Sachbuch: Der vergessene Revolutionär
Den Namen Lenin kennen alle, den 1923 im deutschen Exil verstorbenen Julius Martow nur noch wenige. Dem versucht ein neuer Sammelband entgegenzuwirken. Martow war wichtiger Kopf der russischen sozialistischen Bewegung und spielte als Führer der Menschewiki die Rolle von Lenins Widerpart. Wie alle orthodoxen Marxist:innen damals war Martow davon überzeugt, dass eine sozialistische Revolution in Russland erst nach dem Sturz des Zarismus durch eine bürgerliche Revolution möglich sei.
Nach dem Sieg der Bolschewiki blieb Martow unbestechlicher Kritiker und Mahner. Wie viele hatte er nach dem Sturz der unfähigen Provisorischen Regierung eine Koalitionsregierung aller sozialistischen Parteien und die Erarbeitung einer neuen Verfassung in der Nationalversammlung erwartet. Stattdessen trieben Lenin und Trotzki das Land in den Bürgerkrieg. Martow kritisierte nicht nur den Umsturz 1917, sondern vor allem die bolschewistische Bürgerkriegspolitik. Das Verbot der Menschewiki und der anderen sozialistischen Parteien waren die Folge.
Lenin war nicht Stalin, er liess den alten Freund und Gegenspieler nach Deutschland ausreisen. Er sorgte sogar dafür, dass die sowjetische Botschaft für Martows Behandlung im Krankenhaus aufkam. Nach einer glaubwürdigen Erzählung hat der durch Schlaganfälle gelähmte Lenin später immer wieder auf ein Foto von Martow gezeigt: Denkbar, dass er seinem Gegenspieler im Nachhinein recht gab.
In Band werden Texte von Martow zusammen mit Nachrufen und aktuellen Kommentaren zu seinem Werk versammelt. Vier Nachrufen – von Otto Bauer, Friedrich Adler, Karl Kautsky und Rudolf Hilferding – folgen Aufsätze heutiger Autor:innen über Martows politische Theorie, sein Verhältnis zum Judentum oder seine Rezeption ausserhalb Europas. Am Schluss stehen drei Texte Martows aus den Jahren 1910, 1916 und 1921. Auszüge aus seinen Aufsätzen zur Staatstheorie oder auch Auszüge aus seinem Buch zur Geschichte der russischen Sozialdemokratie wären sicher auch nützlich gewesen.