11.10.2001

Der Erstschlag

Von Armin Köhli

Kann man sich ein erbärmlicheres US-amerikanisches Vorgehen in der Folge des 11. Septembers vorstellen, als einen Krieg gegen Afghanistan zu beginnen? Einen Krieg der Welt-Supermacht gegen das nach allen rationalen Kriterien ärmste Land der Welt? Der vorhandene und selbst geförderte innenpolitische Druck zu handeln, wuchs in den USA so stark, dass nun endlich losgeschlagen wurde; gegen das isolierteste, von der Welt verlassenste Land, das man sich nur denken kann. Eine Machtdemonstration durch Bomben und Marschflugkörper ausgerechnet gegen Afghanistan erscheint nur lächerlich. Und dass mit diesem Krieg der Terrorismus besiegt werden könnte, selbst wenn denn das Taliban-Regime fällt, selbst wenn Usama Bin Laden geschnappt werden könnte, behaupten noch nicht einmal die Männer im Pentagon.

Kann man sich erbärmlichere Verbündete vorstellen, als sie sich die US-Regierung für diesen Krieg gesucht hat? Im Westen an vorderster Front der euphorisierte britische Feldherr Tony Blair, ein Westentaschen-Churchill. Dann der wichtigste Partner im Kriegsgebiet, der Putsch-General Pervez Muscharraf, der mit seiner Armee einen Staat regiert, gegen den bis vor einigen Tagen Sanktionen aus aller Welt bestanden, weil die Atommacht Pakistan 1998 ihre Atomwaffen testete und sich bis heute weigert, dem Atomwaffensperrvertrag beitzutreten. Weiter die Bandenführer der Nordallianz, die in der kurzen Zeit, in der sie Afghanistan kontrollierten, das Land derart zu Grunde richteten, dass der grösste Teil der Bevölkerung erst mal erleichtert war, als die Taliban Afghanistan überrannten und diese Warlords hinwegfegten. Schliesslich die neue Lichtgestalt, der 86-jährige frühere König Zahir Schah, in dessen Herrschaftszeit Afghanistan so blühte, dass die Grossgrundbesitzer eigene Gefängnisse unterhielten, Leibeigenschaft existierte und Anfang der siebziger Jahre gerade mal drei Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten.

Dieser Krieg trifft, wie immer, die einfachen Leute. Selbst wenn, wie behauptet, ausschliesslich militärische Ziele getroffen würden (der Tod von vier Mitarbeitern einer Minenräumorganisation, der sich nicht so leicht verheimlichen liess, legt das Gegenteil nahe), lebt die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Die Menschen fliehen aus den Städten, in Richtung Pakistan und Iran, wo sie auf geschlossene Grenzen treffen. Oder einfach aufs Land, in die Dörfer, wo Dürre und Hunger herrschen. Schon vor dem neuen Krieg konnten in Afghanistan von 27 Millionen EinwohnerInnen etwa 4 Millionen nur dank direkter Nahrungsmittelhilfe überleben. Als Folge der US-amerikanischen Angriffe musste das Welternährungsprogramm aber die Nahrungsmittelabgabe stoppen, neue Hilfsgüter geraten praktisch nicht mehr ins Land. Es sei denn jene zynischen, «humanitäre Tagesration» genannten Pakete, die die US-Luftwaffe als «Geschenk des amerikanischen Volkes» ihren Bomben hinterherwirft, für die es aber keine Verteilorganisation gibt, Lebensmittel, die irgendwo landen können, auch in Minenfeldern. Sollte diese Art von humanitärer Kriegsführung Schule machen, so werden sie demnächst rund um Minenfelder Holzbeine auslegen, damit sich die Landbevölkerung orthopädisch gleich selbst versorgen kann. Mit einer eingeschnitzten Aufschrift wie: «Ein Geschenk der kanadischen Holzverarbeitungsindustrie».

Die US-Armee spricht von einem Jahre dauernden Krieg. Wenn Uno-Generalsekretär Kofi Annan und die meisten Mitglieder des Sicherheitsrates den Krieg gegen Afghanistan im Rahmen des in der Uno-Charta festgelegten Selbstverteidigungsrecht für legitim erklären, ohne eine Mandatierung durch die Uno als «peace enforcement» auch nur zu diskutieren, dann haben sie sich von der Uno-Charta verabschiedet. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte gegenüber dem Uno-Sicherheitsrat, die USA zögen Angriffe in anderen Staaten in Betracht. Die Armee sichert sich eine langfristige und starke Präsenz in der südasiatisch-nahöstlichen Region. Die Regierung sieht offenbar den Moment gekommen, ihre Position als einzige verblieben Weltmacht für die militärische Durchsetzung ihrer strategischen Interessen weltweit zu nutzen. Vermutlich ist der Krieg gegen Afghanistan also nur der Auftakt zu einer Reihe von Angriffen, zu einer bisher in diesem Ausmass nicht gekannten militärischen US-amerikanischen Selbstherrlichkeit. Und Angriffe gegen andere Staaten hätten tatsächlich unabsehbare Folgen, selbst wenn man die kursierenden Katastrophenszenarien für Humbug hält. Aber vieles, was im letzten Monat in der Welt geschah, hielt man für völlig undenkbar. Eigentlich ist es immer noch nicht denkbar. Doch es geschah, und man musste sich die Bilder davon wieder und wieder ansehen.

Bleibt denn nur die Wahl, mit Bush in den Krieg zu ziehen? Oder mit Bin Laden, in seinem religiösen Wahn gegen die Ungläubigen? Muss man mit dem einen oder dem anderen sein? «Heute sind wir alle Amerikaner», hiess es am 12. September nicht nur im deutschen Bundestag. Auf unzähligen Websites und Transparenten wurden mit diesen und ähnlichen Worten Solidarität und Trauer um die Opfer der Anschläge in New York und Washington ausgedrückt. Heute muss die Solidarität wieder den mindestens 3,6 Milllionen afghanischen Flüchtlingen gelten, den mindestens 750 000 «intern» Vertriebenen. Den zwei bis drei Millionen, die in Pakistan Zuflucht gefunden haben, den 1,5 Millionen, die es in den Iran schafften. Denjenigen, die seit einem Jahr im Niemandsland an der Grenze zu Tadschikistan festsitzen. Denjenigen, die mit Gewalt an der Einreise nach Australien gehindert oder in die Einöde Naurus verfrachtet werden. Wer sich am 12. September als Amerikaner begriff, muss heute wohl Afghanin sein.

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