08.03.2022

Wo war Gogol zu Hause?

Ein Gastbeitrag von Halyna Petrosanyak*

Die russische Kultur wäre längst nicht so grossartig ohne ukrainische Beiträge. Eine kleine Kulturgeschichte von volkstümlichen Bräuchen bis zum schwarzen Quadrat.

Können Sie sich vorstellen, dass Deutschland die Schweiz für sich reklamiert, mit der Begründung, ein Teil davon gehöre zu Deutschland, weil die Bevölkerung Deutsch spreche und das Gebiet im Hochmittelalter zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehört habe? Für jeden europäischen Menschen ist das Unsinn. Wladimir Putin aber denkt genau in diesen Kategorien.

Die Ukraine hat eine eigene Kultur und eine eigene Sprache, die trotz zahlreicher Verbote im Russischen Reich überlebt hat. Auf Ukrainisch gibt es eine gewichtige und eigenständige Literatur. Das erste Werk dieser Literatur erschien nicht in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, sondern 1798. Es handelt sich um ein burleskes Epos in der volkstümlichen Sprache der damaligen Ukraine, verfasst von Iwan Kotljarewski. Das Werk ist eine Travestie, so lässt der Autor zum Beispiel griechische Götter als ukrainische Kosaken auftreten. Die Sprache dieses Werks ist zur Grundlage des heutigen Ukrainisch geworden. Präzis und meisterhaft beschreibt Kotljarewski die ukrainischen Bräuche und Traditionen.

Ob in Literatur, Musik oder Kunst

Seitdem ist die ukrainische Literatur nie verstummt, obwohl das russische Zarentum bis zu seinem Ende 1917 mehrmals strenge Verbote erliess, auf Ukrainisch zu publizieren. Einige ukrainische Schriftsteller sind ins Zentrum des Reiches, nach St. Petersburg und Moskau, gegangen und haben begonnen, auf Russisch zu publizieren. So haben sie natürlich auch eine viel breitere Leser:innenschaft bekommen. Ein Klassiker der russischen Literatur, Nikolai Gogol, wurde in der Region Poltawa in der Ukraine geboren und ist dort aufgewachsen. Mit seiner Mutter stand er lange in einem Briefwechsel, selbstverständlich auf Ukrainisch. 

Ein weiteres Beispiel ist der Autor eines sehr bekannten Liedes: «Schwarze Augen, leidenschaftliche Augen, brennende, schöne Augen, wie ich euch liebe, wie ich euch fürchte!» Das Lied ist zwar auf Russisch geschrieben – der Sprache des Imperiums –, aber sein Autor, Jewhen Hrebinka, war Ukrainer.

Auch wissen nicht alle, dass zum Beispiel Kasimir Malewitsch kein russischer, sondern ein ukrainischer Maler mit Eltern polnischer Herkunft war, in Kiew geboren und aufgewachsen. Auch Tschaikowsky, der grosse Komponist, war ukrainischer Abstammung. Sein Grossvater kam ebenfalls aus der Region Poltawa und studierte an der Kiewer Mohyla-Akademie. Diese Künstler, wie auch Dutzende andere, galten und gelten noch heute als Russen. Denn sie gingen damals nach Moskau oder St. Petersburg, und ihre Kunst wurde als russische Kunst der Welt präsentiert.

Doppelte Identitäten

Heutige Schriftsteller:innen, die auf Deutsch schreiben und eine Migrationsgeschichte haben, gehören nicht nur der deutschen Kultur, sondern auch der Kultur ihrer ursprünglichen Heimat an. Navid Kermani ist nicht nur ein deutscher, sondern auch ein iranischer Schriftsteller, Catalin Dorian Florescu nicht nur ein Schweizer, sondern auch ein rumänischer Autor und Hans Zimmer nicht nur ein amerikanischer, sondern auch ein deutscher Komponist und so weiter. Natürlich sind sie vor allem Künstler, aber ihr biografischer und kultureller Hintergrund prägt ihre Kunst.

Was daraus folgt? Die grosse russische Kultur, wie man sie in Europa kennt, wurde von Menschen verschiedener Nationen geschaffen. Russland hat jedoch diese Künstler für sich vereinnahmt – deswegen sind sie heute ausschliesslich als russische Künstler:innen bekannt. Das ist vielen meiner deutschsprachigen Freund:innen nicht bewusst. Jetzt, wo Putin diesen Krieg führt, ist es höchste Zeit, daran zu erinnern.

* Halyna Petrosanyak ist eine der bedeutendsten Lyriker:innen der Ukraine. Seit bald sechs Jahren lebt sie in der Schweiz. Soeben ist ihr Lyrikband «Exophonien» auf Deutsch im Verlag der gesunde Menschenversand in der Reihe «essais agités» erschienen.