Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Vor dem Regal mit den gläsernen Müesli von der App

Eine Firma in Kalifornien will umfassende Transparenz beim Einkauf. Wer im Laden steht, soll sich von unabhängiger Stelle informieren lassen können, ob ein bestimmtes Produkt möglichst umweltschonend ist und fair produziert wurde.

Von Daniel Stern

Wer sich in einem Supermarkt mit einer Packung Müesli eindecken will, hat oft die Qual der Wahl: Welche der vielen Müeslimischungen ist denn nun nicht nur möglichst gesund, sondern überdies unter besonders umweltschonenden und anständigen Bedingungen hergestellt worden? Auch das eingehende Studium der Inhaltsangaben auf den Packungen bringt meist keine Klarheit.

Professor Dara O’Rourke aus dem kalifornischen Berkeley will hier Abhilfe schaffen. Er hat dazu die Firma Goodguide gegründet, die in den USA alle Produkte im Supermarkt nach unterschiedlichen Kriterien bewertet. O’Rourke beschäftigt sich seit rund zwanzig Jahren mit globalen Lieferketten. Er geht dabei nicht nur der Frage nach, woher beispielsweise eine bestimmte Müeslizutat stammt, sondern auch aus welcher Gegend der Dünger kommt, der für die Produktion dieser Zutat verwendet wurde, und wo wiederum etwa die Verpackung für den Dünger hergestellt wurde. Solche Daten werden dann mit Informationen darüber verbunden, wie die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung der einzelnen Teilprodukte aussehen und welche Auswirkungen die Produktion auf die Umwelt hat.

«Immer mehr Kunden wollen gesunde, biologische und sichere Produkte kaufen und weder Kinderarbeit noch den fortschreitenden Klimawandel unterstützen», sagte er kürzlich bei einem Gespräch mit der WOZ. Doch solche Informationen stehen normalerweise nicht auf der Packung. Es gibt zwar inzwischen unzählige Labels, die jedoch alle immer nur ein spezifisches Teilgebiet abdecken. Das Knospe-Label von Bio Suisse etwa garantiert, dass die Zutaten im Müesli nach bestimmten umweltschonenden Kriterien angebaut und verarbeitet wurden. O’Rourke sagt, es gebe allein in Europa und in den USA rund 400 solche Labels, in einzelnen Produktkategorien bis zu zehn. «Einige dieser Labels sind zwar sehr nützlich, doch keines hat wirklich im grossen Stil das Bewusstsein der Konsumenten geschärft.» Ausserdem gebe es auch viele Produkte ohne Label: «Was mache ich, wenn ich Bleichmittel kaufen will oder Socken, und da ist nichts zertifiziert?», fragt er. Und die vielen Labels hätten bei den KonsumentInnen zu Konfusionen geführt. Es gebe Zertifikate, die von der Industrie gesponsert seien und nicht hielten, was sie versprächen.

Eine Million Mal heruntergeladen

Goodguide betreibt einerseits eine Website (www.goodguide.com), vertreibt aber auch eine Gratis-App, die auf Handys heruntergeladen werden kann. Steht man dann wieder einmal vor einem grossen Regal Müeslipackungen und weiss nicht weiter, so kann man den Barcode einer Packung einscannen und erhält innerhalb weniger Sekunden eine umfassende, unabhängige Bewertung des Produkts. Kauft man online im Internet, so lässt sich Goodguide direkt in den Browser integrieren und liefert beim Klick auf ein bestimmtes Produkt eine Bewertung sowie einen Vergleich mit ähnlichen Produkten. Die Kriterien, die Goodguide dabei verwenden soll, kann man selber eingrenzen.

«Unsere App wurde bereits über eine Million Mal heruntergeladen, ohne dass wir Werbung dafür gemacht hätten», erzählt O’Rourke stolz. In den USA werde Goodguide vor allem wegen der Bewertungen zu Gesundheit und Sicherheit geschätzt, so O’Rourke. «Eltern wollen sicher sein, dass im Babyshampoo, das sie kaufen, keine giftigen Chemikalien drin sind.» Längerfristig würden diese Leute, wenn sie Goodguide nützen, aber auch eine Sensibilität für Umweltthemen und Soziales entwickeln, ist O’Rourke überzeugt.

Knacknuss Europa

Goodguide arbeitet derzeit noch ohne Profit. Längerfristig ist geplant, dass sich das Unternehmen mit Beiträgen von Firmen und Behörden finanziert, die die Informationen im grossen Stil anwenden könnten. Derzeit läuft der Betrieb mit Geld von RisikokapitalistInnen. «Wir hatten Glück. Als wir Geld suchten, gab es im Silicon Valley gerade ziemlich viele Reiche, darunter der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, die ihr Geld in Firmen investieren wollten, die einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten.» Das Unternehmen beschäftigt derzeit 25 Angestellte. Dabei testet Goodguide selbst keine Produkte, sondern stützt sich auf weltweite Datensammlungen, die zusammengeführt und aufbereitet werden.

O’Rourke erwähnt die Schweizer ETHs, die beim Thema Ökobilanz eine führende Rolle spielten. So wurde etwa am Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich erforscht, wie viel Energie- und Wasserverbrauch bei der Produktion und beim Transport von verschiedenen Gemüse- und Früchtesorten anfällt, welche Mengen Pestizide dazu benötigt werden und wie hoch der CO2-Ausstoss ausfällt. Die ETH kommt dabei zum wenig überraschenden Schluss, dass schädliche Umweltauswirkungen vor allem dadurch reduziert werden könnten, dass KonsumentInnen saisonale Produkte kauften und auf Früchte und Gemüse verzichteten, die per Flugzeug transportiert werden.

O’Rourke reiste Anfang Jahr ans Weltwirtschaftsforum (Wef) nach Davos, um die ManagerInnen der grossen Detailhandelsketten davon zu überzeugen, selber für Transparenz ihrer Produkte zu sorgen. «Ich habe viele entschuldigende Ausflüchte von Managern gehört, weshalb es nicht gehe.» Dennoch will der Professor weiter versuchen, Partnerschaften mit Unternehmen einzugehen. Er hofft dabei stark auf die europäischen Grossverteiler. Hier sei das Bewusstsein für Fairtrade viel grösser als in den USA. Technisch sei Europa jedoch eine härtere Knacknuss als die USA: «Der Markt ist stark fragmentiert.» Jedes Land habe seine eigenen Supermarktketten mit eigenen Produktlinien – und eigenen Labels.

Freiwillige Deklaration

Von den Unternehmen abgeblockt

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat ge­plant, Empfehlungen zu veröffentlichen, wie Produkte bezüglich ihres Ressourcenverbrauchs und ihrer Umweltbelastung deklariert werden können. Die Empfehlungen sollten dabei freiwillig umgesetzt werden. Beabsichtigt war eine gewisse Einheitlichkeit bei jenen Unternehmen, die die Umweltbelastung ihrer Produkte deklarieren wollen. Jetzt werden solche Empfehlungen doch nicht abgegeben.

Vergangenen Februar schrieb das Bafu rund hundert Personen und Organisationen an und bat sie um ihre Stellungnahme zu den vorgesehenen Empfehlungen. Die Reaktionen der Branchenverbände, Herstellerinnen, Importeure und Handelsorganisationen waren jedoch «mehrheitlich ablehnend», wie Anders Gautschi, Sektionschef beim Bafu, gegenüber der WOZ sagt. «Bereits leichte Abweichungen von internationalen Standards bedeuten für die betroffenen Unternehmen grosse Mehraufwände, die den finanziellen und adminis­trativen Aufwand unverhältnismässig steigen lassen und insbesondere KMU belasten», schrieb etwa der Unternehmensverband Economiesuisse zurück. Dies würde die Unternehmen in ihrer «Wettbewerbsfähigkeit» schwächen und zum «Aufbau von Handelshemmnissen» führen. Economie­suisse befürchtete zudem, dass die freiwillige Deklaration sehr schnell in eine verbindliche Anordnung umgewandelt werden könnte.

Das Bafu hat sich ursprünglich auf den Standpunkt gestellt, dass die verbesserte Information der KonsumentInnen über die Produkte notwendig sei, «weil sich Konsumentinnen und Konsumenten oft wenig bewusst sind, welche Umweltbelastungen und welcher Ressourcenverbrauch mit ihren Entscheiden verbunden sind». Wichtig sei dabei, dass die Informationen vergleichbar und relevant seien. Geplant war, ein Produkt über seine ganze Lebensdauer zu bewerten, «von der Rohstoffgewinnung, über die Produktion, die Anwendung bis zur Entsorgung». Als Beispiel wird auf die Tomatenproduktion verwiesen, bei der neben den Anbaumethoden vor allem der Wasserverbrauch in trockenen Regionen, lange Transportwege sowie die Beheizung der Gewächshäuser negativ ins Gewicht fallen.

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