13.12.2001

Wir werden uns aufdrängen

Den Frauen in Afghanistan Sicherheit geben und ihnen Bildung ermöglichen: Diese Ziele hat sich die Vizeregierungschefin der Übergangsregierung, Sima Samar, gesteckt.

Interview: Judith Huber

WoZ: Wie haben Sie reagiert, als Sie von Ihrer Ernennung zur stellvertretenden Regierungschefin und Frauenministerin für Afghanistan erfuhren?
Sima Samar: Ich war überrascht. Ich hatte an der Bonner Afghanistan-Konferenz nicht teilgenommen und gehöre keiner politischen Partei an. Ich fragte mich, wer mich wohl nominiert hatte.

Wissen Sie inzwischen, wer Sie vorgeschlagen hat?
Ich denke, es waren die Leute der Rom-Gruppe (um den ehemaligen Schah Saher, die Red).

Das heisst, Sie haben keinen Kontakt zu ihnen?
Noch nicht, nein. Ich bin zurzeit auf Reisen und verbringe keine zwei Tage in der gleichen Stadt. Es ist nicht möglich, sich abzusprechen. Und der Regierungschef, Hamid Karsai, ist in Kandahar und sehr beschäftigt.

Kennen Sie Hamid Karsai persönlich?
Ich kenne ihn, aber wir haben keine sehr enge Beziehung.

Welche Rolle spielten die Vereinten Nationen bei Ihrer Ernennung?
Ich weiss es nicht. Ich habe den Uno-Sonderbeauftragten Lachdar Brahimi nie gesehen. Er wollte mich in Deutschland treffen, aber es hat nicht geklappt. Ich habe wirklich nicht erwartet, in diese Position zu gelangen. Aber ich habe laut nach der Beteiligung der Frauen an einer neuen afghanischen Regierung gerufen. Vielleicht haben sie mein Rufen gehört und gedacht, nehmen wir doch die.

Wie fühlen Sie sich angesichts Ihrer neuen Aufgabe?
Ich bin glücklich, dass eine Frau auf diesem Posten ist. Aber ich fürchte auch, dass ich vor einer riesigen Aufgabe und grossen Herausforderung stehe: Denken Sie nur an all diese Zerstörung, die verschiedenen politischen Gruppierungen, die katastrophale Wirtschaftslage und den Umstand, dass in Afghanistan zurzeit nichts funktioniert.

Hat diese Übergangsregierung, der Sie angehören, reale Macht?
Wir hoffen und versuchen es.

Aber Sie sind sich nicht sicher.
Ich bin sehr optimistisch. Wir sind nicht mehr im Jahr 1992 (als die Mudschaheddin die Macht übernahmen, sich aber bald untereinander bekämpften, die Red.), sondern im Jahr 2001. Die Situation unterscheidet sich insofern vom Jahr 1992, als es einen grossen internationalen Druck auf Afghanistan gibt. Und wenn es gelingt, die Loya Jirga (eine Art Stammesrat, die Red.) einzuberufen, dann können die Leute selbst entscheiden.

Sie denken also nicht, dass das Ganze nur eine Alibiübung ist?
Nein, ich hoffe wirklich, dass es funktioniert.

Wann reisen Sie nach Afghanistan?
Wahrscheinlich auf den 22. Dezember, dann sollten wir gemäss dem Petersberger Abkommen in Kabul sein.

Der usbekische Warlord Raschid Dostum, der den Norden des Landes kontrolliert, will niemanden von der Regierung in diese Region lassen. Was sagen Sie dazu?
Ich denke nicht, dass Dostum ein grosses Problem sein wird. Es wird wahrscheinlich einen Weg geben, ihn umzustimmen und ihm eine andere Position anzubieten.

Sie haben keine Angst vor ihm?
Nein, er wird mich nicht angreifen. Ich denke, ich habe die Unterstützung der Minderheiten.

Die USA und Kriegsbefürworter haben die Befreiung der afghanischen Frauen als Rechtfertigung für ihren Bombenkrieg gegen Afghanistan benützt. Sie sind nun als Frau Vizeregierungschefin geworden und symbolisieren das neue Afghanistan. Fühlen Sie sich nicht in gewisser Weise missbraucht?
Ehrlich gesagt ist es so, dass sie die Menschen dauernd benützen. Es ist nicht das erste Mal. Aber wenn sich dies einmal positiv nutzen lässt, warum sollte man da nicht mitmachen? Sie benützen uns bereits, wir werden nicht nach unserer Meinung gefragt und dürfen nicht selbst auswählen.

Was werden Sie in Ihrer Funktion als Frauenministerin als Erstes tun?
Bevor ich mich um die Angelegenheiten der Frauen kümmern kann, müssen wir Strukturen auf die Beine stellen und den Menschen Sicherheit garantieren. Die Frauen müssen wieder so viel Vertrauen in ihre Umgebung gewinnen, dass sie es wagen, ihre Häuser zu verlassen. Und dann muss als Erstes das Problem Erziehung und Bildung angepackt werden.

Werden Ihre Kollegen in der Regierung Sie und Ihre Kollegin ernst nehmen?
Oh ja. Wir werden uns ihnen aufdrängen.

Was ist Ihre grösste Angst?
Dass es an Geld, an finanzieller Hilfe fehlen wird. Und dann ist es natürlich nicht einfach, all diese Leute zu entwaffnen.

Als ich mit Ihnen vor zwei Monaten sprach, als die USA den Krieg begannen, sagten Sie, Sie hätten gemischte Gefühle: Hoffnung und Schrecken. Wie fühlen Sie jetzt, nach zwei Monaten Krieg?
Es sind dieselben Gefühle, Hoffnung und Schrecken, denn der Krieg ist noch nicht zu Ende.

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