13.09.2001

Der Tower brennt. Es gibt Krieg.

Von Patrik Landolt

War das ein dummer Scherz? Als ich kurz nach 9 Uhr den Broadway hinunterlief, um den Musiker E. S. zum Kaffee zu trefffen, rief eine Frau am Strassenrand: «Der Tower brennt!» Niemand nahm von ihr Notiz. Einige Schritte weiter dann freie Sicht auf die Skyline von Downtown New York: Eine immense Rauchsäule, dieses giftige Schwarz. – Sind wir im Kino? Mitten im Hororszenario, das Hollywood vor Jahren schon inszenierte?

Der Turm brennt in der Mitte, an der Spitze eine Rauchsäule. Der zweite Turm ist gar nicht mehr zu sehen. Dann kracht der Tower in sich zusammen, wie ein Glashaus. Höllische Rauchschwaden zwängen sich durch die Strassenschluchten. Der Broadway vibriert. Rasende Feuerwehrautos, Hupen, die brüllen wie wilde Tiere. Was ist passiert? Aus einem Taxi, das mit offenen Türen am Strassenrand steht, Informationen vom Radio. Die Passanten erstarren, bleiche Gesichter. «Oh Gott, es gibt Krieg», ruft eine Frau.

In der Wohnung von E. S., an der 6. Strasse, keine zwei Kilometer entfernt vom World Trade Center, die ersten Fernsehbilder. Die Reporter tragen häppchenweise Informationen zusammen. E. S. versucht seinen Freund, der in der Nähe des WTC wohnt, anzurufen. Die Leitung ist tot. Über den Bildschirm flimmern immer wieder Bilder von dem Flugzeug, das mit immensem Tempo in den linken Turm rast. Mehrmals die Wiederholung, wie der Turm in sich zusammenbricht. Bilder von Feuerwehrleuten, die durch weissen Staub waten wie durch tiefen Schnee, als wäre das Riesengebäude pulverisiert worden.

Um 11 Uhr meldet sich Präsident George W. Bush. Er weiss nichts zu sagen, schliesst mit «God bless America». Auf Bush folgt ein Telefoninterview mit dem New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani. Noch immer weiss niemand, was genau vor sich geht. Dann gibt die Moderation tröpfchenweise Informationen vom Krisenstab weiter: Manhattan ist abgeriegelt, Brücken und Tunnel gesperrt, die U-Bahn eingestellt. Alle Flughäfen der USA sind nunmehr geschlossen, die Grenzen zu Kanada und Mexiko sind abgeriegelt. Eine Kommentatorin spricht von insgesamt acht entführten Jets. Vier seien noch vermisst. – Die Lüftung trägt russige Luft ins Wohnzimmer.

Durch die geschlossenen Fenster ist der Sirenenchor zu hören. Das Telefon funktioniert immer noch nicht. Was ist mit den anderen vier angeblich entführten Jets?

Jetzt erscheinen die ersten Bilder von Opfern am Bildschirm. Bankiers mit schmutzigen Hemden, ohne Krawatten, rennen um ihr Leben und entkommen gerade noch. Feuerwehrleute, dem Zusammenbruch nahe, schildern, wie ihre Kollegen von herunterstürzenden Trümmern erschlagen wurden. – Das Telefon geht immer noch nicht. – Eine Sekretärin erzählt von ihrer Flucht aus dem 12. Stockwerk des WTC in die Eingangshalle, durch dicken Rauch, Staub, Müll, über zerfetzte Opfer hinweg, hinter ihr ein Feuerball. Wie durch ein Wunder habe sie die Strasse erreicht.

Das Telefon funktioniert immer noch nicht. Die Luft in der Wohnung ist stickig. Die Repetition der immergleichen TV-Bilder ist nicht mehr auszuhalten. Frische Luft!

Wie nach einem Erdbeben scheinen alle Menschen Manhattans auf der Strasse zu sein. Dazwischen, soweit das Auge reicht, Ambulanzen. Sie rasen in Richtung Süden, in eins der 170 Spitäler New Yorks. Nur wenige Privatautos. Ströme von Menschen bewegen sich nach Süden, weg vom Geschehen. Am Himmel donnern Militärjets. Manhattan, die Stadt der grenzenlosen Freiheit, des Reichtums und Überflusses, steht unter Schock. Abgeriegelt, dichtgemacht.

Erst abends im Hotel setzen die gesammelten TV-Bilder die Dimension des Schreckens zusammen. Unzählige Augenzeugen, die dem Tod nur knapp entkommen sind, schildern den Horror. Der Feuerwehrchef, der dreihundert seiner Leute in den Tod gehen sah, bringt vor der Kamera kaum noch ein einziges Wort heraus. Niemand wagt Zahlen von Toten zu nennen. Die hartgesottensten New Yorker Politiker beginnen vor den TV-Kameras zu stottern und zeigen menschliche Regungen. – Die ganze Nacht vereinzelt Sirenen von Ambulanzen: Überlebende, die in die Krankenhäuser gebracht werden.

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