Wichtig zu wissen: Neuanfang

Nr. 16 –

Ruedi Widmer über Werbetracking, Stadler Rail und das Ende

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Die Werbetrackingfragerei beim Besuchen von Newswebsites führt dazu, dass bewusste Menschen alle Marketingcookies abschalten und eher unbewusste, ignorante oder faule einfach «ok» drücken. Das heisst also, dass letztere Zielgruppe dominiert und bestimmt, welche Werbung erfolgreich ist. Also wird es immer dümmere Werbung geben.

Der Verstand der realen Bevölkerung ist aber wesentlich höher, als die digitale Welt vorgaukelt. In der realen Welt gibt es keine rechten Bots, also kann nur in der Wirklichkeit so etwas wie in Ungarn passieren. Und wenn der «einzige Journalist» (Kurt W. Zimmermann) das nicht kommen sah, dann weil er und seine Freunde in einer selbstgezimmerten digitalen Welt leben. Auch der Fi-Fa-Butzemann Trump geht in seinem Truth Social zugrunde. Die Wirklichkeit haben hingegen die Astronaut:innen der Artemis-2-Mission gesehen. Und wenn man bedenkt, wie das Foto der verletzlichen Erde im tiefen Schwarz des Alls von Apollo 17 im Jahr 1972 ein Auslöser für wachsendes Umweltbewusstsein war, kann man mutmassen, wie Artemis zu einem neuen Bewusstsein für die Gefahr des Rechtspopulismus für unser blaues Rund und vielleicht zu einem politischen Neuanfang führt.

Nachdem der Schweizer Bahnhersteller Stadler seine Beschwerde gegen die SBB, weil diese Züge bei der deutschen Siemens bestellte, wieder zurückgezogen hat, gab es nochmals viele Leser:innenkommentare in den Schweizer Medien. Solche Kommentare sind wertvolle Beiträge zur Vermessung der (ja, vielleicht nur teilweise realen) Volksweltwahrnehmung. Die Firma Stadler Rail und deren Besitzer Peter Spuhler werden permanent verwechselt: In den Beiträgen ist von einem Herrn Stapler zu lesen oder von Spuler, Spurer, Stalder, Spulerzügen, und schliesslich werden die ganzen Vorwürfe gegen Stadler fälschlicherweise an die gleichbuchstabige Siemens oder die SVP gerichtet.

Das erinnert mich an einen Text über die Stadtratsersatzwahl in Winterthur zwischen Pearl Pedergnana (SP) und Jürg Stahl (SVP), die im zweiten Wahlgang nach zwei Nachzählungen schliesslich mit einer Stimme zugunsten von Pedergnana ausfiel. Der «Landbote» vom 3. April 2001 beschrieb diese Problematik eindrücklich. Beim Kandidaten Jürg Stahl ergab sich zusätzlich das Problem, dass der FDP-Stadtrat Reinhard Stahel auch noch im Amt war: «Um Transparenz bemüht, hat das Zentralwahlbüro den Journalisten am Sonntag nicht nur Einblick in die laufende Nachzählung gegeben, sondern auch eine Liste mit den noch gültigen Grenzfällen öffentlich gemacht. Für Jürg Stahl (SVP) zählten unter anderen: Herr Stahel, J. Stahel, Jürg, Jürg Stadel, Kurt Stahel, Kurt Stahl, R. Stahl, Rayner Stahel, Rolf Stahel, Stael, Stahel, Stahel SVP, Stahl Drogerie 8406. Für Pearl Pedergnana: Frau Panorama P., Peari, Pearl Bedergnana, Pearl Pedalo, Peari Pedergaga, Pearl Pedergnina, Pearl Pedergnaga, Pearl Pedero (oder ähnlich), Peari SP, Pegragnina, Pörl Pedemannini (SP), SP Perl Pederjana, Peri Petersganana, Pearl Pedagiidin.»

Dieser 25-jährige Text ist nicht von mir, aber er vermittelt ziemlich gut, was ich mit dieser Kolumne stets wollte.

Nun verabschiede und bedanke ich mich, und Sie müssen nun selbstverantwortlich wissen, was wichtig ist. Meine Augen wollen aber noch etwas schreiben: Das eine weinend, weil es sehr gerne weitergeschrieben hätte, das andere lachend, weil es dies 21 Jahre lang tun konnte. Es waren, wenn ich richtig gezählt habe, 407 WOZ-Kolumnen von 2005 bis 2026 (lange Jahre unter «Fumoir»). Zuerst monatlich, irgendwann zweiwöchentlich.

Bei aller Melancholie: Ich gratuliere meinen Nachfolger:innen und wünsche ihnen alles Gute. Immerhin tat dies gestern selbst Viktor Orbán (gültige Grenzfälle: Orgán, Oráng, Orbána, Oregon, Herr Viktor, Viktar …) (Dienstzeit: nur 16 Jahre).

Auf Wiedersehen an anderer Stelle.

Ruedi Widmer zeichnet auch weiterhin in der WOZ.