Pop: Mit Ukulelen geschlagen
Wie ein süchtig machender Strom aus dem Unterbewusstsein: Cameron Winter ist eine der interessantesten neuen Stimmen im Rock. Nun spielt er mit seiner Band Geese in Zürich.
Die Stimme von Cameron Winter klingt schwerfällig, fast verstopft. Scheinbar widerwillig bewegt sie sich durch die Songs, als wäre sie immer kurz davor, das Gleichgewicht zu verlieren. Die Lyrics seines Soloalbums «Heavy Metal» von 2024 wirken wie beiläufig fallen gelassen, mehr halluziniert als geschrieben: «Ich werde weiterrollen, bis mein bestes Hemd abrollt. Bis die Polonaise hinter mir tausend Hühner lang ist.» Schon plätschert der Song «The Rolling Stones» weiter wie ein Wiegenlied, ein Chor setzt ein, «wie Brian Jones» sei er zum Schwimmen geboren, und alles verschwimmt, bis Winters Stimme plötzlich ins Falsett abhebt, zu miauen beginnt: «Briiiian Joooones».
Bereits der erste Song des Albums zeigt das hohe Irritationspotenzial von Winter. Nichts an seinen Texten ist eindeutig, und doch liegt in ihrer Kryptik eine Klarheit, wie man sie im Rock lange nicht gehört hat: wie ein Strom aus dem Unterbewusstsein, der durch einen hindurchfliesst und süchtig macht – ungefiltert, widersprüchlich, dringlich.
Angstfrei und fachkundig
Cameron Winter ist gerade mal 23 Jahre alt und steht mit seiner New Yorker Band Geese bereits im Zentrum eines internationalen Indiehypes. Seit ihrem dritten Album, «Getting Killed», erschienen letzten Herbst, wird die Band als erste grosse Rockband der Gen Z gehandelt. Vergleiche mit den Strokes oder Nirvana machen die Runde.
Der Hype war nicht geplant. Geese entstanden vor rund zehn Jahren als Schulband. Fünf Teenager, für die eigentlich der Weg an Eliteuniversitäten vorgesehen war. Dann kam der Erfolg dazwischen. Nach unerwartet positiven Reaktionen auf ihre Demos kam die Band beim angesehenen Label Partisan Records unter. Geese agieren nicht mit einer Karrierestrategie, sondern als Band mit erfrischender Experimentier- und Risikobereitschaft, die erstaunlich angstfrei und doch fachkundig durch die Musikgeschichte der letzten siebzig Jahre streift.
Das Album «Getting Killed» fühlt sich an wie eine Durchquerung extremer Landschaften aus Rock, Punk, Soul und Jazz – mit abrupten Rhythmuswechseln und überraschenden Wendungen. Die Songs von Geese sind voller Zitate und Anspielungen: Beatles-artige Intros treffen auf bedrohliche Drumgrooves, die an die Arctic Monkeys erinnern. Ironie spielt dabei eine zentrale Rolle: In «Cobra» werden die abgegriffensten Vokabeln des Liebesliederkanons hochgenommen – «baby» und «forever» jongliert. Im Musikvideo von «Au Pays du Cocaine» ist das Babygegenüber tatsächlich ein Säugling. Geese ist eine Band ohne lähmende Ehrfurcht vor dem Dagewesenen und ohne den Anspruch, etwas radikal Neues zu erfinden.
Das tatsächlich Neuartige an Geese ist Cameron Winter. Die Art, wie er singt mit seiner absonderlichen Stimme, aber auch, was er singt. Wie gewaltig und prophetisch diese Stimme klingen kann, hat Winter auf «Heavy Metal» bewiesen, zuerst fast unbeachtet, dann zunehmend gefeiert. Während er bei Geese als subversiver Schelm auftritt, sich selbst für keine Pose zu schade, öffnet das Soloprojekt einen intimen, melancholischen, ja meditativen Raum. Wo Winter sich im Bandgefüge zwischen gleichberechtigten Instrumenten behaupten oder mit viel Lärm durchsetzen muss, klingt «Heavy Metal» ironischerweise, als sitze man ihm allein am Klavier gegenüber. Seine Stimme wirkt dabei älter als ihr Träger, verletzlicher auch – sie folgt keiner vorgegebenen Spur, verweigert jede Glätte und entfaltet gerade darin ihre eigentliche Kraft.
Chaos und Erhabenheit
Bei Geese hat man das Gefühl, die Lyrics sollen vor allem Reibung erzeugen, auf dem Soloalbum sind sie das Werkzeug für eine spirituelle Erkenntnissuche. Winter zeigt sich als Nachwuchskünstler, den der Drang zum Schaffen in den Wahnsinn treibt. Und der nicht darüber hinwegzukommen scheint, musikalisch in der falschen Zeit geboren zu sein: Er sei mit Ukulelen geschlagen worden, heisst es in einer Zeile – Rockfans, die die 2010er Jahre erleben mussten (Twenty One Pilots, The Lumineers oder Vance Joy), fühlen mit. Kaum ein Song folgt einer klaren Form: Klavierakkorde bilden Strudel, Texte krachen ineinander, Chaos kippt in Erhabenheit und wieder zurück. Am krassesten der Moment im Song «0$», in dem Winter wie bei einer spirituellen Eingebung aus dem Nichts verkündet: «Gott ist real.» Und einen Schlag später nachlegt: «Diesmal scherze ich nicht» – und man bis zum Ende nicht weiss, ob das alles ein Scherz ist.
Jedenfalls ist es ein Glück, für Geese und überhaupt, dass Winter sich diesen Moment genommen hat, um sich von der Band zurückzuziehen und ohne grossen Erwartungsdruck seine ganz eigene Stimme zu finden. Sie pointiert den subversiven Kommentar der Band auf das Genre Rock. Wenn sie bricht, an die Ränder des Ertragbaren oder Schönen geht, wie man es von Devendra Banhart oder Joni Mitchell kennt. Es sind die Stellen, die einen die ersten Male innerlich verkrampfen lassen, die aber zu Lieblingsstellen werden.
Solche gibt es auch auf «Getting Killed» von Geese, wenn auch nicht so fein und ungebunden. Und trotzdem macht es Spass, sich mit einem leicht überdrehten und aufmüpfigen Winter etwas draufgängerisch zu fühlen.
Geese in Zürich, Xtra, 11. März 2026.