Angriff auf den Zivildienst : Die Männerfabrik

Nr. 20 –

Wie hängen Militär und veraltete Männlichkeitsbilder zusammen? Eine Begegnung mit einem alten Wehrdienstverweigerer und einem jungen Zivi.

Christoph Baumann und Ruben Brunner sitzen in einem Bus
«Ein Vorgesetzter hat bei einer Schiessübung zur Motivation gesagt, wir sollen ‹den Chinesen› erschiessen» – «Diese starre Struktur, in der man nicht selber denken, nichts hinterfragen soll, das ist nicht mehr zeitgemäss»: Christoph Baumann und Ruben Brunner.

Ein politischer Backlash jagt den nächsten. Vielleicht ist es auch ein einziger grosser. Immer unhinterfragter scheint jedenfalls: Jetzt ist Disziplin angesagt, Gehorsam und Männlichkeit. Die Zeit der Genderexperimente ist vorbei. Von «Armeeabschleichern» spricht die SVP, von «wehrfähigen Männern» das halbe Parlament. Aber was heisst schon wehrfähig?

Am Stadtrand von Olten ist der Feind weit weg. Grosse Industrieareale liegen hier, an den Waldrand wurden einige Mehrfamilienhäuser hingeklotzt, die exakt so aussehen, wie neue Mehrfamilienhäuser an Schweizer Stadträndern immer aussehen: gar nicht wesentlich anders als das Gefängnis Olten, vor dem Christoph Baumann und Ruben Brunner neben einem wüsten Kreisel etwas verloren stehen, in die Sonne blinzelnd. Baumann zeigt zum obersten Stockwerk: «Dort oben habe ich 99 Tage gesessen.»

Abstimmung vom 14. Juni

Die sechs Verschärfungen, die Parlament und Bundesrat fordern, betreffen vor allem Dienstpflichtige, die die Rekrutenschule bereits absolviert haben und erst später in den Zivildienst wechseln. Sie sollen künftig mindestens 150 Zivildiensttage absolvieren, egal wie viel Militär sie schon geleistet haben. Erfolgt der Übertritt während der RS, soll schon im ersten Kalenderjahr ein langer Einsatz geleistet werden müssen. Hinzu kommen eine neue jährliche Einsatzpflicht sowie Verschärfungen für medizinisches Fachpersonal und Militärkader, die in den Zivildienst übertreten wollen.

Die jährlichen Zulassungen sollen mithilfe dieser Massnahmen um rund vierzig Prozent von 7200 auf 4000 reduziert werden. Die Befürworter:innen argumentieren, dass sie nötig seien, um den Armeebestand zu stabilisieren, dieser stehe unter Druck. Was nur bedingt stimmt: Vorgesehen ist ein «Effektivbestand» von maximal 140 000 Dienstpflichtigen. Derzeit liegt er bei rund 147 000.

Gemäss Prognosen wird der Effektivbestand bis 2030 zwar auf rund 120 000 sinken, das hat allerdings nichts mit dem Zivildienst zu tun, sondern damit, dass der Bundesrat 2018 die Dienstdauer von zwölf auf zehn Jahre reduziert hat.

Sie stehen hier, um sich über ihre Erfahrungen im Militär auszutauschen, darüber, was für eine Vorstellung von Männlichkeit sie dort kennengelernt haben, und darüber, wieso sie ihr den Rücken gekehrt haben. Denn sie teilen eine Lebensentscheidung, die gerade wieder zum Politikum gemacht wird (vgl. «Abstimmung vom 14. Juni»): Beide sind, nachdem sie Monate im Militär gedient hatten, aus der Armee ausgetreten. Brunner stellte nach dem Abschluss der Rekrutenschule ein Zivildienstgesuch. Sein erster Einsatz in einer Jugendherberge steht kurz bevor. Baumann hat einen Wiederholungskurs verweigert. In den siebziger Jahren musste er deshalb eine Haftstrafe absitzen, eben hier in Olten.

Christoph Baumann ist Stadtbasler und 79, Ruben Brunner 23-jähriger Glarner. Auf den ersten und auch den zweiten Blick verbindet die beiden nicht besonders viel. Baumann ist pensioniert, war lange Leiter der Basler Fachstelle für Religionsfragen Inforel. Er ist verheiratet, hat Kinder und Enkelkinder, engagiert sich im Senior:innenverband und seit seiner Pensionierung in der SP Basel-Stadt. Brunner studiert in Luzern Philosophie und Wirtschaft und ist Kopräsident der Jungen Grünen Glarus. Auf die Frage, ob er auch bereit gewesen wäre, in Haft zu gehen, um den Militärdienst zu verweigern, antwortet er zögerlich: «Nein, ich glaube nicht. Dann hätte ich wohl versucht, es durchzuziehen. Aber ich bin dir, Christoph, dankbar dafür, wie du dich für uns Nachkommende eingesetzt hast.»

WOZ: Hat Sie die RS vom Jungen zum Mann gemacht?

Christoph Baumann: Damit kann ich gar nichts anfangen. Mir sind dort stramme Hierarchien begegnet, wir wurden wie Kinder behandelt – ohne jegliche Verantwortung. Nur weil einer einen Hut mit Spaghetti drum getragen hat, hatte er immer recht. Verantwortung trägt meine Tochter, die eine Kita mit 25 Angestellten leitet. Verantwortung tragen auch die Zivis, die sich dort um die Kinder kümmern.

Ruben Brunner: Im Militär wird ein sehr veraltetes Männerbild propagiert: dominant, gewaltbereit, diszipliniert. Ich glaube, dass das wichtigen Einsichten im Weg steht, die für eine zeitgemässe Armee nötig wären. Aber wir beobachten ja nicht nur in der Zivildienstdebatte, dass diese Konzeption von Männlichkeit derzeit wieder populärer wird. Das zeigt sich etwa auch in den sozialen Medien.

Laut einer Studie von 2025 erleben 94 Prozent der Soldatinnen in der Schweizer Armee eine Form von sexualisierter Gewalt. Derzeit läuft eine weitere Studie im Auftrag des Bundes, um die «Diskriminierung homosexueller Menschen» in der Armee aufzuarbeiten. Bemühungen sind durchaus erkennbar, 2021 kündigte der Armeechef «Nulltoleranz» gegenüber Diskriminierung an.

Das Bekenntnis verspricht nur wenig Erfolg. Die nun geforderten Verschärfungen des Zivildienstgesetzes sind hierzu letztlich eine Art Eingeständnis. Je höher die Hürden sind, um den Militärdienst zu umgehen, desto weniger muss sich die Institution selbst überdenken.

Militärische Männlichkeit konstituiert sich wesentlich über Abgrenzung – zu Frauen, zu «Schwächlingen», queeren und anderen Männlichkeiten: fürsorglichen, weichen, verletzlichen. Wobei kaum eine Institution so homoerotisch geprägt ist wie die Armee selbst. Es ist, wie der Philosoph Slavoj Žižek festgestellt hat, wohl genau diese verdrängte Homosexualität, ohne die der Männerbund Militär kaum funktionieren würde, die dann in exzessive Homophobie umschlägt.

WOZ: Wie haben Sie das Militär erlebt?

Brunner: Zunächst dachte ich mir, dass es einen Versuch wert sei, die RS zu machen. Ich hatte eine gute Funktion, war bei den ABC-Truppen, die sich mit atomaren, biologischen und chemischen Angriffen beschäftigen, und war oft im Labor. Bald habe ich aber gemerkt, wie viel da falsch läuft.

WOZ: Was läuft falsch?

Brunner: Ein Beispiel: Einmal hat uns der Wachtmeister dazu aufgefordert, eine Art Menschenturm zu formen. Wir sind dann übereinander gelegen, wie Kapla-Bausteine, die aufgetürmt werden. Ich kriegte keine Luft, konnte nicht mal mehr schreien. Dieser bedingungslose Gehorsam, diese starre Struktur, in der man nicht selber denken, nichts hinterfragen soll, das ist nicht mehr zeitgemäss.

Baumann: Ich kann mich erinnern, dass uns ein Vorgesetzter bei einer Schiessübung zur Motivation gesagt hat, wir sollen «den Chinesen» erschiessen. Einer meiner Kameraden ist daraufhin aufgestanden, hat sein Gewehr hingelegt und gesagt, es reiche ihm jetzt.

WOZ: Hatten Sie Angst vor dem Gefängnis?

Baumann: Ich hatte viel Zeit, mich darauf vorzubereiten, eine breite Bewegung hinter mir. Nervös war ich schon, aber Angst hatte ich kaum. Dafür Wut: Auf unserem Stock waren ausschliesslich Wehrdienstverweigerer eingesperrt – junge, arbeitswillige Männer. Das ist doch plemplem!

Seine Haft trat Christoph Baumann 1971 an. Zu dieser Zeit nahmen Verurteilungen wegen Dienstverweigerung in der Schweiz sprunghaft zu. Die Bewegung von 1968 hatte kurz zuvor die Friedensbewegung neu lanciert und bürgerlichen Normen den Kampf angesagt. Dieser Kampf führte Verweigerer wie Baumann hinter Gitter, durchaus absichtlich, um Druck aufzubauen. «Wir haben alle gewusst, dass wir etwas dazu beitragen, die Einführung eines Zivildiensts voranzutreiben», sagt er. «Ich hätte so gern einen solchen Dienst gemacht.»

Bis es schliesslich so weit war, dauerte es aber noch lange. 1977 und 1984 lehnte die Stimmbevölkerung die Einführung eines Zivildiensts noch ab. Erst 1991 wurde ein Ersatzdienst eingeführt; 1992 wurde der Zivildienst in der Verfassung verankert; 1996 trat das Zivildienstgesetz in Kraft. «Ich habe mich damals sehr gefreut für all die Männer, die endlich diese Möglichkeit erhielten.»

in einem Verkehrsspiegel ist das Gefängnis Olten zu sehen
«Dort oben habe ich 99 Tage gesessen»: Gefängnis Olten.

Die Armee selbst blieb ein patriarchaler Durchlauferhitzer. Junge, formbare Männer werden dort diszipliniert und bewaffnet. Mit Schutz hat das, je nach Perspektive, nur wenig zu tun. Keine Ausprägung von Männlichkeit ist so gefährlich wie die bewaffnete Männlichkeit. Und: «Tatsächlich eingesetzt», sagt Christoph Baumann, «wurde das Schweizer Militär immer nur gegen die eigene Bevölkerung.»

Es geht beim Militär um weit mehr als um eine Institution zur Verteidigung des Landes im Angriffsfall. Sie ist Projektionsfläche für bürgerliche Mythen nationaler Identität; gehört zu einem Selbstbild, das aus einer anderen Zeit stammt – und derzeit wieder so intensiv bemüht wird wie schon lange nicht mehr. Das Bild der wehrhaften Schweiz, die sich autonom gegen alle möglichen Angriffe wehren könnte; die unabhängig und isoliert von der Welt bestehen kann; die neutral ist – aber bis auf die Zähne bewaffnet; die letztlich auch selbst eine Art Männlichkeit verkörpert.

Natürlich hat sich die Sicherheitslage in den letzten Jahren verändert, vor allem seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine. Aber die jetzigen Aufrüstungsgelüste drehen sich nicht nur um Selbstverteidigung. Das Erstarken des Autoritarismus ist der hiesigen Rechten nicht nur Bedrohung, sondern vor allem auch Steilvorlage – die blinde Stärkung des Militärs bietet keinen Schutz vor einer unsicherer werdenden Welt, vielmehr trägt sie zu dieser Entwicklung bei.

WOZ: Sie beide waren zunächst in der Armee. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie nicht hineinpassen?

Brunner: Ich wusste schon früh, dass ich nie in der Lage wäre, tatsächlich auf einen Menschen zu schiessen. Und doch musste ich das ständig trainieren: Immer wieder mussten wir auf sogenannte B-Scheiben schiessen, Zielscheiben mit menschlichem Profil. Immer wieder wurde ich dem ausgesetzt.

Baumann: In der Infanterie wurde ich damals zum Minenspezialisten ausgebildet. Ich habe gelernt, wie tief ich eine Tretmine vergraben muss, sodass sie den Soldaten nicht tötet, sondern nur schwer verletzt. Damit die Kollegen ihn retten müssen und wir sie gleich alle abschiessen können.

Brunner: Einmal musste ich Wache stehen – mit scharfer Munition. Dass ich im Ernstfall tatsächlich hätte schiessen müssen … Ich konnte das einfach nicht mehr. Und mit diesen Männerdynamiken, in denen man sich gegenseitig beweisen muss – dieses Konkurrenzdenken, damit hatte ich schon in der Schule Mühe.

Vielleicht ist die wachsende Popularität des Zivildiensts, die Abkehr von der Armee auch Ausdruck einer Erosion der traditionellen hegemonialen Männlichkeit. So argumentiert die Philosophin und Soziologin Andrea Maihofer in einem Aufsatz von 2021. Statt für typisch «männliche» und Männlichkeit einübende Tätigkeiten im Militär würden sich Zivis für Arbeiten entscheiden, die bislang als typisch «weiblich» konnotiert gelten: für Sorge- und Pflegearbeiten.

Mehr als drei Viertel aller geleisteten Zivildiensttage werden jeweils im Sozial-, Schul- und Gesundheitswesen absolviert. Männer lernten dort, so Maihofer, «wie es sich anfühlt, sich um Andere zu sorgen, sie zu pflegen, für sie da zu sein, sich um sie zu kümmern und sich für deren Wohlbefinden verantwortlich zu fühlen». Was wiederum die männliche Fiktion autonomer Souveränität infrage stellen könne.

Anders lassen sich die ewig wiederkehrenden Angriffe auf den Zivildienst kaum erklären. Eine Art Verteidigungskampf ist es, den Rechtsbürgerliche führen. Bei Maihofer heisst es: «Je mehr bürgerlich heteropatriarchale Männlichkeit alltagspraktisch erodiert, je vehementer wird durch rechtskonservative und rechtsextreme Akteur:innen für ihre Absicherung gekämpft.» Auch gegen Ruben Brunner und Christoph Baumann.

WOZ: Freuen Sie sich auf den Zivildienst?

Brunner: Ja, ich freue mich darauf, Berufe kennenzulernen, zu denen ich bislang noch wenig Kontakt hatte, und etwas Soziales zu machen, statt mit dem Gewehr herumzurennen. Den Gedanken, dass es zum Mannsein einfach dazugehört, das durchzumachen, Befehle zu befolgen, finde ich nicht produktiv. Er bringt uns nicht weiter.

Baumann: Bevor ich schliesslich verweigerte, hatte ich versucht durchzusetzen, meinen Wiederholungskurs statt in einer militärischen Einheit in einem Spital zu leisten. Das wurde abgelehnt, danach hatte ich genug. Einen sinnvollen Zivildienst zu leisten, das war das, was ich mir immer gewünscht hatte: etwas Positives beizutragen, statt das Morden zu üben. So wie ich es auch heute noch mit meiner Freiwilligenarbeit tue. ●