Stadtbus Winterthur: Nach dem Streik ist vor dem Streik
In Winterthur legen sich Busfahrer:innen mit einem fiesen Stadtrat an. Ein bemerkenswerter Arbeitskampf.
Das Fazit zuerst: Hätte Stadtrat Stefan Fritschi auch nur annähernd so viel Energie in die Lösung wie in die Verschleppung der Probleme seiner Chauffeur:innen gesteckt, wären die Busse in Winterthur nie stillgestanden.
Noch kurz vor dem bemerkenswerten Busstreik am vergangenen Dienstag, als die meisten Winterthurer Stadtbusse von 4.30 Uhr bis 8.30 Uhr im Depot blieben, versuchte der FDP-Politiker, das Personal auszumanövrieren. Er habe Pensionierte und Leute aus der Leitstelle als Streikbrecher:innen aufbieten lassen, erzählt Personalvertreter und Chauffeur Christian Reisacher. Ausserdem habe er die Fahrer:innen aus der Nachtschicht angewiesen, ihre Busse statt im Depot an anderen Orten in der Stadt, etwa am Bahnhof, abzustellen.
«Wir haben die Aktion zum Glück rechtzeitig bemerkt und zahlreiche Busse zurück ins Depot gefahren», so Reisacher nach diesem aufreibenden Tag, der als Winterthurer Busstreik in die Stadtgeschichte eingehen wird. Gegen hundert Fahrer:innen von Stadtbus Winterthur beteiligten sich am Protest, nur rund zwanzig Busse waren unterwegs. Ein grosser Erfolg – und er könnte sich wiederholen. Schon nächste Woche könnten die Busse wieder im Depot bleiben, dann für einen ganzen Tag und ohne Vorankündigung. Der Warnstreik könnte in einen regulären übergehen und der Arbeitskampf sich verschärfen, sollte die Stadt die Arbeitsbedingungen nicht verbessern. «Die Frustration ist enorm hoch», sagt Reisacher.
Tricksen mit dem Ersatzdienst
Seit Jahren beklagen sich die Fahrer:innen der städtischen Linienbusse über schlechte Arbeitsbedingungen und unfaire Entlöhnungen. 2024 beschwerten sie sich darüber in einer Petition an den Stadtrat, 200 von 260 Fahrer:innen unterschrieben, eine beachtliche Quote. Gewerkschafter Micha Amstad, beim VPOD für den Nahverkehr zuständig, sagt, der breite Widerstand komme nicht von ungefähr. Es gebe in Winterthur Regelungen, die er nirgends sonst in der Schweiz angetroffen habe.
Im Fokus der Kritik steht der sogenannte Ersatzdienst. Eigentlich nutzen Busbetriebe diesen, um unerwartete Ereignisse wie Krankheitsausfälle auffangen zu können. Es ist eine Art Piketteinsatz, doch in Winterthur, so der Vorwurf, würden die Ersatzdienste dazu benutzt, die Stundenkonten der Fahrer:innen auszutarieren. Busfahrer Reisacher erklärt, wie das System funktioniert: Wenn er zum Ersatzdienst eingeteilt werde, erfahre er jeweils um 17 Uhr, ob er am nächsten Tag wirklich gebraucht werde. Meistens muss er zu Hause bleiben – und verbucht entsprechend Minusstunden. Die fehlenden Stunden kann er nur ausgleichen, wenn er an anderen Tagen Überstunden leistet oder sich für unbeliebte Zusatzschichten, etwa am Wochenende, meldet. Ersatzdienst würde auch gerne angeordnet, wenn Fahrer:innen Überstunden angehäuft hätten. Pikettzulagen gibt es keine. Reisacher sagt: «Es wird ein extremer Druck auf uns Chauffeur:innen aufgebaut, um den Arbeitsplan möglichst kostenoptimiert zu gestalten.»
Für Amstad vom VPOD ist das ganze System «höchstwahrscheinlich gesetzeswidrig». Er hat sich schon beim Bundesamt für Verkehr darüber beschwert; man schrieb ihm zurück, Stadtbus Winterthur müsse zumindest eine schriftliche Regelung dazu aufstellen, wann und wie Ersatzdienste angeordnet werden können. Bis heute geschah nichts dergleichen. Immer wieder legten Vertreter:innen der Belegschaft ihre Forderungen vor, immer wieder seien sie vertröstet worden, seien Fristen verstrichen. «Man hat uns hingehalten und auf Zeit gespielt», vermutet Reisacher.
Sehr zum Ärger der Buschauffeur:innen. Die nicht nur vom Ersatzdienst geplagt sind, sondern auch davon, dass es für den belastenden Nachtdienst nur sehr eingeschränkt Zulagen gibt. Anders als üblich, so Amstad, gewähre Stadtbus Winterthur erst ab 22 Uhr Zulagen, üblich seien solche ab 20 Uhr. Was Reisacher besonders stört, ist, dass die Busfahrer:innen gegenüber anderen städtischen Angestellten, etwa in den Spitälern, benachteiligt würden, die schon ab 20 Uhr Zulagen erhielten: «Diese Zweiklassengesellschaft macht mich wütend.» Dazu beklagt sich Reisacher über lange Präsenzzeiten von bis zu 12 Stunden, wovon bloss 7,5 Stunden entgolten würden.
Stolze Familientradition
Aber warum behandelt denn die Stadt Winterthur, die satte Überschüsse schreibt, ihre Busfahrer:innen derart blamabel? Stefan Fritschi, der an den Lokalwahlen diesen Sonntag Stadtpräsident werden will, war für die WOZ nicht zu erreichen. In zwei Medienmitteilungen, die sein Departement herausgegeben hat, klingt wenig Problembewusstsein an. In der ersten Mitteilung heisst es im Titel vielsagend: «Stadtbus bedauert Unzufriedenheit der Gewerkschaft». Man schiebt den Konflikt auf den VPOD, statt die Unzufriedenheit der Chauffeur:innen anzuerkennen. Und in der zweiten wird behauptet, dass «Dutzende externe Aktivist:innen» das Depot blockiert hätten. Von Aktivist:innen seien auch Gespräche von Fritschi mit den streikenden Fahrer:innen am frühen Dienstagmorgen beim Depot gestört worden. Der Verdacht drängt sich auf, dass der FDP-Mann sein eigenes Personal nicht kennt.
Christian Reisacher klagt, dass die Wertschätzung der Stadt für ihre Chauffeur:innen seit Jahren abnehme. Er sitzt seit 22 Jahren für Winterthur hinter dem Steuer. Schon seine Eltern waren Buschauffeur:innen in Winterthur. Eine stolze Familientradition, aber eine, die Schaden genommen hat. Als Winterthur noch Industriestadt war, mit den Maggi-Werken in Kemptthal, habe die Arbeit einen höheren Wert gehabt. «Damals waren Büezer:innen gefragt, und man musste ihnen etwas bieten», sagt er, «doch heute stehen zwanzig andere bereit, um meinen Job zu übernehmen, wenn ich kündige.» Der Busbetrieb sitze am längeren Hebel und lasse das die Angestellten spüren, ist er überzeugt.
Der Druck wirkt
VPOD-Mann Micha Amstad hofft, dass der Warnstreik ein Wendepunkt sein wird. «Der Zusammenhalt im Personal ist beeindruckend und ein Riesenerfolg», sagt er. Es sei ein Moment des Empowerments für die Fahrer:innen gewesen: «Das werden sie nie vergessen.» Stadtrat Fritschi habe den Druck gespürt. «Endlich ist er mal mit uns an den Tisch gesessen», so Amstad. Erste Ankündigungen für substanzielle Verbesserungen gebe es, doch beschlossen ist nichts.
Dabei will so manche Forderung bloss einen alten Zustand wiederherstellen. So waren die verlangten Nachtzulagen ab 20 Uhr vor einigen Jahren noch Usus. Bis der Zürcher Gesamtarbeitsvertrag fürs ÖV-Fahrpersonal in Kraft trat, der dort Spielraum bot, den Winterthur ausnutzte. Letzten Sommer scheiterte eine Erneuerung des GAV sowohl an Forderungen der Gewerkschaften wie der Arbeitgeberseite. Den kampflustigen Buschauffeur:innen kam das gelegen. Denn mit dem Ende des GAV entfiel auch die Friedenspflicht, und dem ersten Winterthurer Busstreik stand nichts mehr im Weg.