13.09.2001

Sturz aus dem Glashaus

Von Lotta Suter, Hollis

Kurz vor der gewaltigen Implosion der zwei 400-Meter-Türme des World Trade Centers in New York springen Menschen aus den oberen Stockwerken. Sie springen aus Panik vor dem Feuer oder aus Einsicht in die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation. Im Fernsehen sind sie mit blossem Auge kaum von den herumfliegenden Stücken der Glas-Stahl-Beton-Konstruktion zu unterscheiden, doch die Leute auf der Strasse, die die Flucht aus dem Hochhaus gerade noch geschafft haben, sehen sie springen und schreien auf, immer wieder. Das bleibt haften im Gedächtnis, und auch der mit Staub und Asche bedeckte Feuerwehrmann, der müde sagt: «This world is an evil place.» Diese Welt ist schlecht.

Als die zuvor in Boston aufgetankte Boeing 767 der American Airlines mit 81 PassagierInnen und 11 Besatzungsmitgliedern an Bord am Dienstagmorgen kurz vor 9 Uhr US-Ostküstenzeit in den nördlichen Turm des World Trade Centers knallt, sitze ich auf dem neu gestrichenen Badezimmerboden (Farbe: Summer Skies) und berechne Kachelwände in der unhandlichen amerikanischen Masseinheit Inch (2,54 Zentimeter).

Was haben Sie, liebe WoZ-Leserin, lieber WoZ-Leser, zu der Zeit – viertel vor 3 Uhr nachmittags in Mitteleuropa – gemacht? Kaffee getrunken? Im Auto gesessen? Die Nachricht beim Staubsaugen gerade noch mitbekommen? Es von einem Kollegen vernommen und gedacht, er leiste sich einen schlechten Scherz? Wie oft und gern erzählen wir uns angesichts ausserordentlicher, unfassbarer und schrecklicher Ereignisse in der grossen Welt von den Banalitäten unseres kleinen Alltags. Das verschafft uns zugleich Bezug und Distanz, also eine Art prekäres Gleichgewicht.

Vielleicht ist die emotionale Balance hier, bloss eine Autostunde von Boston und eine halbe Tagreise von New York entfernt, etwas schwieriger zu halten. Zwar bietet auch das lokale Fernsehen reichlich Alltagskram: Die Colleges in den Nachbarstädten schliessen, die Staatsangestellten – ausser den Sicherheitsbeamten natürlich – gehen heim, die SchülerInnen werden nach dem Unterricht nicht wie gewohnt ins Fussballtraining, sondern gleich nach Hause geschickt. Der Emmy-Award, die nationale Auszeichnung für ausserordentliche Fernsehleistungen, wird vertagt (bei der Trophäe handelt es sich, nebenbei bemerkt, um eine Frau mit Flügeln, welche die Weltkugel triumphierend in die Höhe streckt). Die fantastisch glückliche Disney World wird bis auf weiteres geschlossen; Las Vegas macht dicht, da es diese «Islamisten» bekanntlich besonders auf solche Exzesse westlicher Kultur abgesehen hätten; doch auch mein vergleichsweise bescheidener Elternabend an der Holliser Primarschule fällt dahin. Wenn sogar die grossen Baseball-Teams ihre Spiele für den nächsten Tag aussetzen, sei das ein historisch einmaliges Ereignis, erfährt die Unkundige.

Journalistenkollegen mit ernster Mienen geben kund, dass Vergleichbares letztmals am D-Day (Landung der Alliierten in der Normandie, 6. Juni 1944) oder, da ist man sich unter Experten nicht ganz einig, beim Tod von Dwight Eisenhower (28. März 1969) geschehen sei.

Doch solch harmloses Amüsement kippt um in Beklemmung, wenn sich immer mehr Freunde und Verwandte aus den USA und aus Europa telefonisch erkundigen, ob die ganze Familie wohlauf sei. Es stimmt, mein Mann fliegt alle paar Wochen vom Logan Airport in andere Global Cities, doch das will ich im Moment gar nicht wissen; es stimmt, meine Älteste hat für den 12. September ihren Besuch in der Schweiz geplant – ist das zeitlich und geografisch ausserhalb der unmittelbaren Gefahrenzone? Ich bekomme E-Mails von Bekannten in New York: «Es sieht aus wie im nuklearen Winter». Ich denke an die Cousine einer Austauschstudentin, die ich im Frühling im World Trade Center besucht hatte: Eine ehrgeizige junge Frau aus Bangkok, die für viel zu wenig Geld viel zu viel schuftete im Herzen des kapitalistischen Ungeheuers. Wo sie jetzt wohl ist?

Die vielen Stunden am Fernsehen und im Internet liefern eine eigene Dynamik zur Banalisierung des Schreckens: Zahllose Wiederholungen der beiden Kamikaze-Maschinen, die mit Präzision in die Türme des World Trade Centers schneiden, und unmittelbar danach montiert der beinahe elegante vertikale Zusammensturz der hohen Gebäude in sich selbst, und dann dieses wellenartige Heranrollen der Schutt- und Staubwolke … Der Krieg habe an diesem Tag ein neues Gesicht bekommen, deklamiert ein ältlicher Politiker. Ach was. Der Krieg hatte noch stets das gleiche, furchtbar unerfreuliche Gesicht; viele Bilder aus Manhattan erinnern stark an den telegen geführten Golfkrieg – symbolgeladene Aggression und die kühle Ästhetik der Technik sogar in ihrer (Selbst-)Zerstörung. Die Gewalt der Naturkräfte, hier in Form der Schutt- und Staublawinen, könnte wiederum aus «Jurassic Parc» oder «Volcano» oder wie die Katastrophenstreifen alle heissen stammen. «Es ist schwierig, das alles nicht als Film zu sehen», hat eine Augenzeugin im ersten Schock gesagt.

Doch auch die nicht so direkt beteiligten politischen Kommentatoren – vom Talk-Fussvolk im TV-Studio bis zum Präsidenten, der die kritischsten Stunden in einer Art überseeischem Bundeshausbunker aus den Zeiten des Kalten Krieges verbrachte – wähnen sich offenbar alle in einem (schlechten) Film, in dem die Bad Guys, die Schurken, erst identifiziert und dann aktionsreich gejagt und gerächt werden müssen. Etliche der Interviewten antworten zwar eine Spur zurückhaltender als beim Oklahoma-Attentat 1995, als sie den Finger reflexartig auf den islamischen Extremisten Usama bin Laden richteten – bis damals der US-Extremist Timothy McVeigh als Täter gefasst war (er wurde anfangs Jahr in der ersten bundesstaatlichen Exekution seit den siebziger Jahren hingerichtet). Mehr als klar identifizierbare Bösewichte werden aber nicht gesucht. Bin Laden führt die Liste der Verdächtigen an – und dann ist sie eigentlich schon fertig.

Die «Middle East News» nominieren, mit genauso trüber Quellenlage ausgestattet wie die US-Geheimdienstler, eine «Japanische Rote Armee» als Terroristen des Tages, die Anschläge seien eine Vergeltung für Hiroshima und Nagasaki. Auch die etablierten Medienschaffenden liefern noch ein paar detektivische Hinweise: Das Camp-David-Abkommen ist ungefähr 23 Jahre alt (17. September 1978); der Bombenleger in den afrikanischen US-Botschaften hätte diesen Mittwoch ganz in der Nähe des World Trade Centers verurteilt werden sollen; die höchsten Flugsicherheitsbeamten der USA befinden sich just an diesem schwarzen Dienstag auf einer Sicherheitskonferenz der Branche in Kanada …

Warum die offenbar nicht einfach geisteskranken, zumindest ihre Ziele mit grosser Genauigkeit anpeilenden Täter das wirtschaftliche Symbol (das World Trade Center mit 50 000 Beschäftigten), das militärische Machtzentrum (der südwestliche Flügel des Pentagon dient der Planung und der Logistik) und offenbar auch das politische Herzstück der USA (die vierte, im Südosten von Pittsburgh, Pennsylvania, abgestürzte Maschine war wohl für Camp David oder aber für den Regierungssitz Washington gedacht) zerstören wollten, darüber wird kaum geredet. Einzig die Israel-Politik der USA und der Hass der Palästinenser beziehungsweise der islamischen Welt finden Erwähnung. Im öffentlichen Radio werden feiernde PalästinenserInnen in Jerusalem interviewt, die absurderweise hoffen, angesichts des Leidens im eigenen Land würden die USA ihre Aussenpolitik zu palästinensischen Gunsten überdenken.

Ansonsten vermerken einzig eine Handvoll wenig beachteter Alternativmedien, dass die USA ebenfalls «staatsunterstützten Terrorismus» verübten, wie Bush die aktuellen Anschläge einordnet. Genannt werden da etwa Henry Kissinger in Chile, Vietnam, Osttimor, Angola, Irak und Kambodscha, oder Aussenminister Colin Powell in Panama, Irak und beim Vertuschen des Massakers von My Lai. «Die USA sind weltweit in so viel Blutvergiessen verwickelt – oft mit noch höheren Opferzahlen, aber mit weniger Kameras vor Ort als heute –, dass man sich der Einsicht nicht verschliessen kann: die Gefühle, die wir jetzt haben – Angst, Verletzlichkeit, Wut – sind genau die Gefühle, welche die aktuellen Angriffe überhaupt motiviert haben», ist beispielsweise im AlterNet zu lesen.

«ATTACK ON AMERICA» heisst das blau-weiss-rote Signet der Berichterstattung (ein schwacher Trost, dass durch eine ungeschickte Fernsehgrafik auf einem Sender daraus für Stunden ein neckisches «TACK ON AMERICA», ein «Reissnagel in Amerika» wird) – der Angriff auf Amerika-die-Nation, auf Amerika-das-Wirtschaftswunder, auf Amerika-die-Militärmacht scheint viele Meinungsführer mehr zu schmerzen als der furchtbare Alltag in Manhattan, New York. Die Türme sind noch nicht gefallen und schon kommt der erste Politiker mit dem «Pearl Harbor»-Vergleich, dem magischen Sesam-schliesse-sie, gemeint ist politische Offenheit, Fähigkeit zur Selbstanalyse, Demokratie. Die Zahlen der Verwundeten und Toten des japanischen Überraschungsangriffes auf die Hawaiinsel am 7. Dezember 1941, der dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg vorausging, sind den Flugzeugattacken durchaus vergleichbar (2390 Tote und 1178 Verwundete in Pearl Harbor, vielleicht ein Vielfaches in New York, Washington D. C. und Pennsylvania).

Doch was sonst ist gleich? Die Schändlichkeit der Tat, meint die US-Regierung. Doch auch 1941 war nicht eine unschuldige durch eine schuldige Nation aus purem Wahnsinn bombardiert worden; auch da gingen politische Akte (beispielsweise ein Wirtschaftsboykott von seiten der USA) voraus – und folgten nach: 120 000 AmerikanerInnen japanischen Ursprungs wurden während des zweiten Weltkrieges in den USA einzig aufgrund ihrer ethnischen Herkunft interniert. Zum ersten Jahrestag von Pearl Harbor wurde in den Kinos ein Zweiminutenspot («Rache für den 7. Dezember») gezeigt, der zu Kriegsanleihen aufrief mit dem Werbeslogan: «Sparobligationen – eine Obligation zur Vergeltung» (bonds of vengeance). Das soll im Jahr 2001 ein Modell zur Gewaltausübung und zum Gewaltmanagement sein? Der erste Schritt zur Demokratie im Ausnahmezustand?
Wahrscheinlich leider ja.

Bereits wird mit einer «restriktiveren, weil sicherheitsbewussteren» Gesellschaft kokettiert, Star-War-Schirmchen statt realistischer integrativer Politik. In der Woche vor den Anschlägen hat das Magazin «New Yorker» eine Zeichnung des Präsidenten gedruckt, der auf einer Schulbank sitzt. Die Lehrerin will ihn zum Rechnen anhalten: «schrumpfender Haushaltsüberschuss weniger Steuererleichterungen – das gibt minus … minus – nun?» Bush sitzt in Träumereien versunken da, die Zunge im Mundwinkel und zeichnet Bömbchen und Wölkchen in sein Heft mit der Überschrift «Miszul Defenz» («Missile Defense»).

«Terroristen können die stählerne Konstruktion eines Gebäudes zu Fall bringen, nicht aber die stählerne Entschlossenheit des amerikanischen Volkes», reimt Bush knapp zwölf Stunden nach dem ersten Treffer vor laufenden Kameras. Ich denke an die Menschen, die aus ihrem sicheren Käfig in den Tod gesprungen sind. An den resignierten Retter.

Bloss keine stählernen Entschlossenheiten mehr, bloss keine neue Runde des Leidens.

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