20.09.2001

Die visuelle Kriegserklärung

Wo Hollywood endet und News-TV anfangen: über eine Grenze, welche die Berichterstattung über den Anschlag auf das World Trade Center zu verwischen vorgibt.

Von Georg Seesslen

Die Ereignisses kamen in Form eines bizarren Déjà-vu über uns. Eine Katastrophe, die schon längst in unseren Bildwelten spukte, im Kino sowieso. Wir kennen die Bilder des brennenden Hochhauses aus [dem Science-Fiction-Kriegs-Katastrophen-Film] «Towering Inferno» (Flammendes Inferno), wir kennen die terroristischen Aktionen, die Attentate, die sich gegen Herzstücke der amerikanischen Kultur – also gegen Herzstücke der Ökonomie – richten, aus den «Die Hard»-(Stirb langsam)-Filmen mit Bruce Willis, wir kennen die panische Flucht durch die Strassen der Metropole aus «Independence Day». Die Bilder der zerstörten Twin Towers, der Panik und der Trümmer, die uns das Fernsehen in mantrahafter Wiederholung bot, schienen so sehr Kino, dass sie in Gefahr standen, sich von Wiederholung zu Wiederholung mehr zu entwirklichen. Als sähen wir da den Trailer für den nächsten «demolition blockbuster», der seine beeindruckendsten Effekte vorführt.

Wir kennen aber nicht nur die Bilder und die Szenarien, wir kennen auch die Struktur dieses globalen Krieges aus unzähligen Söldner- und Terrorfilmen, in denen der amerikanische Agent so rasch in die Schaltzentralen des kolumbianischen Drogenbosses, zum Beispiel, eindringt, wie dessen Leute die Symbolbauten der ökonomischen und politischen Macht infiltrieren.

Nicht einmal so törichte Invasionsfilme wie «Independence Day» konnten die Idee des ins Orbitale verlängerten Schlachtfeldes aufrechterhalten, dass man sich von so etwas wie einem Raketenabwehrsystem wirklich Sicherheit erhoffen durfte. Was die Fantasien der populären Kultur, die man ja nicht selten als eine neue, maschinell fabrizierte Form des kollektiven Unterbewusstseins angesehen hat, «wissen», das ist genau das Gegenteil der offiziellen Politik der Bush-Administration.

Dieses Wissen um die eigene Verwundbarkeit weist nicht nur einen gehörigen Anteil an Furcht vor einer Gefahr auf, vor der eben diese offizielle Politik des «America first» nicht schützen kann, sondern eine Stufe tiefer in diesem kollektiven Unterbewusstsein auch einen Anteil von Schuldgefühlen. Man erzeugt durch diesen zum nationalen Glaubensbekenntnis gewordenen Egoismus nicht nur die Naturkatastrophen, Atomexplosionen, chemischen Verseuchungen, man erzeugt auch den «Terrorismus», dessen cineastische Vertreter im Übrigen, wie jüngst in «15 Minuten», sich durchaus bewusst sind, dass die Medien ihre besten Verbündeten sind.

Kriegserklärung ohne Text und Autor

Diese «Kriegserklärung» – vielleicht gegen die «zivilisierte Welt», wie Gerhard Schröder [von Oktober 1998 bis November 2005 deutscher Bundeskanzler] meint, vielleicht gegen die ignoranten Gewinner der Globalisierung – hat, so scheint es, zunächst keinen «Autor». Und mehr noch: Sie hat keinen Text. Das ist nicht nur eine neue Form der Maskierung in einem globalen, technisch-archaischen Partisanenkrieg, in dem nicht mehr der Dschungel und das Gebirge die Rückzugsgebiete bilden, sondern der Bildernebel der audiovisuellen Medien. Die Kriegserklärung ohne Autor und ohne Text (nicht einmal mehr in der sowieso schon reduzierten Form eines Bekennerschreibens) ist reines Bild, «verfasst» in der «Sprache», die diese Zivilisation zu der ihren gemacht hat.

In einer Kriegserklärung, die nicht die Form eines Textes, sondern die Form von Bildern hat, gibt es weder eine diskursive Ursache noch eine rationale «Absicht». Weder bombt man etwas herbei, noch stärkt man irgendeine Position, weder zwingt man jemanden zu Verhandlungen, noch könnte sozusagen ein konkretes Subjekt der Auseinandersetzung gestärkt werden. Die Erschütterung geht also noch über die gewohnte terroristische Drohung hinaus: Es kann jeden treffen. Es kann überall eintreffen. Es kann zu jeder Zeit eintreten.

Der subjektlose Krieg produziert Bilder des Terrors, ohne zugleich Bilder der Terroristen zu produzieren. Er produziert, das ist das Furchtbarste an ihm, und auch das kennen wir aus unseren kollektiven Fantasien, nicht einmal mehr «Geschichte», nicht mehr (und seis opfervolle) Bewegung, sondern Lähmung, Stillstand. Das Entwirklichen der Bilder durch ihre endlose Wiederholung wie durch ihre Rückbindung an die Bilderfiktionen ist auch ein Entzeitlichen: Dieses Bild des Grauens kann nur noch religiös empfunden werden. Das bringt die «Bild»-Zeitung zu ihrem Titel: «Grosser Gott, steh uns bei!»

Höherer Goldpreis

In den «Die Hard»-Filmen ist die Spirale von Bildproduktion und Terrorismus noch um eine Drehung weiter entwickelt. Die Terroristen mit einem vermeintlich politischen Hintergrund erweisen sich da nämlich immer als Leute, die den terroristischen Akt nur vollführen, um die Öffentlichkeit mit den Dramen und den Bildern in Beschlag zu nehmen. In Wahrheit geht es immer um etwas anderes, nämlich um sehr viel Geld. Die symbolische Ebene des Terrors – das Aufzeigen der Verwundbarkeit, die Erzeugung von Angst und Verzweiflung und genauer: den Verlust des Vertrauens auf der Opferseite in die eigene Führung – und seine Rationalität fallen in dieser Fantasie auseinander. Der wahre Kampf wird um die Märkte geführt. Erinnern wir uns an die Schurken in den James-Bond-Filmen. Auch sie interessieren sich nicht wirklich für die Ordnung und die Gerechtigkeit der Welt. Sie stürzen wie Goldfinger die Welt ins Chaos, um den Preis für das etwas aus der Mode gekommene Edelmetall zu manipulieren.

Fast verschämt haben es im Angesicht der Katastrophe die Moderatoren verkünden müssen, dass der Goldpreis um ein Viertel in die Höhe gegangen ist. Dass die Aktien von Ölfirmen und Waffenfabrikanten rapide gestiegen sind, während der Rest des Aktienmarktes Anzeichen eines Absturzes erkennen lässt. Dieser Zusammenhang ist uns mit Recht so peinlich, dass er sofort wieder ins kollektive Unterbewusstsein verschoben werden muss. Was wäre, wenn nicht nur die Medien, sondern auch die Marktstruktur selber Teil dieser Kriegserklärung wären?

Stattdessen haben wir in Usama Bin Laden das Bild eines Feindes – ohne dass wir ihn als Autor des Anschlages identifizieren könnten –, der diesem Superschurken, der nicht gegen den globalen Kapitalismus revoltiert, sondern sich auf besonders perfide Weise in ihn einschreibt, durchaus entspricht. Er ist weder ein Held der Armen noch religiöser Führer, weder Despot noch Stratege. Er ist ein Kapitalist, Millionär, einer, der Terror nicht ausübt, sondern finanziert, einer, der die Logik des Marktes beherrscht. Sehr fern und ganz nah zugleich. Eine Figur, von der wir nicht zu sagen wüssten, wie viel Erfindung und wie viel Wirklichkeit in ihr steckt. Und wie Goldfinger ist er nicht «geheimnisvoll», sondern auf eine beinahe unheimliche Weise trivial.

Es ist uns also neben der ent-ortenden und ent-ordnenden Gefahr der subjektlosen und textlosen Kriegserklärung als eine weitere Gefahr eine Entwirklichung des Geschehens entstanden, in der weder das rechte Bild (der verzweifelte Angriff der Bösen) noch das linke Bild (der böse Angriff der Verzweifelten) ganz passen mag. Das Subjekt des subjektlosen Krieges besetzt die Katastrophe, also das, was früher wahlweise Schicksal oder Natur war. Zunächst könnten wir beim besten Willen nicht sagen, die Bilder seien in irgendeiner Weise gelogen.

Die Dramaturgie dieser Kriegserklärung freilich hat die Präsenz der Medien offensichtlich mit einkalkuliert. Der Film, den wir schliesslich zu sehen bekamen, offenbart nicht zuletzt die Dialektik von Allmacht und Ohnmacht unseres Leitmediums. Beständig wurden wir in dem Medium selber darüber informiert, wie ganze Städte «ausgestorben» seien, weil alle Menschen nach Hause geeilt sind, und vor dem Fernseher sitzen. Als wäre dies die einzige Rettungsmöglichkeit, die einzige Form, zugleich «sicher» und nicht abgeschnitten von den Ereignissen zu sein. Aber dieses Fernsehen erschöpfte sich – im Erscheinen mancher Beteiligten ganz buchstäblich – in der Aneinanderreihung der immer gleichen Bilder.

Der Aufprall des zweiten Flugzeuges auf den Turm des World Trade Center, der Einsturz, die flüchtenden Menschen, mit «Amateurvideos» weiter authentisiert. Das brennende Pentagon aus grosser Entfernung. Natürlich gibt es Gründe für diesen Wechsel von Nahaufnahme und Totale, aber zugleich entsteht auch wieder ein «Plot». Zwei symbolische Erzählungen, der Anschlag auf den Körper und der Anschlag auf das heilige Objekt. Und dieser Plot wird komplettiert (während wie gewohnt Politiker, Experten und Journalistinnen einen Wortteppich hinter den Bildern zu weben versuchen) durch eine dritte, die vielleicht problematischste Einstellung, nämlich die auf eine kleine Anzahl von Menschen, die kleine Wimpel schwenken, das Victory-Zeichen machen, lachen wie nach einem Fussballspiel, das von der eigenen Mannschaft gewonnen wurde, und, Höhepunkt der Perfidie: Es werden «Süssigkeiten auf der Strasse verteilt».

Wir sollen den KommentatorInnen glauben, die auf den unterschiedlichen Kanälen diese Einstellung der jubelnden PalästinenserInnen stets mit beinahe gleichen Worten als Ausweis einer Massenbewegung ausgeben. Wir sehen etwa ein halbes Dutzend Menschen, und die sehen wir wieder und wieder, als Darsteller «der» PalästinenserInnen, am Morgen dieselben wieder in den Zeitungen, die sich auch in ihren seriöseren Formen alle in «Bilder-Zeitungen» verwandelt haben. Das Bildhafte dieser Kriegserklärung setzt sich hier fort. Dass dieser Dreierschritt – die terroristische Mordtat, die panischen Verletzten und schliesslich die jubelnden PalästinenserInnen – Empörung erzeugen muss, ist klar. Diese Montage spricht von einer mitleidlosen Rohheit, die sogleich auch auf Arafats Bekenntnis der Betroffenheit abfärben muss. Dieses intimistische Pars pro Toto einer Szene vor einem Kaffeehaus hat aber so viel Beweiswert wie, sagen wir, wenn wir ein Stück Soapopera in ein historisches Geschehen einschneiden würden. Ob sie wahr oder falsch ist, tut daher wenig zur Sache, diese Einstellung konstruiert indes «Wirklichkeit» auf eine höchst zweifelhafte Weise.

TV, Hauptverbündeter des Terrors

Die Entwirklichung des Geschehens geschieht also auf mehreren Ebenen und paradoxerweise gerade dadurch, dass die eine Einstellung sich durch die andere verlorene Authentizität und verlorene Menschlichkeit zurückerobern will. Das Geschehen zerfällt in die grosse Kinometapher von der Katastrophe und in die intimistische Berichterstattung des gewöhnlichen Fernsehens. Das Fernsehen zeigte sich auf diese Weise, wie gesagt in allen Kanälen nach dem beinahe gleichen Muster, als unfähig gegenüber beiden Aufgaben, nämlich der «objektiven» Berichterstattung und dem subjektiven Empfinden, das wir einfach als Mitleid bezeichnen könnten. Ein scheinbar so beschränktes Medium wie das Radio war dieser Aufgabe sehr viel besser gewachsen. Es konnte Beschreibung, es konnte Konzentration auf die Stimmen von Zeugen bieten, an denen vielleicht überhaupt erst zu erkennen war: Das sind Menschen. Leidende, verzweifelte, angsterfüllte Menschen. Und nicht Schauspieler und Stuntmen, keine computergenerierten Actionpartikel.

Die subjekt- und textlose Kriegserklärung hat also im Fernsehen, das sich heillos in der Falle von Authentizität, Aktualität und Fiktionalisierung verfangen hat, ihren besten Verbündeten. In einem solchen Augenblick rächen sich die marktgängigen Verkommenheiten von Reality-TV, «Big Brother» und Trash-Fernsehen, in denen wir gelernt haben, die Welt nur noch als Abfall unserer Wünsche zu sehen. Das Bild dieses Mediums kann keine Würde mehr zurückgewinnen, es kann nur noch selber terroristisch wirken. Nicht dass wir hier nicht auch Menschen zugesehen hätten, die gegen den Würde- und Wirklichkeitsverlust anzukämpfen versuchten. Und doch sind sie machtlos gegenüber dem Zwang einer Endlosschleife der Bilder, die sich zugleich in eine bizarre Fiktion auflösen, trivialisieren und sich in eine Art visuelles Gebet auflösen.

Tatsächlich bekommt diese Bilderschleife etwas dezidiert Religiöses; die erste Grosskatastrophe des globalen Kapitalismus im neuen Jahrtausend schreibt sich direkt in die Seelen ein als das Bild unseres Unterbewusstseins, das nun real geworden ist wie eine Prophezeiung, die endlich wahr wird. «Der Reiz des verallgemeinerten Fantasiebildes der Katastrophe», schrieb Susan Sontag, «besteht darin, dass es von den normalen Verpflichtungen befreit.» Wir reagieren auf dieses Bild des Grauens mit der Rekonstruktion des Übernormalen, der Religion, weil Aufklärung vor dem Bild versagt. Nicht nur vor der Produktion dieses Bildes, sondern auch vor der Aufnahme in unseren Bildermaschinen. Und Theodor Adorno hat von denjenigen, die sich unentwegt Katastrophenbilder ausmalen, behauptet, sie seien solche, «die sie irgend auch wollen». Von einem text- und subjektlosen Bilderkrieg wissen wir nicht, ob er gegen uns oder durch uns geführt wird.

Unser Fernsehen kann nicht anders: Es ist zum Überbringer der text- und subjektlosen Kriegserklärung geworden. Es überbringt sie, aber es kann sie nicht verstehen.

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