Film: Zürcher Antifa-Bude?

Nr. 13 –

Der Dramaturg Kurt Hirschfeld war eine zentrale Figur im Zürcher Schauspielhaus, nicht nur während des Zweiten Weltkriegs. Ein «Unbekannter Bekannter», wie ein neuer Dokumentarfilm es will, ist er aber nicht.

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Kurt Hirschfeld mit Tochter Ruth und Drehbuchautor Richard Schweizer 1961
Kurt Hirschfeld (links) mit Tochter Ruth und Drehbuchautor Richard Schweizer 1961 bei der Feier zum Beginn seiner Intendanz am Schauspielhaus Zürich. Foto: Privatarchiv Ruth Hirschfeld

Gegen Ende des Dokumentarfilms über Kurt Hirschfeld erzählt seine Tochter, die Filmcasterin Ruth Hirschfeld, von der Uraufführung von «Andorra» im November 1961 am Schauspielhaus Zürich. Das antifaschistische Theaterstück von Max Frisch ist heute ein Klassiker für die Schule. Damals, sechzehn Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, war es noch unerhört, auf der Bühne den Holocaust auch nur in einer Parabel anzudeuten. Hirschfeld arbeitete mit Frisch am Stück und führte Regie. Die Tochter erinnert sich, wie das Publikum in der Pause vor das Theater am Pfauen trat. Es hatte überraschend geschneit, «und die Leute rauchten und redeten über den Schnee».

Ein Jahr nach «Andorra» starb Hirschfeld. Der jüdische Emigrant aus Deutschland und Dramaturg war erst kurz vor seinem Tod auch Direktor jenes Hauses geworden, das er 1933/34 und nach Fluchtjahren in Moskau und halb Europa ab 1938 wieder geprägt hatte wie kaum ein anderer. Schon bald nach dem Krieg erinnerten sich alle stolz an das «Emigrantentheater» und den angeblichen Widerstand der Zürcher Bühne gegen den Nationalsozialismus, aber fast niemand an die Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Antifaschismus nach Zürcher Art: glorifizierte und gleichzeitig verdrängte Vergangenheit. Nur schon dafür lohnt sich der Film, sollten Jüngere nicht wissen, wie lange und dröhnend das Schweigen währte.

«Falsch etikettiert»

Stina Werenfels und Samir, das Schweizer Paar mit jüdischen und irakischen Wurzeln, setzen dem Dramaturgen, späten Regisseur und noch späteren Theaterdirektor ein Denkmal mit ihrem Dokumentarfilm «Hirschfeld. Unbekannter Bekannter». Die Tochter ist die Zeugin, die durch Hirschfelds Biografie führt. Die Wissenschaftlerinnen Ursula Amrein und Wendy Arons erklären die historischen Hintergründe. Und die Regisseure Michael Hampe und Werner Düggelin geben die Zeitzeugen, für die sie, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, beide zu jung waren. Hampe, der 2022 verstarb, arbeitete 1965 erstmals am Schauspielhaus, erzählt aber, als sei er in den dreissiger Jahren dabei gewesen, als die Pfauenbühne «ein Hort gegen den Nazismus» geworden sei, und zwar wegen Hirschfeld. Düggelin, der 2020 verstarb, spricht etwas vorsichtiger und sagt immerhin, dass der legendäre Ruf des Schauspielhauses oft «falsch etikettiert» sei, da müsste nämlich Hirschfeld drauf stehen.

An diesen Interviews kann man die schwierige Entstehungsgeschichte des Films ablesen, der von der Zürcher Filmstiftung nicht gefördert wurde (am Ende half ein Crowdfunding mit). Das erklärt vielleicht auch den flunkernden Untertitel, der nahelegt, Hirschfeld sei eine vergessene Figur, ein «Unbekannter Bekannter» eben. Auch der Kommentar beklagt, dass es «keine Bücher oder Filme» über Hirschfeld gebe. Als Fachperson runzelt man da zum ersten Mal die Stirn. Über welchen Dramaturgen, sei er noch so prägend, gibt es Bücher und Filme? Das sind Figuren für Eingeweihte und für die Forschung, und da ist Hirschfeld allen bekannt. Alle anderen könnten nun den Eindruck erhalten, das Schauspielhaus sei dank Hirschfeld tatsächlich jene Antifa-Bude gewesen, die sich das Zürcher Bürgertum nachträglich über Jahrzehnte hinweg erträumt hatte.

Politisch umkämpft

Egal welches Buch aus den letzten dreissig Jahren man zur Geschichte des Schauspielhauses aus dem Regal zieht: Der Mythos des widerständigen Zürcher Theaters ist widerlegt. Und alle sehen Hirschfeld als genau das, was der Film nun als Wissensschatz zu heben vorgibt: Es waren Hirschfeld und das linke Buchhändler:innenpaar Emmie und Emil Oprecht, die alle Hebel in Bewegung setzten, damit das Haus 1938 nach dem Verkauf durch den jüdischen Besitzer Ferdinand Rieser nicht an Schweizer und deutsche Nazis fiel, sondern in eine neuartige, bis heute währende Aktiengesellschaft mit städtischer Beteiligung überging. Niemand übergeht Hirschfeld: nicht Ute Kröger und Peter Exinger in ihrer Schauspielhaus-Geschichte von 1998, nicht Esther Slevogt in ihrer Biografie über den Schauspieler und späteren DDR-Theaterleiter Wolfgang Langhoff (2011), und auch nicht Ursula Amrein, die führende lebende Forscherin zum Schauspielhaus, in ihrer Habilitation «Los von Berlin!» (2004).

Werenfels und Samir verschweigen nicht, wie politisch umkämpft das Thea­ter war. Aber die Montage mit Ausschnitten aus Frischs «Andorra» legt immer wieder den Bezug zum Antifaschismus nahe. Ein Beispiel: Als Hampe den «Hort gegen den Nazismus» erwähnt, folgt eine undatierte Szene aus «Andorra» in Schwarz-Weiss. Es ist eine Aufnahme von 1964, während des Krieges wäre das Stück auch in Zürich nie auf die Bühne gekommen. Die Dialektik zwischen moderner internationaler Dramatik und Betonung alles Schweizerischen im Zuge der Geistigen Landesverteidigung war komplex und die nachträgliche Verklärung gross. Die weiblichen Talking Heads wissen das, der Film eigentlich auch – und verfällt doch streckenweise der Vereinfachung, um Hirschfeld als vergessene Lichtgestalt zu zeigen.

Das hätte er nicht nötig. Wie die Stadt Hirschfeld diese Liebe erst am Schluss zeigte, zur Feier seiner späten Wahl zum Direktor, erzählt seine Tochter klar und berührend. Dass dieselbe Stadt sechzig Jahre später kein Geld für einen Film über ihn sprach, spricht allerdings wieder für seine Notwendigkeit.

«Hirschfeld. Unbekannter Bekannter». Regie: Stina Werenfels, Samir. Schweiz / Deutschland 2026. Jetzt im Kino.