01.11.2001

Der neue Ölkrieg

Seit Beginn des palästinensischen Aufstandes gegen die Besetzung haben die israelischen Besetzer über 480000 Bäume entwurzelt. Dazu gehören etwa 130000 Olivenbäume, viele über hundert Jahre alt.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Wer durch die palästinensischen Dörfer und Städte der West Bank reist, sieht schnell, dass Olivenbäume die Landschaft und einen wesentlichen Teil der Volkswirtschaft bestimmen. Der Olivenbaum ist seit hunderten von Jahren Bestandteil der Kultur der hier ansässigen Menschen. Ich erinnere mich, wie ich während meiner Studienjahre an der Bir-Zeit-Universität jeden Spätherbst Tag um Tag in den Dörfern verbrachte, um bei der Olivenernte mitzuhelfen. Die Zeit der Olivenernte ist eine besondere Zeit im Leben eines palästinensischen Dorfes. Eine Zeit voller Hoffnung und Versprechen.

Aber nicht in diesem Jahr. Als ich zum ersten Mal von den gefällten Olivenbäumen hörte, konnte ich es nicht glauben. Ich dachte, die Leute übertreiben wieder einmal. Die Israelis werden einige Bäume gefällt haben, wohl weil jemand hinter einem Baum versteckt auf sie geschossen hat; das wäre ja noch zu rechtfertigen. Doch die Geschichten handelten von ganz anderen Zahlen. Als ich dann von 100 000 hörte, wollte ich es mir selbst ansehen. Es schien einfach zu seltsam, dass jemand so etwas getan haben könnte.

Ich nahm meine Kamera und ging ins erste Dorf, das ich trotz der Belagerung Ramallahs erreichen konnte, das Dorf Abud. Abud kenne ich schon lange, denn jedes Mal, wenn ich meine Schwester Mufidah in Kafr Qasim besuche, muss ich dort durch. Ich war schon so oft dort, dass ich meine Augen schliessen und mir die Umgebung des Dorfes vorstellen kann. Abud war jetzt genau der richtige Ort für einen Besuch.

Was ich sah, war unglaublich. Es war unwirklich. Es glich einer göttlichen Strafe oder einer Naturkatastrophe. Abertausende von Bäumen waren gefällt worden auf einem Stück Land am Dorfeingang, das einer jüdischen Siedlung gegenüber liegt. Ich schloss meine Augen und sah das Land, wie es vorher war. Ich öffnete sie wieder und sah, was daraus geworden war. Die Bäume waren mitsamt ihren Wurzeln aus dem Boden gerissen und das Land war sorgfältig platt gewalzt worden, wie um etwas zu verbergen.

Da war nichts mehr, was ich hätte filmen können. Nur wenn sich auch meine Erinnerungen filmen liessen, wäre das hier aufzunehmen. «Aber warum?», murmelte ich vor mich hin. Ich wollte alle meine jüdischen Bekannten anrufen und sie hierherbringen, es ihnen zeigen. Ich weiss nicht warum, aber das war einfach das Erste, was mir einfiel. Der Gemeindepräsident und der Lehrer, die mich hierhin begleiteten, schwiegen. Sie sagten kein einziges Wort. Als wir zurückgingen, sah ich auf dem Grundstück auf der anderen Seite der Strasse eine ganze Reihe von Olivenbäumen, die in der Mitte umgesägt waren.

Im Dorf brachten sie mich zu Hadsch Abdullah, einem alten Mann, der all seine 76 Bäume bei diesem «Massaker» (so nennen es die Menschen im Dorf) verloren hat. Er sprach ruhig, ohne Wut. «Ich glaube an Gott. Gott wird mich rächen», sagte er mir. Seine beiden jüngsten Söhne sassen bei ihm und bemühten sich, grimmiger auszusehen als ihr Vater. Doch dafür waren sie zu jung und knabenhaft. «Ist das Krieg? Nenn mir einen Krieg, in dem Bäume als Feinde angegriffen wurden, nenn mir einen einzigen!» Hadsch Abdullah schien keine Antwort zu erwarten.

Auch im Gaza-Streifen wurde die Landschaft gewaltsam verändert und mit ihr das Leben der Menschen. Hunderte, tausende von Bäumen wurden gefällt, das Land plattgewalzt und in eine Wüste verwandelt. Die israelischen Truppen führten eine gut geplante Kampagne gegen die Brunnen in ihrer Reichweite. Bulldozer kippten Tonnen von Schutt und Dreck in die Brunnen, die einzigen Wasserquellen für Haushalt und Landwirtschaft.

«Wenn das nicht Terrorismus ist, was ist es dann?» Hadsch Abdullah schaute seine beiden Söhne an, die ihm genau zuhörten. «Ein Mensch kann einen anderen Menschen wütend machen, bis der zweite den ersten umbringt. Das kann man verstehen. Das sehen wir in Filmen, im Theater, wir lesen es bei Shakespeare, und wir sehen es in der Wirklichkeit. Aber Bäume umbringen? Das ist jenseits der Vernunft.» Hadsch Abdullah glaubt aber, dass das gut sei für uns PalästinenserInnen. Es soll uns einen Hinweis auf die Richtung geben, die wir einschlagen müssen. Und er glaubt, dass diese israelische Botschaft uns helfen wird, nicht auf die israelische Propaganda über Frieden und solchen Unsinn hereinzufallen. Wer Frieden mit seinem Nachbarn will, fällt ihm nicht die Bäume. «Die Israelis wollen keinen Frieden mit uns», flüstert mir Hadsch Abdullah ins Ohr. «Sie wollen das Land, und sie wollen uns zwingen wegzugehen. Oder als Sklaven in ihren Farmen zu arbeiten. Sie terrorisieren uns.»

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