05.07.2017

FC/MC – das verrückte Medienzentrum

Von Kaspar Surber, Hamburg

Hinten beim Fernsehturm versammeln sich die G20: Aussicht vom Medienzentrum im St.-Pauli-Stadion. Foto: Kaspar Surber

Am Dienstagabend pünktlich um 18 Uhr war es so weit. Im Hamburger St.-Pauli-Stadion ging ein einzigartiges Medienexperiment auf Sendung: das FC/MC. Die Abkürzung MC steht ganz einfach für Mediencenter. Das FC davor für alles Mögliche: für «Free Communication», für «Free Commons», für «Fruitful Collaborations», für «Finalize Capitalism». Oder natürlich auch, man ist hier ja im Stadion, für «Football Club».

Der erste Programmpunkt des Mediencenters war eine Pressekonferenz, die live per Stream übertragen wurde. Solche Konferenzen sollen während des G20-Gipfels täglich stattfinden, auf der Südtribüne mit bester Aussicht: Von dort aus sieht man direkt auf den Fernsehturm und das Messeviertel, wo sich die Staatschefs der G20 versammeln. Daneben sollen über den Stream alle möglichen Beiträge zu den Protesten gegen den Gipfel gesendet werden. Auch in den sozialen Medien wird laufend über die Ereignisse informiert.

Information gegen die Spaltung

«Wir wollen für alle Protestierenden eine Plattform schaffen, damit sie sich äussern können», erklärt Maren Grimm, eine der InitiantInnen, das Ziel des Projekts. Seit längerem sei die bewusste Spaltung der GegnerInnen durch die offizielle Politik absehbar. «Als die Behörden ihr Narrativ von den gewaltbereiten Demonstranten in Stellung gebracht hatten, wurde uns die Bedeutung einer möglichst vielstimmigen Kritik am Gipfel erst recht bewusst.»

Die Idee des FC/MC ist aus der Hamburger Politkultur entstanden. Von den Bands der Hamburger Schule bis zum mittlerweile weltberühmten alternativen Fussballverein FC St. Pauli: Zur Frage, wie Widerstand, Ästhetik und Selbstverwaltung zusammengehören, gibt es in Hamburg eine lange Tradition. Oder wie Maren Grimm sagt: «Erfahrung.»

Der FC St. Pauli stellte sein Stadion unkompliziert zur Verfügung. Der Chaos Computer Club lieferte die ganze technische Infrastruktur und baute sie von Sonntag an in nur zwei Tagen auf. Unterstützung beim Aufbau gab es auch vom befreundeten Fusion, einem Musikfestival, das jeden Sommer in Mecklenburg-Vorpommern stattfindet.

Journalistisches Experiment

Das FC/MC will nicht nur der Kritik am Gipfel Gehör verschaffen. «Wir verstehen uns auch als Ort, wo ausgehandelt wird, was Journalismus heute sein kann», erklärt Oliver Leistert, der für redaktionelle Belange zuständig ist. Die Arbeitsbedingungen im Journalismus seien heute prekär, sodass häufig nur Pressemitteilungen zusammengefasst würden, insbesondere solche der Polizei.

Das FC/MC will stattdessen einen Ort des Austauschs und der Kreativität schaffen: Das Medienzentrum stellt auch Arbeitsplätze für alle zur Verfügung, die sich selbst als JournalistInnen verstehen. Hunderte haben sich angemeldet, vom Graswurzel-TV bis zur Springer-Presse.

«Vielleicht sind wir schon ein bisschen grössenwahnsinnig», meint Maren Grimm lachend. «Aber man muss gross denken, wenn man überhaupt an die G20 herankommen will.» Dass der Gipfel vor allem auch der Bildpolitik dient, zeigt die Anleitung des offiziellen, von der Bundesregierung geführten Medienzentrums. Sie beschreibt ein Traktandum des Gipfels im Detail: wann, wie und wo das sogenannte Familienfoto der StaatschefInnen inszeniert wird.

 

Zum Stream geht es hier: https://fcmc.tv