28.10.2004

Alltag aus lauter Zweikämpfen

Ist es ein gutes Omen für die US-Präsidentschaftswahl? Die Boston Red Sox haben die New York Yankees bezwungen.

Von Stefan Howald

Etwas schien sich nie zu ändern. Nämlich dass die Boston Red Sox von den New York Yankees geschlagen werden. Auch dieses Jahr dominierten die Bronx Bombers die nördlichen Nachbarn im Halbfinal der Baseball World Series vorerst. Nach zwei knappen Siegen zu Beginn bescherten sie den Red Sox im dritten Spiel mit 19:8 eine Rekordniederlage. Das «grüne Monster», die elf Meter hohe Mauer im Bostoner Fenway Park, die viele Schläger einschüchtert, wurde zum Gartenmäuerchen degradiert.

Doch dann schrieben die Red Sox Geschichte, rissen Spiel 4 in der Verlängerung aus dem Feuer, gewannen Spiel 5 nach einem Marathon, der fünfeinhalb Stunden dauerte, glichen mit Spiel 6 aus und deklassierten die Yankees im entscheidenden siebten Match mit 10:3. Erstmals hat ein Team, das mit 0:3-Spielen im Rückstand lag, noch den Einzug ins Finale geschafft.

Sieg des liberalen Amerika

In der gegenwärtig laufenden Finalserie spielen die Red Sox gegen die St. Louis Cardinals. Allerdings stellt die Rivalität zwischen den Boston Red Sox und den New York Yankees alle andern Spiele in den Schatten. Das hat vorerst sportinterne Gründe. In den Anfängen der 1903 erstmals ausgetragenen nationalen Meis-terschaft dominierten die Red Sox mit fünf Meistertiteln. Doch dann, 1920, wechselte ihr bester Spieler, der legendäre Babe Ruth, zu den Yankees. Verkauft, verraten. Mit ihm ging auch der Erfolg. Boston hat seither keinen einzigen Titel mehr geholt, während sich die Yankees mit 26 Titeln als Rekordmeister etablierten. Die Erfolglosigkeit wurde zum negativen Mythos, zum Fluch. Da beide ­Teams in der gleichen von sechs Divisionen spielen, standen die Yankees den Red Sox bereits auf dem Weg in die Play-offs öfter im Weg. Boston schaffte es letztmals 1986 in den Final. In der letzten Saison wurden die Red Sox im Halbfinal wieder­um von den Yankees ausgeschaltet. Und auf die neue Saison bestätigten die New Yorker das Feindbild der Bostoner Fans: Die Yankees schnappten den Red Sox den Starspieler Alex Rodriguez weg. In den USA haben die Yankees etwa den gleichen Ruf wie Manchester United oder Bayern München in Europa: eine grosse Fangemeinde, und eine noch grössere Gemeinde von erbitterten Gegnern.

Zur sportlichen Rivalität lassen sich gesellschaftspolitische Parallelen finden: Boston, das alte, liberale Amerika, gegen das vorlaute, arrogante New York. Tatsächlich hat der Besitzer der Red Sox Geld für den Wahlkampf des Bostoners John Kerry gespendet. Der legendäre autoritäre Yankee-Boss George Steinbrenner hingegen, seit vierzig Jahren an der Macht, gehört unzweideutig ins republikanische Lager. Doch eigentlich ist fast der ganze Baseball-Betrieb dem republikanischen Lager zuzurechnen. Von den Besitzern der vierzig Proficlubs haben ganze zwei für die Demokraten gespendet und 24 für die ­Republikaner, sechs davon mindes­tens 100 000 Dollar und sieben gar mindes­tens 200 000 Dollar. Schliesslich besass George W. Bush einst die Texas Rangers, und alte Freunde zeigen sich jetzt erkenntlich.

Kurzfristig jedoch können sich die Demokraten im Erfolg der Red Sox sonnen. Zumal auch im American Football die New England Patriots aus Boston von Sieg zu Sieg eilen. Jetzt muss sich nur noch ändern, dass die Red Sox seit 1918 keine World Series mehr gewonnen haben.

Auch andere Dinge ändern sich: Am 2. Oktober, im drittletzten Spiel der regulären Saison, brach der Japaner Ichiro Suzuki eine uramerikanische Rekordmarke. Er hat diese Saison mehr «hits» erzielt als je ein Spieler zuvor und den ältesten bestehenden Rekord aus dem Jahre 1920 von George Sisler ausgelöscht. Als ihm der voraussehbare Rekordschlag gelang, wurde er gebührend gefeiert, mit Feuerwerk und einer stehenden Ovation. Die Nachfahren von George Sisler waren ins Stadion gebeten worden, und gegenseitig zollte man sich Respekt. In Japan ist Suzuki ein Nationalheld. 115 japanische JournalistInnen berichteten live aus den USA. Für das japanische Image in den USA sei Suzuki wichtiger als jeder Exporterfolg von Toyota oder Sony, befanden sie. Lateinamerikanische und karibische Spieler sind längst zum integralen Bestandteil des US-Baseball geworden; jetzt müssen sich Publikum und ­Medien langsam auch an Japaner gewöhnen, da neben Suzuki weitere starke Spieler aus der japanischen Meisterschaft in die USA gewechselt haben.

An Suzuki hat sich zugleich eine Debatte um die Strategie der Zukunft entzündet. Löst seine filigrane Technik die Vorherrschaft der Muskelprotze ab? In den letzten Jahren war der «home run» im Vordergrund gestanden, also jener besonders spektakuläre Schlag, der den Ball über die Spielfeldgrenze befördert. In der Saison 1998 hatten sich Mark McGwire und Sammy Sosa ein Duell geliefert und mit 70 beziehungsweise 66 «home runs» die legendären Rekorde von Roger Maris und Babe Ruth pulverisiert. 2001 hatte Barry Bonds die beiden mit 73 «home runs» nochmals übertroffen. Angesichts solcher Zahlen und immer kräftiger ­werdender Oberarme wurde der Verdacht auf Doping, auf Steroide, laut, und es wurde darüber diskutiert, die «strike zone» zu vergrössern, jenes imaginäre, vom Schiedsrichter bei jedem Ball festgelegte Rechteck, innerhalb dessen ein Schläger den Ball zu treffen versuchen muss. Seither haben die Werfer einen andern Ausweg gefunden: Sie lassen die gefährlichsten Schläger freiwillig zur ersten «base» spazieren. Am meisten davon betroffen ist Barry Bonds. Der ist, als Vierzigjähriger, immer noch dabei, hat sich mit seinen «home runs» an die dritte­­ Stelle der ewigen Bestenliste gesetzt. Diese Saison hat er zwar mit 45 «home runs» nur wenig mehr als die Hälfte seines Rekords von 2001 geschlagen, was ihn aber immer noch an die vierte Stelle der Liga brachte. Und das, obwohl ihm die Werfer in beinahe der Hälfte aller Auftritte kampflos erlaubt haben, zur ersten ­«base» vorzurück­en – und ihm damit zugleich die Chance raubten, überhaupt zu schlagen.

Solche Grosszügigkeit passiert Suzuki selten. Der hat diese Saison zwar 262 Mal den Ball getroffen, aber dabei nur acht «home runs» erzielt. Weil Suzukis Schläge kaum je spielentscheidend waren, wird sein Rekord nicht immer ganz ernst genommen. Tatsächlich hat sein Team, die Seattle Mariners, die Saison mit lediglich 63 Siegen als drittschlechteste Mannschaft der Liga beendet. Allerdings hat es auch Bonds mit den San Francisco Giants nicht in die Play-offs geschafft. Ist also das Team wichtiger als der Einzelspieler?

Mann gegen Mann

Der Augenschein scheint dem zu widersprechen. Die archetypische Situation und das kulturell vielfach reproduzierte Bild im Baseball ist der Zweikampf: Werfer und Schläger versuchen, von Mann zu Mann, dem andern ihre Autorität aufzuzwingen. Diese Entscheidungssituation wird ständig wiederholt. Damit ein Schläger ausscheidet, muss er drei gültige Bälle verpassen. Drei Schläger müssen ausgespielt werden, damit ein Durchgang endet. In jedem Spiel wechseln sich die Mannschaften in neun Durchgängen ab. Mit Verlängerung, da es kein Unentschieden gibt.
Die Wiederholung schwächt die Entscheidungssituation ab. Gemessen am europäischen Standard von Teamsportarten ist Baseball eher langweilig, mit vielen flauen Phasen und Unterbrüchen. Die wichtigen Entscheide des Schiedsrichters können von blossem Auge kaum nachvollzogen werden. Die Wiederholung dominiert auch jenseits des einzelnen Spiels. In der regulären Saison trägt jede Mannschaft 162 Spiele aus, von April bis Oktober praktisch jeden Tag einen Match. Besonders die Werfer brauchen Ruhepausen; jedes Team besteht deshalb aus rund dreissig Spielern, von denen in jedem Match nur etwa zehn zum Einsatz kommen. Der Einzelne und der einzelne Zweikampf sind in eine Struktur der ständigen Wiederkehr eingebettet.
Letztlich überwältigt Baseball durch Quantität. Die häufigen Spiele, die wechselnden Spieler eines Teams, die wiederholten Zweikämpfe machen die Beschäftigung mit Baseball allgegenwärtig. So durchdringt er den US-amerikanischen Alltag, mit oder ohne Sieg der Red Sox.

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