Nr. 28/2017 vom 13.07.2017

Rebellische Stadt

Jenseits der Selbstinszenierung von Autonomen zeichnete die Proteste eine ungeahnte Lebendigkeit aus. Was die Linke daraus lernen kann.

Von Raul Zelik, Hamburg

Deutschland scheint kein anderes Thema mehr zu kennen als die Hamburger Krawallnacht. Dabei wird masslos übertrieben. Schon am Morgen nach den Unruhen bot das Schanzenviertel ein überraschend normales Bild, und die im Internet kursierenden Fotos zeigen auch, dass dort eher eine zufällig zusammengewürfelte Menge denn organisierte Gruppen zugange waren.

Doch die von SicherheitspolitikerInnen geschürte Hysterie erfüllt einen Zweck. Sie erleichtert nicht nur Gesetzesverschärfungen und rückt die Kritik an den G20 in den Hintergrund. Vor allem verdeckt sie, was die Gipfelproteste eigentlich auszeichnete: Hamburg hat sich eine Woche lang der G20-Weltordnung aus neoliberalem Freihandel, Krieg und Demokratieabbau bunt und doch sehr entschlossen widersetzt. Jene KritikerInnen, die die Mobilisierung zum Gipfel im Vorfeld als «Ritual» abgestempelt hatten, waren im Unrecht. Die Proteste jenseits der Strassenschlachten zeichnete eine Lebendigkeit aus, wie sie kaum jemand für möglich gehalten hatte.

Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang lautet: Obwohl die Polizei von Anfang an mit grosser Brutalität vorging und am Ende sogar mit Sturmgewehren vorrückte, haben sich Zehntausende nicht einschüchtern lassen. Unmittelbar nach dem Polizeiangriff auf die Demonstration am Donnerstagabend haben 10 000 Menschen spontan erneut demonstriert. Auch die Blockadeaktionen am Freitagmorgen fanden wie geplant statt: Unter dem Motto «Shut down the Logistics of Capital» riegelten antikapitalistische und linksgewerkschaftliche Gruppen den Frachtverkehr am Hamburger Hafen ab. An anderen Stellen wurden die Zufahrtsrouten zu den Messehallen blockiert, weswegen der offizielle Gipfel verspätet begann. Im Stadion von St. Pauli arbeiteten Hunderte Freiwillige in einem selbstorganisierten Medienzentrum (vgl. «Die Gegenstimme»), das Netzwerk Recht auf Stadt hat mit seinen mobilen Soundsystemen Plätze, Strassen und sogar die Elbe zu Protestorten gemacht. Und an der Grossdemonstration «Grenzenlose Solidarität statt G20» beteiligten sich gegen 80 000 Menschen – acht Mal so viel wie bei der Konkurrenzveranstaltung von SPD, Grünen und Gewerkschaftsverbänden.

Beeindruckend auch, wie stark der Protest in den einzelnen Quartieren verankert war. Überall in der Stadt öffneten Kirchengemeinden und Genossenschaften ihre Türen für GipfelgegnerInnen, nachdem die rot-grüne Landesregierung die Protestcamps verboten hatte. Aus vielen Fenstern hingen Transparente, in den Schaufenstern kleiner Geschäfte waren Protestplakate zu sehen.

Und das alles, obwohl die Polizeiführung systematisch ein Klima der Angst zu erzeugen versuchte. 20 000 Uniformierte, unzählige Wasserwerfer, Räumpanzer und Helikopter beherrschten das Stadtbild. Auch wenn viele Linke mit ihrer vermummten Selbstinszenierung zur Eskalation beigetragen haben – wahr ist eben auch, worauf Christoph Kleine, Sprecher der G20-Plattform, hingewiesen hat: Schon vor den Krawallen hat «die Polizei mehrmals Tote in Kauf genommen».

Von einem «Fest der Demokratie», wie es der rot-grüne Senat angekündigt hatte, war wahrlich nichts zu spüren. Die Polizeistrategie wirkte, als solle der Ausnahmezustand geprobt werden. Doch die gute Nachricht lautet eben auch: Hamburg hat sich davon nicht beeindrucken lassen. In der Hansestadt sind die Verbindungen zwischen Fussball, Musik, Politik und Nachbarschaft durchlässiger als anderswo, und viele Gruppen, vor allem aus der Kunstszene, machen seit Jahren Stadtteilprojekte. Das hat dafür gesorgt, dass immer wieder Aktionsformen gefunden wurden, mit denen man den Polizeiapparat ins Leere laufen liess.

Jene Autonomen, die die Krawalle mitgetragen und vielleicht sogar angezettelt haben, wären gut beraten, sich diese anderen Aktionsformen genauer anzuschauen. In einer Zeit, in der der Einsatz von Sturmgewehren gegen Protestierende zur Normalität zu werden droht, stärkt die Randale nämlich das, was sie zu bekämpfen hofft. Die grosse Frage heute lautet, wie sich öffentliche Orte gegen den Ausnahmezustand wie auch die alltägliche Kommerzialisierung behaupten lassen. Die zurückliegenden Tage in Hamburg haben gezeigt, dass es Mittel gibt, mit denen sich die Abläufe unterbrechen lassen, ohne eine entpolitisierende Konfrontation zu provozieren. Und das könnte eine sehr ermutigende Lehre aus den Gipfelprotesten sein.

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