Geschichtspolitik: Zu Recht das Recht gebrochen
Nächste Woche berät der Nationalrat über die Rehabilitierung von Schweizer:innen im französischen und italienischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Welche Bedeutung hat diese Erinnerung heute?
Der Tessiner Florindo Meraldi, 1913 in Ascona geboren, ist gelernter Schlosser und überzeugter Antifaschist. Nach einem Kriegseinsatz mit dem kommunistischen Garibaldi-Bataillon im Spanischen Bürgerkrieg in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schliesst er sich im Sommer 1944 den Partisan:innen in der norditalienischen Region Ossola an. Im November verurteilt ihn ein Militärgericht in Lugano wegen «heimlichen Grenzübertritts» nach Italien und der «Verschleuderung von Armeematerial» in Abwesenheit zu sechs Monaten Gefängnis. Meraldi hatte ein Paar Militärhosen und -schuhe in den Kampf mitgenommen. Den Vorwurf, mit dem Einsatz in Italien habe er die «Wehrkraft» der Schweiz geschwächt, verfolgt das Gericht nicht weiter.
Meraldi ist einer von knapp 450 Schweizer:innen, die sich in dieser Zeit am italienischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung beteiligt haben sollen, fast die Hälfte von ihnen operierten damals im Piemont, zu dem auch Ossola gehört. Im Bundesarchiv finden sich zudem Akten über eine ähnliche Anzahl Schweizer Freiwilliger in der französischen Résistance. Statt einer Anerkennung drohte ihnen nach dem Einsatz Verfolgung: Wer ohne Erlaubnis des Bundesrats in einer fremden Armee dient, macht sich strafbar – das regelt bis heute Artikel 94 des Militärstrafgesetzes, der 1927 unter anderem eingeführt wurde, um die eigene Verteidigung und die Neutralität sicherzustellen. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz – oder in Abwesenheit wie bei Meraldi – wurden viele der Kämpfer:innen deshalb zu Haftstrafen verurteilt.
Mehr als achtzig Jahre später sollen die Freiwilligen Gerechtigkeit erfahren: Nächsten Mittwoch berät der Nationalrat einen Vorstoss zur Rehabilitierung von Italien- und Frankreichkämpfer:innen. Wer waren sie, was ist über die Motive bekannt, und wieso ist die Erinnerung an sie gerade heute wichtig?
Eine heterogene Gruppe
Die Versuche einer Wiedergutmachung haben eine lange Geschichte: 1999 forderte der damalige SP-Nationalrat Paul Rechsteiner nicht nur die Rehabilitierung jener Schweizer:innen, die Geflüchtete vor der NS-Verfolgung gerettet hatten, sondern auch die der Résistance- und Spanienkämpfer:innen. Während in der Folge die Strafurteile gegen die Fluchthelfer:innen aufgehoben wurden, kam es – dank eines weiteren Vorstosses von Rechsteiner – erst zehn Jahre später zur Rehabilitierung der Spanienfreiwilligen. Wegen der fehlenden historischen Forschung zu den Beweggründen der Résistance-Kämpfer:innen, so die Argumentation des Parlaments damals, blieben diese aussen vor. Wieder aufs politische Tapet kam das Thema dann vor fünf Jahren.
Und heute?
Die Frage nach der Rehabilitierung der Frankreich- und Italienfreiwilligen ist auch in Bezug auf heutige Kriegseinsätze relevant. 2024 forderte SP-Nationalrat Jon Pult in einem Vorstoss, jenen Schweizer:innen eine Amnestie zu gewähren, die «in der Ukraine gegen die völkerrechtswidrige russische Aggression und somit für Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität kämpfen oder gekämpft haben». Der Nationalrat lehnte das Ansinnen im September ab, weil er aus «neutralitätspolitischen» Überlegungen «kein Signal in einem laufenden bewaffneten Konflikt» senden wolle.
Auch ein Vorstoss von SVP-Nationalrat Lukas Reimann fand keine Mehrheit. Dieser hatte die Aufhebung der Strafurteile gegen Schweizer:innen verlangt, die in Syrien gegen den IS gekämpft hatten. Wie viele Schweizer:innen derzeit in der Ukraine kämpfen, ist unklar. Die Militärjustiz führt über ein Dutzend Verfahren wegen fremden Militärdiensts. Ein erster Prozess endete im Dezember mit einer bedingten Haftstrafe.
2021 startete Stéfanie Prezioso von der Westschweizer Linkspartei SolidaritéS, die für die Grünen im Nationalrat sass, einen weiteren Versuch. Im Ständerat reichte Parteikollegin Lisa Mazzone einen gleichlautenden Vorstoss ein. Bei dem Anliegen sei es ihr einerseits «um die Erinnerung an einen zentralen Moment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts» gegangen, begründet Prezioso ihre Motivation. Andererseits interessiere sie sich auch beruflich für das Thema. Die Genferin beschäftigt sich auch als Historikerin mit Antifaschismus, demnächst erscheint ihr Buch zu ausländischen Freiwilligen in den Internationalen Brigaden während des Spanischen Bürgerkriegs.
Dass die Wissenslücken zur Résistance geschlossen werden konnten, ist im Wesentlichen Peter Huber zu verdanken. Der Basler Historiker hatte bereits zu den Spanienfreiwilligen geforscht und sich anschliessend der Schweizer Beteiligung am französischen Widerstand gewidmet. In seiner Studie «In der Résistance» aus dem Jahr 2020 beschreibt er erstmals soziale Profile, Werdegänge und Motivationen. Im Gegensatz zu den Spanienkämpfer:innen mit ihren kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Hintergründen seien die Schweizer:innen in Frankreich «eine sehr heterogene Gruppe» gewesen, sagt Huber. Nur ein Fünftel wohnte bei Kriegsausbruch in der Schweiz, die meisten hielten sich bereits in Frankreich oder in dessen Kolonien auf. Und rund die Hälfte waren ehemalige Fremdenlegionäre – so wie Paul Aschwanden.
In Küssnacht am Rigi geboren, stammt er – wie viele der Schweizer Résistants – aus armen Verhältnissen, die Jugend ist durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen geprägt, Aufenthalte in Erziehungsheimen, diverse Jobwechsel. 1940 geht Aschwanden nach Frankreich, um Legionär zu werden, «ein neues Leben anzufangen». Nach der Ausbildung bei einer Vichy-treuen Truppe in Algerien wechselt er 1943 die Fronten und tritt in die Freien Französischen Streitkräfte von General Charles de Gaulle ein, die die französischen Kolonien in Afrika und dem Nahen Osten von den Nazis zurückeroberten. Bei seiner Rückkehr in die Schweiz wird er zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, absitzen muss er die Strafe nicht.
Die Schweiz als Pufferzone
Die Motive der Freiwilligen reichten von einer Abneigung gegen Hitler-Deutschland bis zu Bewunderung für die Alliierten und Frankreich; auch Schwierigkeiten im zivilen Leben oder eine Begeisterung fürs Militär beeinflussten den Entscheid. Rund sechzehn Prozent der untersuchten Personen waren auch nach Kriegsende weiter bei der Fremdenlegion im Einsatz, die «in Indochina und Algerien Unheil verbreitete», wie Huber in seinem Buch schreibt.
Zur Minderheit, die aus Überzeugung gegen die Nazis kämpfte, gehörte Reynold Thiel aus Neuchâtel. Der Sohn eines Färbers und einer Schneiderin absolviert die Handelsschule und geht anschliessend ins Ausland. In Paris erhält er nicht nur ein Diplom als Pianist, sondern tritt auch der kommunistischen Partei bei. 1937 schliesst sich Thiel den Internationalen Brigaden in Spanien an, drei Jahre später wird er im besetzten Paris für die Résistance rekrutiert. Als er 1945 in die Schweiz zurückkehrt, entgeht er einer Verurteilung, da die Behörden nichts von seinen Aktivitäten wissen. Thiel engagiert sich weiter für die Kommunistische Partei Frankreichs und in deren internationalen Netzwerken.
Auch die Schweizer Beteiligung am italienischen Widerstand ist erst kürzlich näher erforscht worden. Der Tessiner Historiker Raphael Rues – das Buch «Kampfzone Ossola», das er mit Andrej Abplanalp geschrieben hat, erscheint kommende Woche – unterscheidet zwischen mehreren Gruppen von Unterstützer:innen: Neben «idealistischen Freedom Fightern», von denen einige auch einfach das Abenteuer gesucht hätten, hätten viele Tessiner:innen den Partisan:innen geholfen: Waffen geschmuggelt, Unterschlupf und medizinische Versorgung gewährt. Die meisten von ihnen waren politisch motiviert, so wie Gabriella Antognini.
Die Tessiner Pflegerin hilft gemeinsam mit ihrer Schwester Partisan:innen, die aus der Internierung in der Schweiz geflohen sind, zurück nach Italien. Weil sie beim Grenzübertritt mit Nachrichten für den Widerstand erwischt wird, muss Antognini für eine Woche in Haft. Nach dem Krieg setzt sich die Kommunistin für die Rechte der Arbeiter:innen ein, später zieht sie als erste Frau in den Gemeinderat von Locarno ein.
«Die Tessiner:innen waren vehement gegen den Faschismus und für die Partisan:innen, gerade in der Grenzregion gab es viele transnationale familiäre Verbindungen», sagt Historiker Rues. Schon Anfang der 1940er Jahre hätten politische Flüchtlinge aus Italien in Tessiner Zeitungen für den Widerstand agitiert. Ebenfalls entscheidend für diesen Widerstand seien aber auch die örtlichen Tessiner Behörden gewesen, die bei Rechtsbrüchen beide Augen zugedrückt hätten, so Rues. Insgesamt sei die Schweiz, fasst der Historiker zusammen, «eine Art Pufferzone» gewesen, die den Partisan:innen immer wieder Zuflucht bot: Rund 10 000 Personen, darunter auch über 6000 Zivilist:innen, hätten damals über die Grenze in Sicherheit flüchten können. Diese Geschichte des aktiven Widerstands in der Schweiz gegen das NS-Regime wird erst langsam Teil der Erinnerungskultur; erst letzten Sommer wurden im Valle Onsernone «Stolpersteine» im Gedenken an drei Partisanen gelegt.
Im Oktober hat sich eine Mehrheit der nationalrätlichen Kommission für Stéfanie Preziosos Vorstoss ausgesprochen – und neben der Résistance auch den italienischen Widerstand integriert; im Januar sprach sich auch der Bundesrat für die Rehabilitierung aus. In einer Mitteilung wollte er diese allerdings tunlichst nicht als Kritik am Handeln der damaligen Behörden verstanden wissen und betonte die Rechtmässigkeit der ergangenen Urteile. Das Verbot des fremden Militärdiensts werde mit der Rehabilitierung «nicht infrage gestellt oder neu gewertet». Die Urteile von damals würden sich jedoch «nicht mehr mit dem heutigen Gerechtigkeitsempfinden» decken. «Vor dem Hintergrund des heutigen Geschichtsverständnisses verdient der damalige Kampf für die Demokratie Anerkennung», schreibt der Bundesrat.
Hoher symbolischer Wert
Aber wie stark stand der Einsatz für die Demokratie bei den Schweizer Résistance-Freiwilligen im Vordergrund? Die Frage drängt sich gerade im Fall der Fremdenlegionäre auf. Das Ziel sei nicht eine namentliche Rehabilitierung Einzelner, sondern aller Kämpfer:innen, sagt Exnationalrätin Prezioso. «Darüber hinaus geht es aber auch darum, den Kampf gegen den Faschismus zu rehabilitieren.» Zudem seien der Antifaschismus und dessen Motive ohnehin vielfältig gewesen. «Wenn jemand zu den Waffen greift, tut er oder sie das nie ausschliesslich aus einem einzigen Grund, das weiss ich aus meiner Forschung», so Prezioso.
Ähnlich sieht es auch die Kommissionsmehrheit: «Individuelle Beweggründe der Freiwilligen» spielten für die Bewertung «eine untergeordnete Rolle». Schliesslich hätten sie sich im historischen Rückblick «richtig und weitsichtig» verhalten.
Gerade heute, in einer Zeit autoritärer Entwicklungen, sei eine Rehabilitierung der Kämpfer:innen von damals von hohem symbolischem Wert, findet Prezioso. Symbolisch bleibt er allerdings auch deshalb, weil keine finanzielle Wiedergutmachung vorgesehen ist. Auch Historiker Raphael Rues betont die Symbolkraft des Anliegens. Er sagt aber auch: «Wir kommen reichlich spät damit.» Die Freiwilligen seien erst von den Schweizer Behörden verurteilt worden und hätten dann Jahrzehnte auf ihre Rehabilitierung warten müssen. Jetzt, da diese endlich komme, seien nicht nur die Kämpfer:innen selbst, sondern inzwischen oft auch deren Kinder gestorben. Und dennoch: «Das Wichtigste ist, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.»
Raphael Rues, Andrej Abplanalp: «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945». Verlag Hier und Jetzt. Die Buchvernissage findet am 11. März 2026 um 10.30 Uhr im Berner Käfigturm statt.
Nachtrag vom 19. März 2026: Späte Wiedergutmachung
Knapp achtzig Jahre hat es gedauert, nun hat der Nationalrat letzte Woche einen wegweisenden erinnerungspolitischen Entscheid gefällt: Mit 129 zu 60 Stimmen beschloss er die Rehabilitierung von Schweizer:innen, die sich während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance und der Resistenza gegen das NS-Regime stellten. Das Gesetz soll nicht nur für Personen gelten, die damals aktiv kämpften, sondern auch für diejenigen, die den Widerstand unterstützten – was vor allem an der Schweizer Südgrenze eine grosse Zahl Tessiner:innen taten, indem sie humanitäre Hilfe leisteten oder die Logistik für die italienischen Partisan:innen organisierten. Ein Recht auf finanzielle Wiedergutmachung ist nicht vorgesehen. Das Geschäft geht nun an den Ständerat.
Bundesrat Beat Jans sprach in der Parlamentsdebatte von einem «wichtigen Zeichen der Anerkennung», wollte die Rehabilitierung allerdings weder als Kritik am damaligen Behördenhandeln noch am bis heute geltenden Gesetz, das «fremden Militärdienst» unter Strafe stellt, verstanden wissen: «Es geht hier um eine rückblickende Bewertung durch die Brille unserer heutigen demokratischen und historischen Einsichten.» In diese Kerbe schlug dann auch die SVP, die das Ansinnen als Einzige ablehnte: Wenn man der Meinung sei, das geltende Gesetz sei aus heutiger Sicht nicht mehr angemessen, müsse man dieses ändern, sagte der Genfer Nationalrat Roger Golay.
Christian Dandrès von der SP hingegen zog in seinem Votum eine Linie zur europäischen Migrationsabwehr von heute. Die Kämpfer:innen von damals hätten sich der Verteidigung der Menschenwürde verpflichtet – mit der Einsicht, dass übergeordnete Prinzipien wie die Solidarität zuweilen auch «Vorrang vor dem Gesetz haben müssen». Entsprechend müssten auch heutige Gesetze, die Menschenwürde und Solidarität entgegenstünden, bekämpft werden.