Pakistan / Afghanistan: «Offener Krieg» am Hindukusch

Nr. 11 –

Ende Februar ist der Konflikt zwischen den Nachbarländern eskaliert. Pakistan, einst Unterstützer der Taliban, bombardiert nun Kabul.

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Erst habe er gedacht, er träume, erzählt ein Bewohner von Kabul, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung gedruckt wissen will. Doch dann sei ihm klar geworden, dass das Donnern der Kampfjets am Himmel real sei. «Es war mitten in der Nacht, gegen drei Uhr morgens, als eine Explosion plötzlich die Erde erbeben liess», sagt der Mann, der in der afghanischen Hauptstadt unweit des Darul-Aman-Palasts lebt, am Telefon.

In der Nacht zum 27. Februar bombardierte die pakistanische Luftwaffe zahlreiche Ziele auf afghanischem Boden, darunter Armeebasen und Munitionsdepots in Kabul. Bereits Tage zuvor hatte sich der Konflikt zwischen der Taliban-Regierung und Pakistan erneut zugespitzt: Die Taliban hatten pakistanische Grenzposten angegriffen, nachdem pakistanische Luftschläge Ziele in Afghanistan getroffen hatten. Seitdem kommt es regelmässig zu Angriffen der pakistanischen Luftwaffe und zu militärischen Auseinandersetzungen entlang der fast 2500 Kilometer langen Grenze zwischen den beiden Ländern.

Man habe alles versucht, um die Lage zu beruhigen, schrieb der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif noch Ende Februar auf Social Media. Doch die Geduld seiner Regierung sei nun am Ende. «Wir werden jetzt einen offenen Krieg mit Afghanistan führen», erklärte er.

Dabei sind beide Seiten historisch gesehen eigentlich eng miteinander verbunden: Die pakistanische Regierung hatte die afghanischen Taliban jahrzehntelang teils verdeckt, teils offen in ihrem Kampf gegen die ehemalige afghanische Regierung und deren westliche Verbündete unterstützt. Als die Taliban im Sommer 2021 in Afghanistan erneut die Macht übernahmen, begrüsste die Regierung in Islamabad das. Doch mittlerweile haben sich die Beziehungen zum einstigen Vasallen in Afghanistan rapide verschlechtert.

Rückzugsraum für Terroristen

Grund dafür sind vor allem die pakistanischen Taliban, die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), die zwar ideologische Wurzeln mit den afghanischen Taliban teilen, jedoch als eigenständige Gruppe agieren. Während sich der Machtanspruch der afghanischen Taliban vor allem auf Afghanistan beschränkt, kämpft die TTP gegen die pakistanische Regierung. Sie hat in den letzten Jahren zahlreiche Anschläge verübt, vor allem in den Regionen entlang der afghanischen Grenze. Laut dem Pakistan Institute for Conflict and Security Studies kamen allein 2025 mehr als 600 Sicherheitskräfte und Hunderte Zivilist:innen durch solche Anschläge ums Leben.

Für die Regierung in Islamabad wird das zunehmend zum Problem: Sie wirft den Taliban in Afghanistan vor, die TTP auf afghanischem Boden zu beherbergen und in ihren terroristischen Aktivitäten zu unterstützen. Dabei ist bis heute unklar, in welchem Umfang die beiden Gruppen miteinander kooperieren. Die Taliban bestreiten eine aktive Unterstützung der TTP vehement. Der afghanische Verteidigungsminister Mohammad Yaqoob wies am vergangenen Wochenende gegenüber dem afghanischen Fernsehsender Tolo News die Anschuldigung zurück und beschuldigte stattdessen die pakistanische Regierung, Trainingscamps der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in Pakistan zu unterstützen, die wiederum Anschläge in Afghanistan verübte.

Laut einem Bericht des Uno-Sicherheitsrats ist aber unbestritten, dass TTP-Kämpfer die afghanischen Grenzgebiete als Rückzugsraum nutzen und dabei von der Regierung in Kabul zumindest geduldet werden. Die Taliban-Regierung hatte zuletzt gegenüber ihren eigenen Kämpfern immer wieder Verbote ausgesprochen, sich ausserhalb der Landesgrenzen an militärischen Aktivitäten wie denen der TTP zu beteiligen. Tatsächlich dürfte sich die Regierung in Kabul jedoch zurückhalten, um Kämpfer in den eigenen Reihen nicht zu vergraulen, die gerade in den traditionell eng verbundenen Grenzregionen oft enge Beziehungen zu den pakistanischen Taliban haben.

Die pakistanische Regierung versucht daher, die Taliban seit deren Machtübernahme zu einem härteren Vorgehen gegen die pakistanischen Islamisten zu drängen: erst durch Grenzschliessungen, Zölle und Handelsbeschränkungen, später auch durch die Ausweisung von Millionen afghanischen Geflüchteten, die im Nachbarland Schutz gesucht hatten. Die pakistanische Luftwaffe flog zudem immer wieder Angriffe auf Ziele in Afghanistan. Diese richteten sich in den letzten Jahren jedoch vor allem gegen mutmassliche TTP-Stellungen im Grenzgebiet. Mit der Bombardierung von militärischen Zielen wie Munitionsdepots und dem ehemaligen US-Stützpunkt Bagram sei nun eine neue Eskalationsstufe erreicht, sagt der langjährige Afghanistanexperte Antonio Giustozzi vom Royal United Services Institute in London.

Druck auf Taliban wächst

Während beide Seiten von jeweils Hunderten getöteten Kämpfern und Soldaten sprechen, dürfte der Konflikt vor allem für die afghanische Bevölkerung fatale Folgen haben: Die Uno geht dort mittlerweile von mindestens 42 zivilen Todesopfern sowie Hunderten von Verwundeten aus. Rund 115 000 Menschen könnten zudem auf afghanischer Seite bereits durch die Kämpfe vertrieben worden sein.

Laut Giustozzi hätten die Taliban nach den Angriffen Pakistans und ihren darauf folgenden Vergeltungsschlägen vor allem bei der Bevölkerung in östlichen Teilen des Landes an Rückhalt gewonnen. Mittlerweile vermeide Pakistan aber die direkte militärische Konfrontation an der Grenze. Den pakistanischen Luftangriffen seien die Taliban praktisch schutzlos ausgeliefert. Sie verfügten über keine militärische Strategie, um diese zu stoppen. «Die afghanische Regierung könnte vermehrt auf Terroranschläge in Pakistan setzen. Aber das wäre eine weitere Eskalationsstufe, und Pakistan würde vermutlich mit Luftangriffen antworten – auch auf zivile Ziele», sagt der Experte.

Auch die afghanische Wirtschaft könnte künftig noch stärker leiden, was die humanitäre Lage im Land weiter verschärfen würde. Schon jetzt sind laut der Uno fast die Hälfte der rund 40 Millionen Afghan:innen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Als Binnenstaat ist Afghanistan für den Import und Export von Waren und Handelsgütern von seinen Nachbarländern abhängig. Pakistan hat seine Grenze bereits geschlossen, um wirtschaftlichen Druck auszuüben. Und auch die Route nach Westen ist mit dem Krieg Israels und der USA gegen den Iran eingeschränkt. «Da bleibt nur noch der lange und beschwerliche Weg über Zentralasien», sagt Giustozzi.

Der afghanische Verteidigungsminister Yaqoob rief zuletzt externe Vermittler wie die Türkei, Saudi-Arabien oder Katar dazu auf, Druck auf Pakistan auszuüben, um eine diplomatische Lösung zu finden. «Wir haben den Krieg weder begonnen, noch wollen wir ihn», sagt er und drohte zugleich: «Aber wir sind bereit, uns langfristig zu verteidigen.»

Die pakistanische Regierung von Premierminister Shehbaz Sharif dürfte diese strategische Chance erkannt haben und alles tun, um den Druck weiter zu erhöhen. Zumal laut Giustozzi aktuell wohl kaum auf internationale Bemühungen um eine diplomatische Konfliktlösung zu hoffen ist. Saudi-Arabien, das im vergangenen Jahr noch als Vermittler zwischen den beiden Konfliktparteien auftrat, dürfte mit dem Krieg gegen den Iran nun noch stärker auf seinen Verbündeten Pakistan angewiesen sein – und sich kaum erneut in den afghanisch-pakistanischen Konflikt einmischen. Und auch andere mögliche Vermittlungspartner wie die USA, Katar oder die Türkei haben derzeit wohl andere Prioritäten.