Baseball : Böser, böser Barry Bonds

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Baseball ist das populärste Spiel in den USA. Zurzeit bewegt die AnhängerInnen dieser Zivilreligion die Frage, ob Superstar Barry Bonds gedopt war.


Schlag um Schlag zur Legende: Diese Woche hat Barry Bonds seinen 725. Homerun erzielt. Der Homerun ist der Schlag, der über das Baseballfeld in die Zuschauerränge fliegt und damit alle Grenzen sprengt. Bonds, Spieler der San Francisco Giants, hat damit seit einiger Zeit den legendären Babe Ruth übertroffen. Dieser hatte es in seiner Karriere auf 714 Homeruns gebracht. Jetzt fehlen Bonds noch dreissig bis zur Bestmarke, die der Schlagmann Hank Aaron 1976 aufgestellt hat. Dreissig Homeruns bis zum Rekord, der seit dreissig Jahren Bestand hat.

Schafft er das? Wird Bonds damit endgültig zur Legende? Doch seine Leistung wird seit Längerem durch einen Dopingverdacht überschattet. Inzwischen stellen sich nämlich in den USA viele die Frage, ob Bonds zu illegalen Mitteln griff. Sein persönlicher Trainer, Greg Anderson, arbeitete mit dem berüchtigten Balco-Laboratorium zusammen, das den Sprinter Tim Montgomery und andere SpitzenleichtathletInnen mit unerlaubten Präparaten versorgt hatte. Auch Bonds sagte beim Balco-Prozess aus, nachdem ihm Immunität und Vertraulichkeit zugesichert worden waren. Öffentlich bestritt er die Anschuldigungen zuerst vehement, schwächte dann aber sein Dementi dahingehend ab, dass er nie wissentlich leistungsfördernde Mittel genommen habe - womit er die Möglichkeit offenliess, vom Trainer beispielsweise bei der Auskurierung von Verletzungen Aufbaumittel verabreicht bekommen zu haben.

Die zugesicherte Immunität schützte ihn nicht: Zwei Journalisten haben in einem kürzlich veröffentlichten Buch aus den vertraulichen Unterlagen des Balco-Prozesses zitiert, dass Bonds seit 1998 leistungsfördernde Mittel genommen und sich von einem technisch guten Spieler zu einem kraftstrotzenden Muskelpaket entwickelt habe, der 2001 mit 73 Homeruns den Saisonrekord brach. Da Bonds zurzeit weder angeklagt noch verurteilt worden ist, spielt er weiter. Mittlerweile wird aber gegen ihn wegen möglicher Falschaussage ermittelt. Gegen die beiden Journalisten wird ermittelt, weil sie den Informanten vertraulicher Informationen nicht preisgeben wollen. Statt dass Bonds gefeiert wird, wird der Superstar angefeindet: Dieses Jahr wurde er ausserhalb des heimischen Stadions in San Francisco mehrheitlich ausgebuht, mit feindlichen Transparenten empfangen, von einem Zuschauer sogar mit einer Spritze beworfen. In einem Spiel zielte ein gegnerischer Werfer fünfmal auf Bonds Körper, bis er ihn schmerzhaft an der Schulter traf. Weiterhin von Verletzungen geplagt, hat der bald 42-Jährige nach drei Vierteln der diesjährigen Saison bloss sechzehn Homeruns erzielt. Letztes Jahr schien Bonds Karriere bereits beendet. Immer wieder war er verletzt. Nach einer dreifachen Knieoperation konnte er nur sechzehn Spiele bestreiten und fügte seinen 703 Homeruns bloss fünf weitere hinzu. Zum Rekord könnte es dennoch reichen, wenn der Körper bis nächstes Jahr mitmacht.

Baseball ist ein Spiel der Legenden. Es ist eine Zivilreligion, die ihre Heiligen braucht. Da ist die alte Streitfrage nach dem besten Team aller Zeiten: Waren es die New York Yankees von 1927 mit Babe Ruth und Lou Gehrig? Oder doch die Yankees von 1939 mit Joe DiMaggio? Der führte sein Team zwischen 1936 und 1951 neunmal zur Meisterschaft, war danach zwei Jahre lang mit Marilyn Monroe verheiratet und wurde von Ernest Hemingway in den Pantheon der Hochkultur gehoben. Simon and Garfunkel widmeten ihm eine Zeile in ihrem Klassiker «Mrs. Robinson»: «Where have you gone, Joe DiMaggio? Our nation turns it’s lonely eyes to you.» Wo bist du hin, Held der Nation?

So populär wie seine Vorgänger, mit denen er auf der ewigen Bestenliste konkurriert, wird Bonds nie werden. Dies hat nur zum Teil damit zu tun, dass sein Name je länger, je mehr im Zusammenhang mit Steroidmissbrauch fällt. Insbesondere der Kult um Babe Ruth, der als Werfer begann und von 1919 bis 1935 als Schlagmann der Boston Red Sox und dann der New York Yankees alle Rekorde brach, überschattet nicht nur Bonds, sondern auch die meisten anderen erfolgreichen Spieler. Anders als der auch neben dem Spielfeld flamboyante Babe Ruth gilt Bonds als Eigenbrötler und Einzelgänger. Siebenmal in seiner Karriere hat er zwar den Titel des besten Spielers einer Saison errungen, aber noch nie stand er in einem Team, das die Meisterschaft, die so genannten World Series, gewann. Unter den Mitspielern der San Francisco Giants war und ist er nicht sehr beliebt.

Mit Babe Ruth dagegen ist nostalgische Verehrung verbunden. 71 Jahre nach seinem Rücktritt und 58 Jahre nach seinem Tod wird «The Great Bambino», wie er genannt wird, weiterhin gefeiert. Sein mythischer Status geht weit über die eigene Person hinaus. So wurden die Boston Red Sox, die ihn 1920 an die verhassten New York Yankees verkauften, angeblich vom «Fluch des Bambino» verfolgt: Während die Yankees zum dominierenden Team der folgenden Jahrzehnte aufstiegen, gelang es den Red Sox 84 Jahre lang nicht mehr - bis 2004 -, eine Meisterschaft zu gewinnen.

Doch bevor man in zu viel Romantik verfällt, sollte daran erinnert werden, dass der Sport der Legenden auch ein Sport der Skandale ist - lange vor den Dopingvorwürfen gegen Barry Bonds. So zum Beispiel 1919, als die Chicago White Sox von einem Wettsyndikat bezahlt wurden, das Endspiel um die Meisterschaft zu verlieren. Und bis 1947 war Baseball ein struktureller Skandal, weil nur weisse Spieler zugelassen waren, während schwarze Spieler in einer speziellen Negro League ein kümmerliches Dasein fristeten.

Deshalb sind die Vergleiche über die Zeiten hinweg auch irreführend. Man mag Babe Ruth und Joe DiMaggio als überlebensgrosse Figuren eindrücklicher finden, aber spielerisch gesehen ist die Konkurrenz heute härter, mit schwarzen und asiatischen Spielern nicht nur aus den USA selbst, sondern auch aus der Karibik und Lateinamerika sowie dem pazifischen Raum. Ein Artikel in einer Fachzeitschrift hat soeben die Frage, ob Barry Bonds besser als Babe Ruth sei, mit einem ketzerischen Ja beantwortet.

Der Essayist David Runcimann hat in der «London Review of Books» ein Psychogramm von Barry Bonds entworfen. Bis 1998 war Bonds ein sehr guter Spieler, der sich, auch als Schwarzer, nicht genügend geschätzt fühlte, als der Weisse Mark McGwire dank Steroiden neue Rekorde aufstellte. So nahm er selber welche, um die als rassistisch wahrgenommene Ungerechtigkeit zu korrigieren. Die Steroide wirkten aber nur, weil Bonds gleichzeitig sein Training massiv verstärkte. Deshalb vermag er deren Einsatz subjektiv bis heute nicht als Betrug anzuerkennen.

Ist Barry Bonds also nur ein Opfer der Umstände? Wird also der Steroidskandal dem Baseball nicht weiter schaden? Ist sogar das Gegenteil der Fall? Schliesslich haben die Exzesse der Steroiddekade zwischen 1994 und 2004 mit dem Wettlauf um den Homerunrekord dem Baseball neuen kommerziellen Auftrieb verliehen. So werden die Resultate von Mark McGwire, der den Steroidmissbrauch offen eingestanden hat, weiterhin in den offiziellen Listen geführt. Die Baseball-Aufsichtsbehörden üben sich im Aussitzen und lassen offen, ob Bonds nach seinem Rücktritt in die Hall of Fame aufgenommen wird.

Baseball - Regeln und Zahlenmagie

Baseball ist ein hoch ritualisierter Schlagball. Der Schlagmann (Batter) der einen Mannschaft versucht, den vom Werfer (Pitcher) der anderen Mannschaft möglichst raffiniert oder schnell geworfenen Ball ins Feld zu schlagen, wo ihn acht Feldspieler abzufangen versuchen. Nach erfolgreichem Schlag rennt er zum nächsten Mal (Base), beziehungsweise via drei Male, die in einem Viereck angeordnet sind, zum Schlagmal zurück. Damit erzielt er einen Punkt (Run). Verpasst der Schlagmann den Ball dreimal, scheidet er aus, ebenso, wenn der von ihm getroffene Ball in der Luft abgefangen oder der Ball von der Feldpartei vor dem Schlagmann zum Mal geworfen wird. Nach drei ausgeschiedenen Schlagmännern kommt das andere Team zum Schlagen, und dies neunmal; bei Unentschieden nach neun Durchgängen (Innings) wird bis zur Entscheidung verlängert.

Baseball ist, trotz Konkurrenz durch den jüngeren American Football und das noch jüngere Basketball, weiterhin das populärste Spiel in den USA und tief im Alltag verankert. Längst ist er zur amerikanischen Zivilreligion geworden, durchwirkt von Zahlenmagie: Ein Schlagmann muss drei Bases umrunden, um einen Punkt zu erzielen. Die Feldpartei besteht aus drei mal drei Spielern. Ein Schlagmann scheidet aus, wenn er den Ball dreimal verpasst. Ein Durchgang des schlagenden Teams ist beendet, wenn drei Schläger ausgespielt sind. Ein Spiel dauert drei mal drei Durchgänge für jedes Team. Und in der Meisterschaft spielen die gleichen Teams zumeist dreimal in Folge gegeneinander. Die Wiederholung macht das Faszinosum aus. Jedes Team spielt in einer Saison, die von April bis Oktober dauert, mindestens 162 Spiele. Also praktisch täglich. Die ständige Wiederholung reproduziert den Alltag, durchdringt ihn, das Geschehen um Sieg und Niederlage, um Erfolg und Versagen transzendiert ihn. Dabei steht der Zweikampf zwischen Werfer und Schlagmann im Zentrum. 18,44 Meter liegen zwischen dem leicht erhöhten Hügel des Werfers und dem Mal, der Basis des Schlagmanns.

Es geht beim Werfer um Konstanz, Ausdauer, Geduld, Berechnung, durchbrochen vom aufblitzenden Geniestreich, dem befreienden Schlag des Schlagmannes. Darin steckt ein morality play, eine allegorische Auseinandersetzung um redemption, um Wiedergutmachung.

Einmal den Ball verpasst, einmal ausgeschieden, kann der Schlagmann erneut antreten, sich wieder aufrappeln. Die zeitgenössische Politik hat die Moral des Baseball pervertiert: Three strikes and you’re out, mit dem ein Schlagmann vorübergehend aus dem Spiel genommen wird, ist als neokonservatives Prinzip in die Rechtsprechung übernommen worden. In der harschen Wirklichkeit soll nach dem dritten Vergehen jede Gnadenmöglichkeit verwirkt sein, während es im Baseball nach dem Out gerade eine neue Chance gibt.