10.01.2002

Als Komplizinnen untauglich

Wie immer ein Krieg auch ausgeht, auf der Walstatt bleiben stets die gleichen Opfer zurück - Frauen, Kinder, Alte. Aus der Perspektive des Alltags, der im Krieg wie jetzt in Afghanistan den Frauen mehr denn je allein überlassen ist, stellen sich Fragen der Kriegszwecke völlig anders.

Von Ariane Brenssell und Waltraud Schwab*

Krieg ist die politische Reaktion von Industrieländern auf die Terroranschläge in New York. Frauen, die sich nach den Terroranschlägen in den USA kritisch zu Wort gemeldet haben, darunter Susan Sontag, Arundhati Roy oder Saskia Sassen, haben die Ereignisse jedoch jenseits von Terror und Terrorbekämpfung gelesen. Stattdessen verlangen sie, dass der 11. September im Zusammenhang gesehen werden muss mit der Politik der Wirtschaftsnationen und dem Blutzoll, den diese in den meisten Ländern der Erde fordert. Damit aber wurden die Anschläge auf das Welthandelszentrum und das Pentagon und die am 7. Oktober begonnene militärische Vergeltung in Afghanistan von den Kritikerinnen jenseits des Kontextes analysiert, in den sie von den Regierungen der Industrieländer, vornehmlich den USA, gestellt wurden.

Wer aber den Kontext durchbricht, durchbricht auch den Konsens. Genau an diesem Punkt beginnt für Kriegsdemagogen die kritische Zone. Niemand soll daran zweifeln, dass Krieg Probleme lösen kann. Was dies für eine Gesellschaft heisst, hat Susan Sontag in ihrem Beitrag vom 15. September auf visionäre Weise pointiert, als sie schrieb: «Lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben.»

Zivilisation, Barbarei und Frauen

Die USA haben die Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon zur Kriegserklärung erklärt. Neben der Definitionsmacht in Bezug auf die Fragen, «wann Krieg ist», «gegen wen Krieg geführt wird», «wann ein Krieg ein Erfolg ist», und «wann er beendet ist», haben die USA aber ebenso die Legitimationsmacht in Bezug auf die Frage, warum Krieg ist, für sich in Anspruch genommen. Ein leicht nachvollziehbares Szenario, in dem die Definition von der guten Seite die schlechte impliziert, wird dafür herangezogen, wie die Literaturwissenschaftlerin Marianne Schuller und ihr Kollege Volker Kaiser zeigen. Bezogen auf die Terrorakte am 11. September schreiben sie: «Als Angriff gegen die gesamte (westliche) Zivilisation gedeutet, stellt sich unweigerlich die Gegenfigur in Gestalt des Unzivilisierten ein. Als Folge dieser Deutung wird Amerika nicht nur zum Inbegriff der zivilisierten Welt, sondern es ist aufgefordert und legitimiert, den Kampf der Zivilisation gegen die Unzivilisation zu führen.» Zivilisation versus Barbarei - dieser Dualismus macht Krieg als Lösung plausibel.

Wem in diesem Szenario die gute, wem die schlechte Seite zugedacht ist, brachte der italienische Regierungschef Berlusconi auf den Punkt. Zum Entsetzen vieler Politiker nämlich verkündete er öffentlich die kulturelle Überlegenheit des Westens gegenüber dem Islam.

Ein Argument, das diesem Dualismus und der daraus abgeleiteten militärischen Vergeltung breite Zustimmung nicht nur unter Kriegsbefürwortern, sondern auch unter Kriegsskeptikerinnen garantiert und das plötzlich ins Spiel gebracht wurde, ist der Umgang mit Frauen in Afghanistan. Die Situation der Afghaninnen, die zu Gefangenen im eigenen Land wurden, wollten Feministinnen bereits zur Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 berücksichtigt sehen. Von politischer Seite aber waren die Menschenrechtsverletzungen an Frauen durch die Nordallianz und später die Taliban niemals ein Anlass zum politischen oder gar militärischen Eingreifen.

Es irritiert, wenn heute aber von Politikern und Kommentatoren auf das Schicksal der Afghaninnen verwiesen wird, um dem Krieg eine menschenrechtliche Legitimation zu verleihen. Wird zudem berücksichtigt, dass bereits 1990 zirka 90 Prozent der Opfer jedes Krieges Zivilisten, meist Frauen, Kinder und alte Leute waren, wird dieses Argument erst recht zur Farce. Es stellt sich daher die Frage, ob Krieg nicht da gedacht werden muss, wo er bisher übersehen wurde: im Alltag. Auch im Nachkriegsalltag.

Alltagspraxis und Lebenssicherung sind Bereiche, die bis heute weltweit geschlechtsspezifisch organisiert sind. Frauen sind nach wie vor für die Reproduktion, die Erziehung, vielfach ebenfalls für die Ernährung und Alltagssicherung der Kinder und Familien zuständig. «Sorgeökonomie» lautet der Fachbegriff der Uno. Eine Frauendomäne.

Das alltägliche Überleben zu organisieren, hat für Frauen auch im Krieg oberste Priorität. Damit aber orientiert sich ihr Handeln bereits jenseits aller Kriegslogik. Statt Terror und Krieg rücken vom «Frauenstandpunkt» aus Verteilung und Gerechtigkeit ins Blickfeld. Hier aber liegt ohnehin viel im Argen. Denn wenn Verteilung nicht nur allgemein, sondern auch geschlechtsspezifisch untersucht wird, pointiert dies zusätzlich die ungerechte Weltordnung. Zwei Drittel der Armut der Welt treffen Frauen. Zwei Drittel der Frauen der Welt sind Analphabetinnen. Zwei Drittel der Arbeit der Welt werden von Frauen geleistet. Mit diesen Zusammenhängen im Blick werden andere Fragen an die Politik wichtig.

Krieg und Geschlechterhierarchien

Feministische Militärsoziologinnen wie Ruth Seifert haben zudem den Zusammenhang zwischen militärischer Ideologie und der Abwertung von Frauen herausgearbeitet. Dabei spielt die Produktion von geschlechtsspezifischen Stereotypen eine tragende Rolle. Emotionalität ist weiblich, Rationalität ist männlich. Gefühl verliert, Härte siegt. Nur so ist militärische Hierarchie möglich.

Eine bezeichnende Anekdote macht dies deutlich. Wie Mary Robinson, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, forderte die Parteichefin der deutschen Grünen, Claudia Roth, eine Feuerpause, damit die afghanische Bevölkerung humanitär versorgt werden kann. Von Bundeskanzler Schröder wurde sie daraufhin als «Heulsuse» verunglimpft. Als Nichtmilitärexpertin könne sie den Ernst der Lage nicht richtig beurteilen. Während Schröder von den Medien zum Staatsmann erkoren wurde, als er seine Betroffenheit beim Besuch von «Ground Zero» zeigte, wird sie verhöhnt, weil sie vom Flüchtlingselend angerührt ist. Roth ist vielleicht das unglücklichste Beispiel dafür, dass unter Kriegsbedingungen Geschlechterrollen zementiert werden. Das Exempel, das man an ihr statuiert hat, ist jedoch umso aufschlussreicher, weil Claudia Roth bei der Abstimmung im Bundestag über die Beteiligung der Deutschen an Militäreinsätzen den Konsens, demzufolge Krieg eine Lösung ist, nur herstellen konnte, indem sie ihre Kritik am Kriegskontext «relativierte».

Die Friedensforscherin Astrid Albrecht Heide hat in ihren Arbeiten zum Verhältnis von Militär und Geschlecht gezeigt, dass Militär als «direkter Ausdruck patriarchaler Gewaltverhältnisse» gefasst werden muss. Damit verbunden ist auch eine «Ramboisierung des Alltags», wie Maria Mies, eine der Pionierinnen der feministischen Bewegung, sagt. Die Situation in Afghanistan ist dafür ein Beispiel. Erst die Kriege der letzten zwei Jahrzehnte im Land – Stellvertreterkriege der Grossmächte übrigens – schufen die rigide Geschlechterordnung, die Frauen das Recht auf Bildung, Gesundheit und Selbstversorgung abspricht. Obwohl die Terroranschläge und der Krieg zumindest bewirkten, dass das Leid der Afghaninnen in den Blick der Medien und der Politik gerückt ist, wird nur blindes Vertrauen in die Kriegslogik in einem nach dem Fall der Taliban unverschleierten Gesicht einer Frau die Bestätigung dafür entdecken, dass Krieg die Frauen befreie.

Kriegsgeschäfte – Frauenkörper

Die geschlechtsspezifischen Dimensionen von Krieg sind damit jedoch noch nicht ausgeschöpft. Auch der Körper der Frau ist ein Gegenstand. Denn selbst wenn Vergewaltigung von Frauen im Krieg nun am Haager Strafgerichtshof als Verbrechen gewertet wird – was die Taliban und die Nordallianz, wie die Uno berichtet, wenig beeindruckt –, wird Sex zum Zwecke der Soldatenbefriedung auf mehrfache Weise auch in Afghanistan eine Rolle spielen. Vergewaltigung ist nur eine Facette. Prostitution eine andere. Die jahrelange Präsenz westlicher Militärs in Indochina zeigt beispielhaft, wie in der Region Prostitution und Frauenhandel als lokale Ökonomien etabliert wurden. Die Erträge, die damit erzielt werden, sind beträchtlich, vergleichbar denen im Drogenhandel. Frauen ziehen daraus den geringsten Profit. Auch in Afghanistan wird sich ein solcher Markt herausbilden können. Krieg ist Geschäft. Eins davon ist das mit Frauen.

Widersprüche

Wer die Geschlechterverhältnisse bezogen auf die Situation seit dem 11. September in seine Reflexion über den Krieg einbezieht, weist demnach auf Widersprüche in der Argumentation der westlichen Regierungen hin. Diese aber sollen unaufgedeckt bleiben, da sie dem Image und Selbstbild der westlichen Länder schaden und ihren politischen Sendungsauftrag blossstellen würden.

Ist damit zu erklären, warum Feministinnen der westlichen Länder, die sich kritisch zum Krieg und zur Politik der USA geäussert haben, gar mit Strafverfolgung rechnen müssen wie die kanadische Professorin Sunera Thobani oder lächerlich gemacht werden wie beispielsweise die US-amerikanische Schriftstellerin Barbara Kingsolver? «Sämtliche Schimpfwörter, die im Lexikon stehen, wurden mir nachgeschrien», sagt sie. «Verräterin, Sünderin, Blauäugige, Liberale, Peacenik, Jammerlappen.» Aber «Alternativen zum Krieg vorzuschlagen, ist mitnichten naiv».

Ist so auch zu verstehen, dass Abtreibungskliniken in den USA - wie im «Boston Globe» vom 17. Oktober zu lesen war – bereits seit 1998 mit Briefen attackiert werden, die angeblich Anthrax enthalten, ohne dass die Terrorbekämpfer und die Medien davon aufgeschreckt wurden? Die Briefe tragen die Handschrift christlicher Fundamentalisten.

Ist damit ebenso zu begreifen, warum Vertreterinnen der von Pakistan aus agierenden afghanischen Frauenorganisationen RAWA oder Afghan Women Council – es waren jahrelang die wichtigsten Akteurinnen im Widerstand gegen das Taliban-Regime – bei den Gesprächen um die neue Regierungsbildung in Afghanistan nur nach massivem Druck einbezogen worden sind? Welchen Einfluss Frauen generell in der zukünftigen politischen Entwicklung des Landes haben werden, wird kritisch zu beobachten sein.

Alternativen

In der ersten Regierung nach der Gleichstellung der Frauen in Afghanistan 1964 waren Frauen in hohen Positionen vertreten. Zwanzig Jahre Krieg haben diese Zeiten des Landes vergessen gemacht. Warum wird an der fundamentalistischen, misogynen Nordallianz und damit den zur Nordallianz übergelaufenen Taliban als Vertreter einer neuen Regierung festgehalten? Die Vermutung liegt nahe, dass diese Gruppen auch weiterhin als bessere Statthalter der Interessen der westlichen Welt und Pakistans gelten. Warum? «Um den internationalen Konsortien den Zugang zu den Bodenschätzen, darunter riesige, bisher kaum erschlossene Erdgas- und Erdölreserven, auf afghanischem Gebiet zu sichern», meint die in Berlin lebende Soziologin und Exil-Afghanin Mariam Notten.

Sicher geht es nicht nur um Öl, denn dies lässt den Terroranschlag unberücksichtigt. Die Bekämpfung des Terrors aber ist ebenso wenig alleiniger Grund des Krieges. Dafür wären andere Massnahmen sinnvoller.

Um Terror und Krieg zu verstehen, muss die globale Weltordnung, in der der Zugang zu Ressourcen und Lebensmöglichkeiten ungleich verteilt sind, in den Mittelpunkt der Kritik rücken. Denn dies schüre den Hass, sagt die marokkanische Feministin und Schriftstellerin Fatema Mernissi. In einem Interview, das am 4. November im ARD gesendet wurde, berichtet sie von einem Herrn Keller, Vertreter des transnationalen, US- amerikanischen Erdölkonzerns UNOCAL, der in Afghanistan agierte. Mr. Keller sei wegen der Pipeline seiner Firma über den damaligen Sieg der Taliban 1996 sehr erfreut gewesen, erzählt sie, und bezogen auf die gegenwärtige Situation führt sie aus: «Der Angriff, die Gewalt gegen New York bedeuten Folgendes: Mr. Keller teilte den Planeten in zwei Hälften. In einen Teil des Planeten, in dem die Frauen geschützt waren, seine Tochter und seine Frau. Geschützt durch Gesetze. Und im anderen Teil des Planeten unterstützte Mr. Keller Kriminelle, die Frauen angriffen und ihre Rechte zerstörten. Für ihn war diese Grenze etwas ganz Natürliches. Jetzt haben uns die Terroristen in einem Blutbad aufgezeigt, dass diese Barriere, die die Welt in zwei Zonen aufteilt, in eine, in der die Gewalt erlaubt, und in eine, in der sie verboten ist, nicht haltbar ist. Das, glaube ich, ist die grösste Lektion.»

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy argumentiert in ihrem Kommentar zum 11. September in ähnlicher Weise, als sie auf die Katastrophe in Bhopal verwies. Einem «Unglück» in einer amerikanischen Chemiefabrik in Indien, bei dem 16 000 Menschen starben, ohne dass es Konsequenzen für die verantwortlichen Amerikaner nach sich zog. Der politische Aufschrei der westlichen Welt fehlte ebenso. Warum eigentlich? Weil die Normalität im Westen die Ausnahme ist, in vielen anderen Ländern aber ein Ausnahmezustand?

Die Frage von Aussenminister Fischer im Bundestag, wie man den Terrorismus und die Taliban denn stoppen solle, ausser mit Krieg, und mit der er suggerierte, dass es zum Krieg keine Alternative gebe, lässt sich also doch beantworten. Und zwar so: durch Offenlegen der geopolitischen, strategischen und ökonomischen Interessen, durch Dialog, durch eine radikale Veränderung und Öffnung der Perspektive, durch die Einbeziehung der Standpunkte von denen, die für das Überleben sorgen, auch unter widrigsten Bedingungen und durch entsprechendes politisches Handeln. In diesem Zusammenhang werden Frauenstandpunkte wichtig, weil Frauen aufgrund geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen und Zuständigkeiten noch immer mehrheitlich jene Positionen innehaben, die sie am härtesten mit den negativen Konsequenzen der Wirtschafts- und Kriegspolitik konfrontieren.

Damit Krieg als Lösung plausibel erscheint, müssen diese Standpunkte ausgeblendet bleiben. Nur so bleibt auch die Überzeugung richtig, dass der Status quo der westlichen Länder einfach fortgeschrieben werden kann. Feministische Ökonominnen sprechen daher von einem «strategischen Schweigen». Dieses Schweigen ist zu brechen.

* Kommunikationswissenschaftlerinnen und Psychologinnen, Berlin

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