20.09.2001

Rache ist ein Spiel ohne Ende

Nicht der Krieg des Guten gegen das Böse hat begonnen, sondern der Krieg der Guten gegen die Guten geht weiter.

Von P.M.

Wenn einmal der Horror verdaut ist, dann müssen wir uns sagen: Ja, es ist so, diese Dinge können geschehen. Wir leben in einer Hochrisikozivilisation. Die nur prekär gebändigten Technologien und die Wut der Unterdrückten können jederzeit und ungezielt explodieren. Diese Welt ist eine technologische und soziale Bombe, in 200 Jahren gebastelt vom globalen Kapitalismus. Sie muss entschärft werden. Wir haben schon Seveso, Tschernobyl, Flugzeugabstürze, Oklahoma City usw. gehabt. Wir haben noch einen Unfall oder Angriff mit biologischen Waffen, eine Atombombe in einer Grossstadt und den ultimativen Hackerangriff aufs Netz vor uns.

Wir sind im Prinzip alle schon markierte Opfer, schon tot. Sie haben inzwischen Vietnam, Ruanda, Schatila, unzählige Kriege und Massaker gehabt und dazu noch die schleichende Hungerkatastrophe, der jeden Tag 35000 Kinder zum Opfer fallen. Nur schon seit dem Ende des Kalten Krieges sind bei ihnen 40 bis 50 Millionen Menschen in 200 Kriegen umgekommen. Sie sind noch toter als wir. Auch mit diesem Horror haben sie und wir gelebt.

Das World Trade Center ist schon dutzende von Malen in Filmen, Romanen und auch in unseren Wutfantasien gegen die USA explodiert, bevor es nun wirklich geschehen ist. Manhattan war immer schon das Symbol des Imperiums und die Bühne seines Untergangs. («Ich rauchte meine letzte Zigarette und langsam zog die eingestürzte Manhattan-Bridge an mir vorbei, im freundlichen Sonnenschein jenes warmen Septembernachmittags.» So begann 1980 mein erster Roman.) Solange die Wut auf Symbole beschränkt ist, kann das Weltkapital gut schlafen. Es hat keine Angst vor Katastrophen, Kriegen, ja nicht einmal vor Crashs. Schliesslich ist nur etwas Bürofläche verloren gegangen, und die Arbeitskräfte sind bei zunehmender Arbeitslosigkeit leicht zu ersetzen. Die Gebäude sind versichert, amortisiert (1973–2001), die Bauindustrie schon in den Startpflöcken.

Der Ökonom Krugman schätzt, dass nur etwa 0,1 Prozent des US-Bruttosozialprodukts verloren gingen – ein Kratzer. Auch die Kriegskredite, die Bush bewilligt bekommen hat – 40 Milliarden Dollar – sind ein Klacks, nicht einmal eine wirksame Konjunkturspritze. Es standen da zwei Penisse (Menhire, Obelisken, Siegessäulen) im Zentrum des Imperiums; zwei Einladungen, doch bitte diese Symbole eines grössenwahnsinnigen, patriarchalen, lebensfeindlichen Systems anzugreifen. Und nicht es selbst. Symbole sind nichts, Gegensymbole auch nichts.

Angesichts der Macht und Arroganz des vom US-Kapital angeführten Weltsystems und unserer Ohnmacht ist das Setzen von Zeichen eine grosse Versuchung. Noch grösser ist die Versuchung bei jenen, denen nicht einmal einige Brosamen (Sozialstaat) zufallen. Es gibt im planetarischen Süden einige hundert Millionen junge Frauen und Männer, die realisieren, dass ihr Leben keine Perspektive haben wird. Sie sind blockiert durch die Platzzuweisungen des Weltkapitals, durch die von diesem subventionierten autoritären Regimes, durch die von diesen konservierten patriarchalen Strukturen. Sie sind beherrscht von alten Männern, die Angst haben und die alles Interesse daran haben, diese Wut der Enttäuschten auf andere Ebenen – religiöse, symbolische, militärische – zu leiten. Weil sie den Kampf gegen deren Machtcliquen nicht führen können, begehen die Jungen Selbstmord. (Das geschieht auch bei uns. Und der Tod ist für jeden und jede der einzige, auch wenn tausende sterben.)

Bush hat Unrecht, wenn er meint, dass nun ein Krieg des Guten gegen das Böse begonnen habe. Nein, es ist viel schlimmer: Der Krieg der Guten gegen die Guten geht weiter. Im Namen absurder religiöser Symbolsysteme werden blutige Schaukämpfe abgehalten, die zwar viele Gute in den Himmel bringen, aber für alle jene, die nur mal anständig leben wollen, verlängertes Elend bedeuten. Es geht weder um den Islam noch um die westliche Zivilisation. Beide haben sich schon lange selbst desavouiert. Die angekündigten Vergeltungsmassnahmen Bushs können seine «Feinde» nicht erschrecken. Sie werden benötigt, um das Spiel weiter spielen zu können. Die wirklich Bösen sind ganz anderswo – und sie sind gemeint.
Was den Machteliten im Westen und ihren frustrierten Statthaltern im Süden und Osten wirklich Sorgen bereitet, ist etwas ganz anderes. Seit Chiapas, Seattle, Davos, Genua (das sind nur die weniger wichtigen, «symbolischen» Ereignisse) gibt es eine schleichende Absetzbewegung von den Verlockungen der kapitalistischen Zivilisation, und das im Süden wie im Norden bei Jungen und Alten.

Das Credo der freien Marktwirtschaft wird nicht mehr geglaubt, man redet wieder von Mais, Kartoffeln, vielleicht auch Hirsebier, und wie man sie am besten mit möglichst wenig Arbeit und viel gemeinsamem Spass für immer und ewig anbauen könnte. Dagegen ist das letzte glamouröse Spielangebot, die elektronische Kommunikation, als dumpfer Ersatz durchschaut worden. Die darauf basierende Konjunktur ist zusammengebrochen, die Japaner wollen nicht kaufen, die Deutschen nicht arbeiten. Die Hälfte will überhaupt nicht mitspielen.

Lustlosigkeit, Zerfaserung der Strategien, dazu eine Witzfigur im Weissen Haus. Es musste irgendetwas geschehen. (Jenseits aller Verschwörungstheorien könnte man sagen, dass das seit langem angekündigte Attentat absichtlich nicht verhindert wurde. Schon etwas merkwürdig, dass vier Flugzeuge so lange in der Luft sein konnten, ohne dass eines der Abwehrsysteme reagierte.) Es brauchte einen Befreiungsschlag, eine Mobilisierung um ihrer selbst willen, eine Fokussierung gegen das sich vorfressende Geschwür der Absetzbewegung. Das Attentat wird zu einem Kriegsakt (mit Zivilflugzeugen gegen die Zivilisation?) hochstilisiert, damit das Machtzentrum die ohnehin knappen rechtlichen Garantien (Genua reichte noch nicht) abschütteln und gegen jeden und jedes vorgehen kann, der/das nicht «für uns» ist. Und unsere guten alten rezyklierten Trotzkisten, Spontis und Sozialisten von Jospin bis Schröder stehen schon stramm wie Gouverneure von US-Bundesstaaten.

Was wir heute wieder einmal erleben, ist die Strategie der Spannung. Langweilig, lebensgefährlich, reaktionär. (Wer erinnert sich noch an die sechziger und siebziger Jahre?) Die Trauer und der Horror, den wir angesichts des sinnlosen Sterbens unserer Mitproletarierinnen in den Bürotürmen (Geht nicht mehr zu solchen Orten hin! Brecht sie langsam und kontrolliert ab!) empfinden, sollen umgemünzt werden in bedingungslosen Gehorsam gegenüber unseren Rächern und Rettern. Doch es gibt keine Rettung, und Rache ist ein Spiel ohne Ende. (Wie stand es denn mit der so genannten Abschreckung durch die Todesstrafe? Die Attentäter haben sich schon gerichtet, bevor sie losflogen. Sie haben Bushs texanische Logik schon vorweggenommen. Sie waren der makabre Witz auf seine Exekutionsdrohung.)

Der Versuchung von Gegensymbolik müssen wir widerstehen. Schon einen Tag nach dem Attentat sah man in der Wallstreet das Schild «Business as usual». Natürlich ist ihr Business nicht unser Business, aber warum sollen wir nicht mit unserem Business – geduldigem Stricken an nachhaltigen Lebensweisen, Weiterführen der Diskussion über globale Alternativen – weiterfahren? Es wäre das beste Gegengift gegen jene Welle verzweifelter Begeisterung des «Endlich-einmal-Losschlagens», auf der nun Bush und seine Leutnants reiten wollen. Und vergessen wir endlich die Symbole. Es ist Zeit für das natürlich weit weniger grandiose wahre Ding.

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