20.09.2001

Habt ihr denn Hoffnung?

Laute und leise Stimmen aus einem besetzten und abgeriegelten Land.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Wir wollten den Mitternachtsflug von Tel Aviv nach San Francisco nehmen, meine Frau, unsere Tochter und ich. Ich sollte meinen neuen Film vorführen am Festival des Arabischen Films in der Bay Area. Glücklicherweise hörten wir die Nachrichten noch, bevor wir uns zum Flughafen aufmachten. Der Flug wurde annulliert. Unsere Reise auch. Stattdessen fand ich mich am Bildschirm klebend, auf die Bilder starrend, die zeigten, wie die Zwillingstürme des World Trade Center getroffen und zerstört wurden.

Draussen sah ich einen Haufen Leute, die hysterisch schrien. «Sie haben Amerika getroffen», «Selbstmordattentate», «Flugzeuge», «Das Pentagon brennt»; einer schrie: «Die PFLP übernimmt die Verantwortung», ein anderer gab zurück: «Nein, der ‘Dschihad’». Ein niederländischer Journalist sprach einen jungen Mann an und fragte ihn, ob es denn wahr sei, dass viele Leute vor Freude über die Angriffe in den USA tanzten.

Ich hörte den jungen Mann antworten: «Amerika machte sich selbst zum Feind dieser Menschen. Schau, wir werden nun schon seit elf Monaten von F16-Flugzeugen, M16-Gewehren, Helikoptern und sonstigen amerikanischen Waffen aller Art angegriffen. Und nicht nur das! Amerika legt sein Veto ein gegen jede Resolution, die uns PalästinenserInnen Frieden bringen will. Sie töten uns und nennen uns Terroristen. Natürlich freuen sich hier viele Menschen. Aber nicht über den Tod Unschuldiger, sondern weil ihr Feind getroffen wurde. Das ist nur menschlich. Nicht sie machten Amerika zu ihrem Feind, Amerika machte sie zum Feind.»

Ich hörte den jungen Mann sprechen, und ich dachte zurück an New York. Denn früher lebte und arbeitete ich im Village, ich ging dort zur Schule. Das Village war Manhattan für mich, ich kümmerte mich nicht um «lower» oder «upper» Manhattan. Doch ich kann es mir noch immer nicht ohne die Zwillingstürme vorstellen. Sie prägten die Gegend und das Bild der ganzen Stadt. Es ist, wie wenn ein Arm amputiert wird. Ich denke an die New Yorker, an die verschiedenen Gemeinschaften und Quartiere, an die Menschen aller Hautfarben und unterschiedlicher Herkunft; und ich bin traurig und wütend über die Verwüstungen. Ich nehme es gewissermassen persönlich, denn ich wollte meiner Frau doch das «Windows on the World»-Restaurant mit seiner Bar im hundertsiebten Stock des einen Turms zeigen. Was, wenn es gerade dann geschehen wäre?

Ich vermisse New York sehr, doch ich bin froh, dass ich jetzt nicht dort bin. Denn ich weiss, wie schwierig es für einen Araber in den USA heute ist. Ich erlebte es während des Golfkriegs, als keine amerikanischen Interessen getroffen wurden; als die USA einen arabischen Staat gegen einen anderen arabischen Staat «unterstützten» – schon damals fühlte sich jedeR AraberIn permanent niedergemetzelt durch die Medien und durch die Ignoranz und Unsensibilität der Öffentlichkeit. Die AraberInnen wurden zu Gesindel erklärt, das Menschsein wurde ihnen abgesprochen, zusammengefasst in Tabloidformat-tauglichen Verallgemeinerungen. Wie wird das heute wohl sein, wo so viele Menschen ums Leben kamen und die Symbole amerikanischer Macht getroffen wurden durch einen vermuteten arabischen und muslimischen Feind? Bereits gibt es Berichte von An- und Übergriffen gegen AraberInnen und MuslimInnen.

Doch hier im besetzten Palästina zu sein, ist kein bisschen besser. Die Stimmung hier ist unheimlich, beinahe depressiv, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Das ganze Land ist zerstückelt in dutzende von geschlossenen militärischen Gebieten. KeineR kann sie verlassen, und wenn deine Schule oder dein Arbeitsplatz hinter den Soldaten liegt, kannst du es vergessen. Du wirst da nicht hinkommen. Über tausend StudentInnen standen ungläubig vor israelischen Soldaten, die sie hinderten, zur Bir-Zeit-Uni zu gelangen. Die Hauptverkehrsachse zwischen Ramallah und Jerusalem ist vollständig gesperrt. Das gab es noch nie.

Normalerweise sind zehntausende PalästinenserInnen täglich zwischen Ramallah und Jerusalem, wo sie wohnen, studieren und arbeiten, unterwegs. Da ist nicht nur dieser übliche Checkpoint, der eine israelische Stadt von einer palästinensischen trennt. Die Absperrungen sind auf palästinensischem Gebiet, zwischen palästinensischen Städten, wo kein Israeli durchfährt oder in der Nähe lebt. Die Kollektivstrafen wurden zur Würze der israelischen Politik.

Heute sass ich in einem Kaffeehaus in Ramallah mit einigen Bir-Zeit-StudentInnen zum Tee. Rawan, ein gut gekleideter 19-jähriger Informatikstudent, der in Jerusalem lebt, sagte: «Ich weine jeden Tag auf dem Weg zur Uni. Die Israelis zwingen mich, durch Schmutz und Müll zu gehen, einfach um mich zu demütigen. Ich wünschte, irgendetwas geschähe, das dies beendet! Wenn es die Intifada ist, die uns rettet, dann lasst uns alle auf die Strasse gehen. Entweder wir sterben, oder wir leben anständig.»

Fadi, ein 20-jähriger christlicher Palästinenser aus einer Familie des Mittelstandes, zweifelt daran, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen irgendwo hinführen. «Unsere Möglichkeiten sind beschränkt, wir haben weder Panzer noch Raketen noch Flugzeuge, wie sie die Israelis gegen uns einsetzen. Anfänglich wollten wir eine Intifada, in der wir Steine werfen und mit unseren Körpern gegen die Israelis kämpfen. So, wie die Auseinandersetzungen jetzt ablaufen, bringen sie uns nirgends hin. Wir stehen unter grossem Druck, wir werden belagert.»

Seine Schwester Dschumanah ist anderer Meinung. «Die Intifada muss einfach weitergehen, dann erreichen wir unsere Ziele.» «Habt ihr denn Hoffnung?», fragte ich sie. Sie schauten sich an und begannen zu lachen über die seltsame Frage. «Nein», antwortete Rawan rasch. «In dieser Situation, wo uns niemand mehr hilft, nicht.» «Auf kurze Sicht nein», meinte auch Fadi.

«Es sieht nicht so aus, als ob die Israelis uns irgendetwas geben würden. Sie wollen alles für sich selbst, sie wollen uns weghaben.» Dschumanah rettet schliesslich den Tag, denn sie behält ihre Hoffnung. Eigentlich erwartete ich noch eine Erklärung dafür, doch sie schwieg mit einem zurückhaltenden Lächeln. Ich wusste, dass ich nicht länger zu warten brauchte. So ist Dschumanah eben.

Mein Freund Issam ist Historiker und stellvertretender Direktor des Institute of Jerusalem Studies. Ein liberaler Mensch, der bei allem Religiösen oder Nationalen klaustrophobische Gefühle entwickelt. Er ist einer derjenigen, die den Dialog mit demokratischen Strömungen in der israelischen Gesellschaft immer förderten. Issam stammt ebenfalls aus einer christlichen mittelständischen Familie. Er denkt, dass er gewisse politische Bewegungen (nationale oder religiöse) akzeptieren und unterstützen müsse, selbst wenn er sie grundsätzlich ablehnt. Es bleibe ihm keine Wahl.

«Ich befürchte, dass uns diese Situation immer mehr dazu bringt, die demokratische Option zu kompromittieren. Das ist schlimm.» Issams ideale Lösung wäre, «auf die Demokraten in beiden Gesellschaften zurückzukommen. Wir müssen eine gemeinsame demokratische Alternative anbieten zu den Projekten des Zionismus, des radikalen Islam und des arabischen Nationalismus.» Doch er fügt noch an: «Aber das klappt auch nicht. Im besten Fall endet es mit zwei chauvinistischen Nationalstaaten, die einander hassen.»

Siehe auch das Dossier Palästina-Israel.

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