SRF: Beunruhigende Eingriffe ins Programm

Nr. 9 –

Anita Richner, die neue SRF-Direktorin werden könnte, zeigt ein problematisches Verständnis von journalistischer Unabhängigkeit.

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Portraitfoto von Anita Richner
Hat sie auf Druck von zwei Lobbyisten eine Sendung und ihre Gesamtaussage abgeändert? SRF-Favoritin Anita Richner. Foto: Marion Nitsch, SRF

Kürzlich nahm sich SRG-Generaldirektorin Susanne Wille Zeit, um Fragen zur Lage der Dinge zu beantworten. Zum Interview gebeten hatte das SRG-Mitgliedermagazin «Link», wobei Interview den Geist des Gesprächs nicht wirklich trifft. Geboten wurde eher eine Plattform für Phrasen aller Art. Besonders gerne verwies Wille auf die höheren Werte der SRG. Das klang dann zum Beispiel so: «Unabhängige Medien sind Teil einer unabhängigen Schweiz.»

Die journalistische Unabhängigkeit von SRF, hochgehalten im jetzigen Abstimmungskampf gegen die Halbierungsinitiative, ist tatsächlich in Gefahr. Laut den aktuellsten Umfragen stimmt zwar eine Mehrheit von 54 Prozent gegen die Initiative, aber die Bedrohung kommt zunehmend auch von innen. Am effektivsten, so wirkt es, beschädigt sich das stolze Haus SRF noch immer selber.

Stufe um Stufe hochgeklettert

Ganz oben in diesem Haus könnte bald Anita Richner sitzen. Aktuell «Angebotsverantwortliche Reportagen & Talk», hat Richner eine lange Radio- und eine etwas kürzere Fernsehkarriere hinter sich. Sie ist in den letzten Jahren die Karriereleiter Stufe um Stufe hochgeklettert und hat sich nun für die Nachfolge von SRF-Direktorin Nathalie Wappler beworben. Wer sonst noch Kandidat:in ist, will SRF nicht sagen.

Auch nicht, wann genau die Wahl über die Bühne geht. «Im Frühjahr», heisst es auf Anfrage bloss, werde der SRG-Verwaltungsrat seine Entscheidung bekannt geben. Dank einer Recherche der «Aargauer Zeitung» ist immerhin bekannt, dass die Beratungsfirma Roy C. Hitchman die SRG im Bewerbungsprozess unterstützt. Direktor der Firma ist Sandro Rüegger, der, wie die «Republik» bemerkt hat, auch im Verwaltungsrat des «Nebelspalters» sitzt. Dieser gehört bekanntlich dem rechten Publizisten Markus Somm – dem Ehemann von Richner. Alles kein Problem, meint die SRG.

Für diesen Pfusch kann Richner nichts. Doch ihre Berufung wäre auch aus ganz anderen Gründen problematisch: Es geht um ihr Verständnis von journalistischer Unabhängigkeit. Zweifel daran wurden schon laut, als im Frühling 2025 das von ihr verantwortete Reportageformat «rec.» die Rechtsextremen der Jungen Tat hauteng begleitete. Beschwerden gegen die Sendung wurden zwar unlängst abgewiesen, doch journalistisch bleibt sie ein kapitaler Fehlgriff.

Es ist eine andere Episode, die intern grosse Wellen geschlagen hat. Wer bei SRF Fragen zum publizistischen Selbstverständnis von Richner stellt, hört an vielen Stellen die gleiche Antwort: Man solle sich eine Radiosendung zum Gazakrieg genauer anhören. Im Januar 2025 strahlte SRF 2 in der Reihe Kontext eine Sendung über Schwierigkeiten der Berichterstattung über den Krieg in Gaza aus. Darin werden die Probleme erörtert, an verlässliche Informationen aus dem Kriegsgebiet zu gelangen, in das Journalist:innen von der israelischen Regierung bis heute kaum Zutritt erhalten.

Eine Aussage entfernt

Als Gesprächspartnerin fungiert unter anderem die palästinensisch-schweizerische Aktivistin Shirine Dajani. Sie berichtet von der Schwester ihres Patenkinds, die von einer Phosphorbombe im Norden Gazas tödlich verletzt worden sei. Eine Information, so stellen das die Sendungsmacher:innen fest, die sich kaum journalistisch überprüfen lasse. Israel bestreite den Einsatz der international geächteten Brandbombe – und so stehe, wie so oft im Gazakrieg, Aussage gegen Aussage. Eine Gemengelage, bemerkt SRF-Nahostkorrespondentin Susanne Brunner, die Israel durchaus nütze.

Neben Dajani kommen in der Sendung auch Walter Blum von der Gesellschaft Schweiz–Israel und Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, zu Wort. Während Blum im Beitrag SRF dafür kritisiert, zu wenig israelischen Offiziellen das Mikrofon hinzuhalten, stellt Kreutner in der gesamten Berichterstattung über den Gazakrieg eine «gewisse Objektivität» fest.

Aus diesem Beitrag, so der brisante Vorwurf, der im Sender die Runde macht, liess Richner nach der Ausstrahlung eine wichtige Aussage entfernen. Und zwar auf Wunsch der beiden Protagonisten Blum und Kreutner. Gegen die Sendung hatte zuvor der proisraelische Blog «Audiatur» Stimmung gemacht. Auf Drängen von Blum und Kreutner, so die kolportierte Erzählung, sei die ihnen unliebsame Stelle schliesslich aus der Sendung geschnitten worden. Kreutner bestätigt das Treffen auf Anfrage, er sei «zu einem Austausch eingeladen worden». Worüber dabei gesprochen wurde, sagt er nicht. Blum reagierte nicht auf eine Anfrage.

Auch SRF bestätigt das Gespräch. Es sei im Rahmen des «üblichen Dialogs bei publizistischer Kritik» erfolgt. SRF räumt auch den nachträglichen Eingriff in die Sendung ein. Und behauptet, freilich ohne Belege anzuführen, die entfernte Aussage sei nicht korrekt und irrelevant gewesen. Die Streichung sei «ein rein redaktioneller Qualitätsentscheid und nicht das Resultat eines externen Wunsches» gewesen. SRF beruhigt: «Die Unabhängigkeit ist gewährleistet.»

Überprüfen lässt sich nichts davon, SRF will nicht sagen, was die entfernte Aussage beinhaltete. Die Intransparenz ist auffällig. SRF machte die nachträgliche Änderung nicht kenntlich – eigentlich gängige Praxis bei Qualitätsmedien und auch in den eigenen publizistischen Leitlinien so verlangt. So bleibt der beunruhigende Eindruck: SRF-Kronfavoritin Anita Richner hat auf Druck von zwei Lobbyisten eine Sendung und ihre Gesamtaussage abgeändert.

Ganz nah dran an den Gardisten

Richner war laut SRF nicht alleine dafür verantwortlich. Auch Rajan Autze, der derzeitige publizistische Leiter der Abteilung Kultur, war in die Entscheidung involviert. Er hatte die Sendung zu Gaza ursprünglich abgenommen. Autzes unzimperlicher Umgang mit kontroversen Inhalten ist bereits bekannt. So berichteten «SonntagsBlick» und «Republik» von einer Sendung zum Kulturbegriff von Rechtspopulisten, deren Ausstrahlung Autze angeblich aus Angst vor der SVP stoppte. Der Beitrag sei nicht ausgeglichen gewesen, erklärte sich SRF.

Für unproblematisch erklärt SRF auch einen Vorgang rund um eine Reportage zu den Schweizer Gardisten im Vatikan vom letzten Sommer. Ein Reporter des Formats «rec.» rückte ganz nah an die Gardisten heran. Wobei es ihm am Ende des Beitrags selber dämmert, dass sich die Garde auch deshalb so sympathisch gibt, um Werbung in eigener Sache zu betreiben. Was aber nirgends erwähnt wird: dass eine dem Vatikan nahestehende Agentur den Beitrag vor der Ausstrahlung visioniert und faktisch abgesegnet hat. Ermöglicht haben soll das hemdsärmelige Manöver, über das man sich im Sender stark wunderte, wiederum Anita Richner. Eine vertragliche Abmachung dazu, eigentlich zwingend nötig, soll es nicht gegeben haben.

SRF sagt dazu, man würde Visionierungen zu «gewissen Themen immer wieder machen». Es sei dann auch nichts beanstandet worden. Ausserdem habe eine schriftliche Vereinbarung vorgelegen.* SRF versichert: «Die redaktionelle Verantwortung lag und liegt ausschliesslich bei SRF.»

* Korrigenda vom 27. Februar 2026: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht, es sei kein Vertrag für die Visionierung abgeschlossen worden. Korrekt ist: Es gab eine schriftliche Vereinbarung.