Philosophie: Radikal offen

Nr. 11 –

Der französische Philosoph Étienne Balibar fragt, wie sich von der Differenz singulärer Körper zu einem Wir gelangen lässt. Ein neuer Band mit Aufsätzen und Vorträgen liefert Antworten.

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Portraitfoto von Étienne Balibar
Überzeugt, dass eine Verteidigung universeller Rechte ohne Verteidigung der am stärksten benachteiligten Gruppen nicht möglich ist: Étienne Balibar. Foto: Hannah Assouline, Laif

Differenz oder Universalismus? Die europaweite Rentendebatte ist ein Beispiel dafür, wie diese scheinbar abstrakte Frage politisch relevant werden kann. Während man sich in Deutschland bereitwillig in Altersgruppen ausdifferenzieren und in einen «Generationenkonflikt» treiben lässt, werden in Frankreich seit vielen Jahren generationenübergreifende Kämpfe gegen neoliberale Rentenreformen geführt. Dass dort universalistischen Forderungen grössere Bedeutung beigemessen wird als anderswo, liegt wohl auch an der Tradition engagierter Intellektueller, die in derartigen Konflikten Position beziehen.

Zu diesen zählt der Philosoph Étienne Balibar. 1942 im Burgund geboren, studierte er beim marxistischen Theoretiker Louis Althusser an der École normale supérieure, engagierte sich gegen Frankreichs Kolonialkriege und ging nach der Unabhängigkeit Algeriens auch als Hochschullehrer ins nordafrikanische Land. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich gehörte Balibar zu den ersten Intellektuellen, die auf die Differenzen innerhalb der Arbeiterklasse aufmerksam machten und sich die Verteidigung der Rechte migrantischer Arbeiter:innen auf die Fahne schrieben. Diese Haltung war auch der Grund, warum er sich mit der Kommunistischen Partei überwarf: Nachdem er in einem Artikel die fehlende linke Aufarbeitung der Massaker an algerischen Migrant:innen Anfang der sechziger Jahre kritisiert hatte, schloss ihn die Partei, der er als Jugendlicher beigetreten war, 1981 aus.

Politisches Handlungswissen

Die Überzeugung, dass eine Verteidigung universeller Rechte immer auch die Verteidigung der am stärksten benachteiligten Gruppen impliziere und es deshalb eines «Universalismus der Differenzen» bedürfe, prägt die Arbeit Balibars seit Jahrzehnten. Zum Ausdruck kam das unter anderem im Buch «Rasse, Klasse, Nation», das er 1988 mit dem US-Soziologen Immanuel Wallerstein veröffentlichte. Es gilt heute als Klassiker materialistischer Rassismusanalyse. Balibar und Wallerstein skizzieren darin, wie Herrschaftsverhältnisse fast notwendigerweise Rassismus hervorbringen und ständig weiterentwickeln. Zugleich betonen sie aber, dass Rassismus nicht nur instrumentell verstanden werden darf, sondern immer auch eine Eigendynamik entfaltet: Der Kapitalismus produziert zwar Rassismus, doch dessen Logik verselbstständigt sich gegenüber wirtschaftlichen Interessen.

Die neue Essaysammlung «Rasse, Geschlecht, Gattung» knüpft an diese Frage an, geht philosophisch aber deutlich über sie hinaus. In den sieben Vorträgen und Aufsätzen, die die Herausgeber:innen Manuela Bojadžijev und Ivo Eichhorn versammelt haben, erörtert Balibar das Verhältnis von sozialer Gleichheit und «anthropologischen Differenzen»: zwischen Geschlechtern, Kranken und Normalen, Staatsbürgerinnen und Migranten, sexuellen Orientierungen, Hautfarben. Damit begibt er sich auf schwieriges Terrain, denn keiner dieser Unterschiede ist «natürlich», aber sie sind doch auf sehr unterschiedliche Weise konstruiert. Wer hier für Gleichheit plädiert, ist damit konfrontiert, dass nicht jede Differenz einfach aufgehoben werden will oder kann.

Schon an dieser Problemstellung wird deutlich, dass es sich um anspruchsvolle Texte handelt. Und doch lohnt sich die Anstrengung, sich in Balibars verschachteltes Denken hineinzuarbeiten. Denn der Philosoph will trotz aller Abstraktion politisches Handlungswissen für Bewegungen und gesellschaftliche Kämpfe bereitstellen. In «Elektion/Selektion» etwa skizziert Balibar, wie der Rassismus im vergangenen Jahrhundert mutierte: Die darwinistisch hergeleitete «‹biologische› Lehre», mit der sich die Kolonialherrschaft legitimierte, wurde abgelöst von einem «Neo-Rassismus», der die «kulturelle Differenz» hervorhebt. So konnte sich ein Rassismus entwickeln, der ohne Hautfarben und Rassenkonstrukt auskommt und sich verstärkt auf die Unterscheidung zwischen Staatsbürger und Migrantin stützt.

Wie man sich zusammentun kann

Balibar setzt sich in weiteren Essays aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis von Differenz und Universalität auseinander. So diskutiert er etwa den antikolonialen Theoretiker Frantz Fanon, der in den fünfziger Jahren über Körperlichkeit, Rassismus und einen nichtweissen Universalismus reflektierte. Und er stellt sich den feministischen Debatten um Intersektionalität. Ausgehend von einem Text der Schriftstellerin Audre Lorde, untersucht er das Verhältnis von (sexueller) Identität, strukturellen Unterdrückungsverhältnissen und (selbstgewählten) Lebensentscheidungen. Mit Judith Butler wiederum gelangt Balibar zur Frage, ob sich aus der Differenz singulärer Körper zu einem radikaldemokratischen Wir gelangen lässt – wie sich Menschen also «zusammentun, ohne sich zu vermengen».

Der Band streift erstaunlich viele Debatten der Gegenwart. So erörtert Balibar etwa, inwiefern Antisemitismus als spezifische Form des Rassismus interpretiert werden sollte. An anderer Stelle denkt er über Heteronormativität und Sexualitäten nach. Dabei zeigt er sich nicht nur radikal offen für neue Ansätze, sondern immer auch vorsichtig im eigenen Urteil.

Buchcover von «Rasse, Geschlecht, Gattung. Zur Frage der anthropologischen Differenzen»
Étienne Balibar: «Rasse, Geschlecht, Gattung. Zur Frage der anthropologischen Differenzen». Aus dem Französischen von Christine Pries. Suhrkamp Verlag. Berlin 2025. 282 Seiten.