu führen, die sie zur feministischen Ikone machte. Dominique Pelicot hatte seine damalige Ehepartnerin während fast zehn Jahren immer wieder ohne ihr Wissen mit Medikamenten betäubt und zusammen mit Dutzenden anderen Männern vergewaltigt. «Die Scham muss die Seite wechseln», sagte sie bekanntlich im Herbst 2024 vor dem Gericht im südfranzösischen Avignon: von ihr zu den Vergewaltigern, die sie mit dem juristischen Schachzug ins grelle Licht der Öffentlichkeit zog.
Seither wurden unzählige Geschichten über Gisèle Pelicot erzählt – über sie als Opfer dieses ungeheuerlichen Sexualverbrechens. Interviews gab die heute 73-Jährige bis vor kurzem keine, zitiert wurden ihre wenigen, aber stets prägnanten Aussagen vor Gericht. Es ist also nur folgerichtig, dass sie nun ihre eigene Geschichte erzählt: «Eine Hymne an das Leben» heisst ihre Autobiografie in deutscher Übersetzung, geschrieben hat sie das Buch zusammen mit der Journalistin Judith Perrignon. Das Resultat ist packend zu lesen und überraschend reichhaltig.
Die mediale Aufmerksamkeit um das Buch, das am 17. Februar gleichzeitig in 22 Sprachen erschien, ist immens: Besprechungen, Interviews oder gleich beides bei den wichtigsten Zeitungen, Pelicot auf dem Cover von «Spiegel» und «Vogue», ein von der Schauspielerin Emma Thompson eingelesenes Hörbuch. Im Videogespräch mit der «New York Times» spricht Pelicot mit sicherer Stimme und ohne Zögern, als hätte sie ihr Leben lang Interviews gegeben. Und sie fängt sich gleich wieder, als ihr die Schilderung einer besonders drastischen Vergewaltigungsszene Tränen in die Augen treibt. Auch die Interviewerin der gewichtigen BBC-Politsendung «Newsnight» entlockt Pelicot ein paar Tränen, diesmal aber aus Rührung, als sie ihr ein Video mit kurzen Danksagungen verschiedener Frauen aus Frankreich vorspielt.
Die Geschichte einer Ehe
Dass der Fall Pelicot derart Wellen schlägt, hat viele Gründe. Die verstörenden Taten an sich, verübt von erschreckend normalen Typen jeglichen Alters in einem hübschen Dorf in der Provence. Aber auch Dominique Pelicots akribische filmische Dokumentation seiner Taten, wodurch die versammelte Weltpresse im Gerichtssaal alles mitansehen konnte – detaillierte Zeugnisse sexualisierter Gewalt, die im Normalfall schwer zu beweisen sind. Doch herausragend macht diesen Fall auch seine kühne Protagonistin: Gisèle Pelicot, die aus einem vermeintlich beschaulichen kleinbürgerlichen Leben von einem Tag auf den anderen in die Hölle katapultiert wurde und seit da unfassbare Kraft beweist.
Nicht zuletzt hat Pelicot ein Gefühl für den stilsicheren Auftritt. Ihr allererstes Interview gab sie in «La grande librairie», einer französischen Literatursendung, in der Autor:innen über ihre aktuellen Bücher sprechen: ein Ort des Nachdenkens und der langsamen Gespräche, abseits von Voyeurismus und Zuspitzungen.
Es entspricht auch dem Ansatz ihres Buches: schonungslos im Umgang mit der eigenen Geschichte, aber auch ohne spürbare Wut auf den Exmann, überhaupt ohne Härte. Das kann auch irritieren. Die Rezensentin des «Guardian» bemerkte, die Person, auf die sie am Anfang des Buches am meisten wütend gewesen sei, sei Gisèle Pelicot selber. Tatsächlich erzählt diese sogar eine Liebesgeschichte. Wenn sie für sich nicht auch Gutes aus den fünfzig Ehejahren bewahren würde, fielen ihr Leben und ihre Person komplett auseinander, macht sie immer wieder klar: «Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer.»
Das Buch beginnt 2020, im Moment, als Pelicot auf einer Polizeistation von den Vergewaltigungen erfährt. Man hatte Dominique Pelicot überführt, weil er kurz zuvor in einem Supermarkt Frauen unter den Rock gefilmt hatte, worauf die Polizei auf seinen Festplatten die unzähligen, säuberlich archivierten Aufzeichnungen der Taten gefunden hatte. Doch zwischen den Ereignissen ab diesem Schicksalstag erzählt das Buch in Rückblenden vor allem die Geschichte einer Ehe und vom Elend, das diese bezwingen sollte: «Wir würden Leid und Schmerz stets gemeinsam überwinden, fern unserer gebeutelten Familien. Ich würde ihn heilen und er mich.»
Versprechen der modernen Welt
Gisèle Pelicot erfährt von ihren Eltern viel Liebe, doch ihre Mutter stirbt an Krebs, als sie neun ist. Ab da zieht sich eine Traurigkeit durch ihr Leben, aber ebenso eine von der Mutter geerbte Entschlossenheit, glücklich sein zu wollen. Dominique Pelicot wächst unter einem Vater auf, der die Familie mit körperlicher und psychischer Gewalt tyrannisiert. Auch sexualisierte Gewalt hatte seine Kindheit und Jugend geprägt, als Bub war er von einem Krankenpfleger missbraucht worden.
In den siebziger Jahren in einem Pariser Vorort eine Familie gründen, zum neuen unteren Mittelstand gehören, Haus und Auto kaufen – es war auch ein gesellschaftliches Versprechen auf die moderne Welt: «Sie verhiess uns Überfluss. Damit würden wir die Schrecken unserer Kindheit bannen.» Ganz vertrieben ist die Armut der Eltern jedoch nie, Dominique und Gisèle Pelicot haben Geldprobleme, werden gar mal gepfändet. Dominique ist immer wieder arbeitslos, während sich Gisèle bei der staatlichen Energiegesellschaft von der Sekretärin zur Logistikleiterin hocharbeitet und die Familie finanziell und organisatorisch über die Runden bringt. Die Ehe zeigt auch andere Risse: Dominique wird sexuell fordernd, beide haben eine Affäre.
Unversöhnte Tochter
Eine wirkliche Erklärung der Taten käme um die Pathologie des Täters wohl nicht herum, doch diese Ebene wird im Buch nur gestreift. Es interessiert sich für die schwerer greifbaren Kontexte, die beim Exmann womöglich Gefühle der Machtlosigkeit ausgelöst haben. Dieser Ansatz wirkt nicht verharmlosend, er hat auch etwas Radikales, weil er das Alltägliche der sexualisierten Gewalt in den Blick nimmt: den Täter nicht als Monster darstellend, sondern als Ehemann und Familienvater, den Pelicot auch im Rückblick als liebevoll beschreibt und der trotzdem zu dieser Grausamkeit fähig war.
Dennoch warfen ihre Kinder Gisèle Pelicot auch Verharmlosung vor, sie brechen radikaler mit dem Vater. Von ihrer Tochter, Caroline Darian, erschien unter dem Titel «Ich kämpfe für die Wahrheit» kürzlich ein zweites Buch auf Deutsch. Sie sehe sich in diesem Prozess als «die grosse Vergessene», schreibt Darian, weil auch von ihr zwei Fotos in sediertem Zustand aufgetaucht sind, aber kein Übergriff des Vaters bewiesen werden konnte. Ihrer Mutter wirft Darian vor, ihr nicht geglaubt, sie gar verraten zu haben.
Ihr Buch ist unsorgfältiger geschrieben, viel wütender auch, aber als Mahnung neben dem Happy End ihrer Mutter, die heute sogar wieder glücklich verliebt ist, ist es eine wichtige Ergänzung. Denn Darian, für die der Prozess kein erlösendes Urteil brachte, erinnert auch an die juristische Normalität, wenn es um Fälle sexualisierter Gewalt geht.