Ungarn unter Orbán : «Es fehlt an allem»

Nr. 13 –

Die Parlamentswahl in Ungarn wird auch eine Abstimmung über das Gesundheitswesen. In den Spitälern ist der Unmut über die Politik besonders gross. Doch längst nicht alle Angestellten dürfen sich äussern.

Blick in einen Gang des nichtstaatlichen Suchtrehabilitationszentrum
Im nichtstaatlichen Suchtrehabilitationszentrum, wo Zsolt Petke als Abteilungsleiter arbeitet.

Das Bild an der Wand, das eine Trauerweide, einen See und eine grüne Wiese zeigt, stammt noch aus Rumänien, von seiner Mutter. Daneben hängt eine Skizze eines Patienten: Ein Mann und eine Frau umarmen sich. Links davon eine Schwarzweissfotografie, die einen Freund im Therapietheater festhält – im Moment des Weinens, während er den Schmerz loslässt.

«Alle diese Bilder zeigen Gefühle, mit denen die Patient:innen umgehen lernen müssen», sagt Zsolt Petke. Der 53-jährige Psychiater und Suchtmediziner, der vor den Bildern sitzt, trägt Hemd und Jeans. Beiläufig zieht er an seiner E-Zigarette. «Die Gefühle zu teilen und zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt in der Behandlung.»

Zsolt Petke spricht aus Erfahrung. Sein eigener Vater war Alkoholiker und starb mit Mitte fünfzig. Und auch der Arzt selbst hat eine eigene Geschichte mit Substanzabhängigkeit, war selbst Patient in ­einer Entzugsklinik. Mittlerweile habe er seine Krankheit im Griff. Doch in seiner Gefühlswelt herrscht derzeit wieder ein ständiges Auf und Ab – zwischen der Hoffnung, dass sich mit der kommenden Wahl in Ungarn etwas zum Besseren wendet, und der Sorge, dass alles bleibt, wie es ist.

Portraitfoto von Zsolt Petke
«Die meisten meiner Kollegen in staatlichen Spitälern haben Angst»: Psychiater Zsolt Petke.

Vor mehr als 25 Jahren kam Petke aus Rumänien nach Ungarn, er gehörte zur ungarischen Minderheit in Siebenbürgen. Als der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu gestürzt wurde, war er fünfzehn Jahre alt. «Jetzt stelle ich fest, dass hier, mitten in Europa, vieles wieder so ist wie damals», sagt Petke.

Petke ist Abteilungsleiter eines nichtstaatlichen Suchtrehabilitationszentrums in der Nähe von Budapest. Das Krankenhaus liegt zwischen sanften Hügeln, auf denen die Pfirsichbäume erste Knospen tragen. In der Ecke seines schmalen Büros steht ein Spitalbett, an der Wand ist ein kleines Waschbecken befestigt. Das Fenster gibt den Blick auf dicke Birken frei. Draussen im Gang reihen sich weisse Plastiksessel für die fünfzehn Patient:innen, die er derzeit betreut, aneinander.

Missmanagement und Korruption

Dass er in einer nichtstaatlichen Einrichtung arbeite, ermögliche es ihm überhaupt erst, offen mit Medien zu sprechen, sagt Petke. In staatlichen Krankenhäusern sei der Kontakt zur Presse streng geregelt. Seit dem Jahr 2022 liegt die Zuständigkeit für das Gesundheitswesen beim ungarischen Innenministerium. In Verträgen, die die WOZ einsehen konnte, heisst es, dass Mitarbeiter:innen für den Kontakt mit der Presse die Genehmigung des Krankenhausdirektors einholen müssen. Als eine der Ersten, die frei über die Missstände sprachen, gilt die Pflegefachfrau Maria Sandor, die im Jahr 2015 die Korruption in Spitälern öffentlich machte, Proteste organisierte – und gegen die wegen eines angeblichen ethischen Verstosses ein Verfahren eingeleitet wurde.

Während der Coronapandemie verhängten die Behörden sogar pauschale Zutrittsverbote für unabhängige Medien bei Krankenhäusern. Parallel dazu gab es ein Notstandsgesetz, das unter anderem Strafen für «Falschinformationen» vorsah, was von Kritiker:innen als Druckmittel gegen kritische Berichterstattung gewertet wurde. Ein Schritt, der heute noch nachwirkt. «Die meisten meiner Kollegen in staatlichen Spitälern haben Angst», sagt Petke. «Das hier ist kein europäischer Lebensstil, sondern ein kommunistischer.»

Symbolbild: ein Teddybär liegt auf dem Kissen eines Spitalbetts
Schlechte Löhne sind ein grosses Problem: «So gehen alle ins Ausland», sagt eine Pflegefachfrau.

Auch Petke war in seiner früheren Funktion als nationaler Chefarzt für Suchtmedizin im renommierten Nyírő-Gyula-Krankenhaus in Budapest eingeschränkt, konnte über die Missstände nicht reden. «Wenn sich das medizinische Personal jeden Tag mit dem Direktor streiten muss, um die Grundbedürfnisse der Patienten zu sichern, damit genügend Mahlzeiten auf den Tisch kommen, damit es saubere Bettwäsche gibt – dann kann man sich nicht auf die Arbeit konzentrieren», erklärt er. Vor zwei Jahren kündigte er. Doch auch in der Einrichtung, in der er jetzt arbeitet, könnte die Versorgung besser sein: Auf den verschiedenen Stationen gibt es rund 400 Patient:innen – und insgesamt 12 Ärzt:innen, die sich auch in den Nachtschichten abwechseln.

Dass in vielen staatlichen ungarischen Spitälern nicht einmal mehr Toilettenpapier verfügbar ist, ist mittlerweile auch in der medialen Öffentlichkeit bekannt. Missmanagement, Korruption, Personalmangel – es gebe viele Gründe für die missliche Lage, sagt Petke, die sich auch auf die Behandlung der Patient:innen auswirkt.

Ungarns Gesundheitssystem hinkt Europa hinterher – und das nicht nur gefühlt. Die Lebenserwartung liegt mit 77 Jahren deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 81 Jahren. Zwar sind die Ausgaben in den vergangenen Jahren gestiegen, doch im europäischen Vergleich bleibt das System chronisch unterfinanziert – nur ein einziges EU-Land investiert noch weniger in die Gesundheit seiner Bevölkerung: Rumänien. Bei vielen dürfte es bei der Wahl des neuen Ministerpräsidenten am 12. April daher auch um die Gesundheitsversorgung gehen.

Mit dem Schnapsglas in der Hand

Am meisten ärgere ihn die plumpe Propaganda der Regierung, sagt Petke. Laut den Statistiken, die der Arzt zitiert, sind 700 000 Menschen in Ungarn alkoholkrank. Trotzdem zeigen sich Premier Viktor Orbán und andere Politiker des Fidesz immer wieder mit einem Schnapsglas in der Hand und machen Werbung für Pálinka, einen ungarischen Obstbrand. «Wer Pálinka liebt, kann kein schlechter Mensch sein!», verkündet Orbán auf Facebook. «Wir erleben eine Glorifizierung des Alkoholkonsums durch den Staat», sagt Petke. «Alkohol ist normal, gilt als cool. Es gibt kaum Präventionsmassnahmen des Staates. Auf der anderen Seite wird der Konsum illegaler Drogen gesetzlich bestraft.»

Erst im vergangenen Jahr kündigte Orbán einen «Krieg gegen Drogen» an, der sich in der Hauptstadt auch zu einem harten Vorgehen gegen das Nachtleben, kulturelle Einrichtungen und die politische Opposition entwickelt hat. Die Kampagne, geprägt von einer Null-Toleranz-Rhetorik und neuen Polizeibefugnissen, wird von Kritiker:innen als «Kulturkampf» bezeichnet – und soll wohl auch zur Ablenkung von den echten Problemen im Land dienen.

Petke erzählt von Familienmitgliedern, die ihre Vorlieben verbergen, sexuelle Vorlieben, kulturelle Vorlieben – einige Menschen wagten nicht einmal, ihre Freude zu äussern, dass ein Ungar vor kurzem den Literaturnobelpreis gewonnen habe. Petke zeigt das Buch, das auf dem Tisch liegt: «Herscht 07769» von László Krasznahorkai – ein dezidierter Orbán-Kritiker. «Ich kenne Leute, die die Fidesz-Partei unterstützen und Krasznahorkai richtig hassen, obwohl sie keinen einzigen Satz aus seinem Buch gelesen haben.»

Petke diagnostiziert, ganz der Arzt, eine «Psychose» bei einem grossen Teil der Bevölkerung – auch weil die staatlichen und regierungsnahen Medien immer dieselben hasserfüllten Narrative wiedergäben, ohne sie kritisch zu hinterfragen. «Ich sehe, was in Ungarn in den letzten zehn Jahren passiert ist, und ich bin enttäuscht. Ich möchte hier sein und hier leben, mit meinen Ideen und meinen Werten, was Meinungsfreiheit angeht», sagt Petke.

Vier Jobs gleichzeitig

Péter Srádi, Präsident der ungarischen Ärzt:innenkammer, sagt, die Regierung höre nicht auf die Warnungen von Fachleuten, Belegschaften und Gewerkschaften. An einem späten Nachmittag sitzt der 42-Jährige in den Räumen einer Gemeinschaftspraxis – Altbau, Parkettboden – und zählt auf, was in Ungarns Gesundheitswesen längst normal geworden ist: vier Jobs gleichzeitig. Srádi arbeitet in der Unfallversorgung, übernimmt zusätzliche Schichten, führt eine Privatpraxis – und ist ausserdem Arzt im Nyírő Gyula, wo auch Petke früher arbeitete. Am 6. März kündigten dort neunzehn Mitarbeiter:innen gemeinsam, nachdem ein Mann zum Direktor ernannt worden war, der keine psychiatrische Fachausbildung vorzuweisen hat und vor Jahren esoterische Schulungen leitete. Nach dem Protest der Belegschaft trat er Mitte März von der Position zurück.

Dass er und die meisten seiner Kolleg:innen mehrere Jobs haben, erklärt Srádi einerseits mit der prekären finanziellen Lage des Gesundheitspersonals. Andererseits wolle man die verbliebenen Kolleg:innen nicht im Stich lassen. Srádi formuliert vorsichtig. Er betont, er spreche hier nur als Vertreter der Gewerkschaft. In dieser Funktion könne er sagen, dass landesweit mehr als tausend Stellen für Allgemeinärzt:innen unbesetzt seien. «Das bedeutet, dass derzeit mehr als eine Million, vielleicht sogar eineinhalb Millionen Menschen keinen festen Hausarzt haben.» Die Jüngeren gingen ins Ausland. Das Gesundheitssystem, sagt er, steuere auf eine Krise zu, die sich immer weiter verschärfe. Dass sich daran unter Viktor Orbán etwas ändert, erwartet Srádi nicht. Die Tisza-Partei des Oppositionellen Péter Magyar hingegen wirke auf ihn so, als würde sie zumindest auf die Einschätzungen von Fachleuten hören.

Noch kann sich Viktor Orbán auf eine grosse Anhängerschaft stützen – und auf ein regierungsnahes Mediensystem. Doch erstmals seit Jahren scheint seine Wiederwahl nicht mehr ausgemacht. Die Hoffnungen vieler richten sich auf Péter Magyar – sein Nachname bedeutet übersetzt schlicht: Ungar. Der 45-Jährige, politisch ebenfalls im konservativen Lager verortet und ehemaliges Mitglied der Fidesz-Partei, hat es in kurzer Zeit geschafft, überraschend viele Unterstützer:innen zu mobilisieren (vgl. «Die korruptionsfreie Variante»).

Von seinen Anhänger:innen wird Péter Magyar mit tosendem Applaus empfangen – trotz oft unklarer Positionen. Hauptsache, ein Ende der Orbán-Regierung, heisst es am 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag – auch in diesem Jahr ein Tag der politischen Grosskundgebungen. Aus der Menge, die für die Opposition durch die Strassen zieht, ragen Fahnen, dazwischen ein selbstgemaltes Plakat mit dem Gesicht von Viktor Orbán, darüber ein rotes Verbotsschild. Viele beschreiben das Gefühl, in einem Land zu leben, das sich von Europa entfernt hat. Mittendrin: Psychiater Zsolt Petke, eine Schleife in den Nationalfarben an der Brust. Seine beiden Söhne, sechzehn und achtzehn Jahre alt, sind ebenfalls mit Freund:innen in der Menge. «Das ist fantastisch, diese Stimmung, das macht mir Mut und Hoffnung», freut er sich. Doch selbst im Gesundheitswesen gehen die politischen Einschätzungen weit auseinander.

Angst vor dem Chaos

In der Einrichtung, die Petke leitet, arbeitet seit zwei Jahren auch die Pflegefachfrau Judit Szabó. Mit ihrem warmen Lächeln wirkt die 62-Jährige wie jemand, die weiss, wie man Patient:innen alles ein wenig leichter machen kann. Szabó sagt, sie liebe ihren Beruf, trotz allem. Doch wer selbst zur Patientin werde, sehe das System anders. Vor sechs Jahren wurde bei ihr Nierenkrebs diagnostiziert. Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung. «Ich sage es ganz ehrlich: Ich habe sehr schlechte Erfahrungen gemacht», sagt sie. Sie zieht ihr T-Shirt hoch und zeigt die Narben, die sich über ihren Bauch ziehen. «Gott sei Dank gelte ich jetzt als geheilt. Aber ich musste Monate auf einen Termin warten – selbst für eine Computertomografie. Die kann man nicht einfach aus eigener Tasche bezahlen.»

Auf die Frage, wie sie das Gesundheitssystem insgesamt beurteilt, antwortet Szabó ohne zu zögern. «Sehr schlecht. Wirklich sehr schlecht», sagt sie. Es fehle an allem, vor allem an Personal. «In einigen Abteilungen gibt es eine Pflegefachfrau und drei, vier Assistent:innen für sechzig Patient:innen. Das ist viel zu wenig.» Heben, Waschen, Essenreichen, Infusionen – alles müsse gleichzeitig erledigt werden. Und dafür erhalte man einen Lohn, der kaum zum Leben reiche. «Im Durchschnitt vielleicht 200 000 bis 300 000 Forint», sagt sie, umgerechnet zwischen 470 und 700 Franken. Es müsse sich etwas ändern, sagt Szabó. «Wenn sie besser bezahlen würden, gäbe es auch mehr Leute. So gehen alle ins Ausland.» Für ihre Station kauft sie selbst ein, was fehlt: Im Behandlungsraum zeigt sie Lufterfrischer, Seife, Schwämme. «So etwas bringen wir selbst mit.»

Und doch zieht sie andere Schlüsse als viele ihrer Kolleg:innen. «Jetzt warten wir auf die Wahl und hoffen, dass es besser wird», sagt sie. Ob sie also dem Oppositionellen Péter Magyar ihre Stimme geben wird? «Nein, natürlich nicht!» Magyar mache ihr Angst. Unter ihm, glaubt Szabó, drohten Chaos und Krieg in Ungarn, am Ende würden vielleicht sogar Spitalmitarbeiter an die Front geschickt. Woher sie das hat? «Aus dem Fernsehen», sagt sie.

Zsolt Petke hingegen denkt darüber nach, das Land zu verlassen, sollte Orbán wiedergewählt werden. Am liebsten nach Skandinavien. Seinen Söhnen würde er dasselbe raten. Sie sollen in einem freien Land leben können.