Nikolai Komyagin (1987–2026): Die Stimme der russischen Avantgarde

Nr. 9 –

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Sucht man nach drastischer, nachhaltiger Kunst über das Zeitalter des Putinismus, wird man früher oder später bei Sänger Nikolai Komyagin und seiner Band Shortparis landen. Die Avantgardetruppe aus St. Petersburg hat sich in ihrer ganzen Ästhetik – vor allem jener ihrer Musikvideos – mit Russlands totalitärem Wesen beschäftigt, indem sie Gewalt, Uniformismus und gesellschaftliche Kälte gekonnt in Szene setzte, etwa im Song «Straschno» (deutsch: Gruselig) von 2019.

Nach Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine veröffentlichte die Band 2022 das tief melancholische Lied «Jablonnyi Sad» (Apfelgarten). Ein Trauer- und Klagelied eigne sich am besten, «um die Botschaft zu vermitteln, die wir vermitteln wollen», sagte Komyagin damals. Interpretierte man den Song biblisch, konnte man ihn leicht so lesen, dass der Angriffskrieg einem Sündenfall gleichkomme («Wo ist die Grenze, wo ist das Ende? / Wer hat es gesehen? / Wohin kriecht die Schlange?»).

1987 im sibirischen Nowokusnezk geboren, zog Komyagin 2010 gemeinsam mit zwei Freunden nach St. Petersburg, wo die drei zwei Jahre später Shortparis gründeten. Die Gruppe war geprägt von den modernen westlichen Avantgarden, im Interview vor einigen Jahren sagten die Musiker, auch Postpunkbands wie DAF hätten sie inspiriert. Was Shortparis mit den Düsseldorfer Darkwavern verbindet: dass sie die Ästhetik für sich sprechen lassen, sie nicht zu eindeutig gestalten.

In Russland hatten Shortparis zuletzt Auftrittsverbot, Komyagin selbst soll auf einem kleinen Festival, an dem er beteiligt war, sogar untersagt worden sein, die Bühne überhaupt zu betreten. Ins Exil gegangen ist er dennoch nicht, stattdessen tourte die Band durch westliche Staaten, aber auch durch China. Einen Auftritt hatten Komyagin und Shortparis zudem in Kirill Serebrennikows Film «Leto» (2018).

Letzte Woche ist das Mastermind von Shortparis mit nur 39 Jahren verstorben. Er soll Probleme mit dem Herzen gehabt haben und nach einem Boxtraining zusammengebrochen sein, geklärt ist die Todesursache aber bisher nicht. Nikolai Komyagin hinterlässt bleibende Werke. Ohne ihn kann man sich Shortparis kaum vorstellen, und auch die russische Gegenwartskunst verliert eine prägende Figur. Zum letzten symbolischen Akt wurde die Trauerfeier: Hunderte sollen am Dienstag, dem vierten Jahrestag der Vollinvasion, zum Abschied in die Petersburger Feodorowski-­Kathedrale gekommen sein.