Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Angeschlagenes Selbstbewusstsein

Allein zwischen 2015 und 2020 hat die SRG den Abbau von 740 Stellen bekannt gegeben. Jetzt kippt das Schweizer Fernsehen beliebte Sendungen aus dem Programm, kündigt wolkig eine digitale Transformation an – und verunsichert die JournalistInnen im Haus.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

Das Schweizer Radio und Fernsehen, 1931 begründet, ist eine nationale Marke, wie es einst die Swissair gewesen ist. Der öffentlich finanzierte Sender steht für hohe Glaubwürdigkeit, Qualität und nationalen Zusammenhalt.

Noch ist ein Grounding des grössten Medienbetriebs des Landes völlig undenkbar, aber der anders als die privaten Medienhäuser erst spät von der Medienkrise erfasste Riese wirkt verunsichert. Dafür stehen rückläufige Werbeeinnahmen, Sparprogramme und der Stellenabbau der jüngsten Vergangenheit. 2015 kündigte das Unternehmen die Streichung von 250 Stellen an, 2018 waren es 200, 2019 40, in diesen Wochen nochmals 250 Stellen. Aber es sind nicht allein äussere Umstände wie die Digitalisierung, die den Sender und seine Mitarbeitenden verunsichern.

JournalistInnen wehren sich

Die Krise ist auch hausgemacht. Einer, der das Innenleben des Schweizer Fernsehens aus jahrelanger Erfahrung kennt, sagt gegenüber der WOZ, die SRF-Direktorin Nathalie Wappler habe ein schweres Erbe von ihrem Vorgänger Ruedi Matter übernommen. Dieser habe die Hierarchisierung auf die Spitze getrieben, es gebe zu viele Chefs und Stabsstellen, die sich mit irgendwelchen Planspielen beschäftigten oder die Leute an der Front bei der Arbeit mehr behinderten als unterstützten. Der ehemalige SRF-Direktor habe den Overhead aufgeblasen. Die Arbeitsbedingungen der JournalistInnen hätten sich hingegen verschlechtert, in weniger Zeit müssten sie mehr leisten.

SRF ein Bürokratiemonster? Dass das keine böswillige Einschätzung ist, dafür steht der «Aufstand im Newsroom», wie der «Blick» unlängst titelte. Die Inlandredaktion des SRF wehrte sich in einem Schreiben an die ChefInnen, das auch an SRF-Direktorin Nathalie Wappler gerichtet war.

Darin heisst es unter anderem: «Zu oft fühlen wir uns von übergeordnet getroffenen Entscheidungen als kritische JournalistInnen beschnitten, als engagierte RedaktorInnen übergangen und als leistungsbereite Mitarbeitende eingeschränkt.» Es herrsche «ein Gefühl von Fremdbestimmung und fehlendem Gestaltungsspielraum». Dies sei ein Grund, weshalb talentierte JournalistInnen den Sender verliessen.

Auch die Bundeshausredaktion kritisierte in einem Schreiben an Wappler und Chefredaktor Tristan Brenn: «Unsere Planerin/Inputer verbringen sehr viel Zeit mit Sitzungen, diskutieren immer wieder die gleichen Themen. Wir haben zu viele Ansprechpartnerinnen. Es ist unklar, wer wofür zuständig ist. Entscheide werden verschleppt.» Die «hoch motivierten» JournalistInnen wehren sich dabei nicht gegen die digitale Transformation, im Gegenteil: «Das SRF mit all seinen Sendungen, aber auch mit den neuen digitalen Kanälen, ist uns allen sehr ans Herz gewachsen. (…) Die festgefahrene Situation im laufenden Veränderungsprozess und die damit steigende Unzufriedenheit bei den Mitarbeitenden erfüllen uns mit grosser Sorge.»

Beim Radio scheint die Lage weniger explosiv. Zwar habe auch hier der Umbau zu Verunsicherungen geführt, sagt ein erfahrener Radiomann. So werden offenbar ältere Mitarbeitende seit Jahren in die Frühpensionierung gedrängt. Dass nun die digitale Transformation vorangetrieben werde, halte er aber für richtig. Auch die jüngsten Ankündigungen seien nicht bloss negativ. Man müsse dabei anerkennen, dass nicht bloss gespart, sondern auch in die Zukunft investiert werde. Als Beispiel nennt er die geplante Einstellung von mehr als neunzig digitalaffinen jungen Leuten. Das sei auch eine Chance, die mangelhafte Diversität bei SRF zu fördern, indem der Sender vermehrt Leute mit Migrationshintergrund einstelle.

Etablierte Sendungen gestrichen

Der Neuausrichtung von SRF fallen bekannte und etablierte Sendungen zum Opfer. Darin ist auch die schleichende Abkehr vom linearen Fernsehen erkennbar. «Sportaktuell», «Eco», «Einstein spezial» oder «Netz Natur» fallen aus dem Programm. SRF wird ausserdem im Sommer- und Feiertagsprogramm weniger Neuproduktionen ausstrahlen. Der Sender überträgt «Basel Tattoo» und das Zirkusfestival Monte-Carlo nicht mehr. Im Radio streicht SRF die Sendungen «Zwischenhalt», «Blickpunkt Religion» und «Morgengeschichte».

Und schliesslich gab Nathalie Wappler bekannt, dass Sandra Manca, die Leiterin von SRF News, den Sender verlässt. Das passt zur Aussage jenes eingangs erwähnten langjährigen Kenners des SRF-Innenlebens: «Das SRF ist längst nicht mehr die erste Adresse für JournalistInnen.»

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