01.04.2022

«Am liebsten würde man uns zurückschicken»

Von Klaus Petrus (Text und Bild), Zahony

«Die Unterdrückung der Roma ist schon so normal geworden, dass es den Leuten gar nicht mehr auffällt»: Adrienn Balogh ist an der ukrainisch-ungarischen Grenze, um den Umgang mit Geflüchteten zu dokumentieren.

Roma, die aus der Ukraine nach Ungarn flüchten, werden beim Grenzübertritt diskriminiert. Das passt zur sonstigen Politik von Viktor Orban.

Die Solidarität mit Geflüchteten aus der Ukraine ist in den Nachbarländern ungebrochen gross. Auch in Ungarn. In den Grenzorten warten Vertreter:innen der Gemeinden und Hilfsorganisationen sowie Helfer:innen mit warmem Essen und Decken; Autos und Kleinbusse stehen bereit, um die Menschen nach Budapest oder weiter in andere Länder zu bringen. Willkommen sind allerdings nicht alle Ankommenden. 

«Ich brauchte Babynahrung, doch sie haben mich beschimpft und fortgeschickt», sagt Valeria*. Als der Krieg ausbrach, musste die 19-jährige Romni aus der westukrainischen Region Transkarpatien in Richtung Ungarn fliehen. Jetzt steht sie auf dem Bahngleis von Zahony an der ungarisch-ukrainischen Grenze, hält ihren Säugling in den Armen und wartet auf den Zug nach Budapest. Ihre Mutter und die ältere Schwester mit ihren drei Kindern sind ebenfalls mit ihr geflohen; wo die Männer sind, das möchten sie nicht sagen.

«Wir hatten Glück, sie liessen uns daheim in den Zug steigen.» Valeria weiss von Romafamilien aus Lwiw und anderen Städten, die Ukrainer:innen Platz machen und zurückbleiben mussten. Als sie an der ungarischen Grenze angekommen seien, hätten sie bei der Ausweiskontrolle länger als die anderen warten müssen, erzählt sie. Rund vierzig Prozent der 300 000 Roma in der Ukraine – nach Angaben der Regierung sollen es nur 50 000 sein – besitzen zwar eine Geburtsurkunde, aber keinen ukrainischen Pass.

So auch Valeria und ihre Familie. «Die Grenzpolizisten glauben nicht, dass wir aus der Ukraine sind, sie sagen, wir hätten unsere Dokumente gefälscht.» Nachdem sie registriert wurden, waren sie weiterhin auf sich allein gestellt. «Den anderen Geflüchteten half man mit den Koffern, sie bekamen Suppe, und die Kinder durften im Bahnhofsgebäude spielen. Uns liess man draussen in der Kälte.»

Diskriminierung ist Alltag

«Was Valeria erlebt hat, ist kein Einzelfall» sagt Adrienn Balogh, selber Romni und Mitbegründerin der ungarischen Romaorganisation Magyarorszag Kezdemenyezes. Seit sich die Verunglimpfungen der Roma an der ungarisch-ukrainischen Grenze häufen, ist sie vor Ort und dokumentiert die Fälle. «Oft sind es verbale Diskriminierungen. Oder man hilft ihnen nicht beim Gepäck, sie haben Mühe, Tickets für die Weiterfahrt zu bekommen, manchmal wird ihnen sogar der Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt», sagt Balogh.

Von vergleichbarer Diskriminierung geflüchteter Roma aus der Ukraine wird inzwischen auch von der Grenze zur Slowakei und zu Rumänien berichtet. Hilfsorganisationen und Gemeinden weisen solche Vorwürfe indes zurück, was Balogh wiederum nicht erstaunt: «Die Unterdrückung der Roma ist subtil, sie ist schon so normal geworden, dass es den Leuten gar nicht mehr auffällt.»

Auch für Valeria gehören Diskriminierung und Hass zum Alltag. «In meiner Heimat, in Transkarpatien, werden wir immer wieder angegriffen.» Tatsächlich haben sich nach Angaben der Organisation Roma of Ukraine (Ternipe) in den vergangenen Jahren Aktionen gegen Roma gehäuft, oft sind rechte Gruppierungen dafür verantwortlich. Sie verbreiten im Netz Hass und Hetze, auch sind Fälle bekannt, wo Roma gezielt attackiert und verletzt wurden.

Nicht anders sei das in Ungarn, sagt Balogh. Zwar würden die Roma mit 900 000 Personen die grösste Minderheit im Land stellen; und doch würden sie am schlechtesten behandelt. «Fast die Hälfte der ungarischen Roma leben unter prekären Bedingungen. Sie haben kaum Arbeit, kriegen keine Wohnungen, der Staat lässt sie im Stich», so die Aktivistin. Sie bemängelt insgesamt, dass die Roma in der ungarischen Gesellschaft keinen Platz hätten.

Das trifft auch auf politischer Ebene zu. Unter den knapp 200 Parlamentarier:innen findet sich bloss ein Rom, Florian Fakas. Er ist Präsident der Partei Lungo Drom, die seit Jahren die rechtsnationale Regierungspartei Fidezs von Ministerpräsident Viktor Orban unterstützt. Kritiker:innen etwa aus den Reihen des Firosz – ein Zusammenschluss junger Roma – werfen Fakas vor, er sei in Korruptionsfälle verwickelt und würde damit der Romagemeinschaft schaden.

Vorurteile in den Köpfen

Aktivist:innen wie Balogh befürchten, dass Ungarn mit der Diskriminierung der Roma an der Grenze eine Art Zweiklassengesellschaft der Geflüchteten etabliert. Dass sich Orban an der Hetze gegen Roma beteiligt, ist für sie nicht von der Hand zu weisen. Balogh verweist auf eine Schule in der ostungarischen Stadt Gyöngyöspata, in der Romakinder diskriminiert wurden – sie durften unter anderem nicht dieselben Toiletten benutzen wie die übrigen Schüler:innen. Ein Gericht verurteilte den ungarischen Staat zu Schadenersatz, was Orban mit der Bemerkung kommentierte, es sei unverständlich, wieso eine ethnische Minderheit so viel Geld bekomme, ohne dafür zu arbeiten.

Wie sehr sich solche Vorurteile in den Köpfen der Leute festsetzen können, zeigt eine Erfahrung, die Valeria am Bahnhof von Zahony gemacht hat. Als sie mit Sack und Pack und ihrem Kind auf dem Arm am Bahnsteig auf den Zug wartete, kam jemand auf sie zu und meinte, sie würde die jetzige Situation ausnutzen, um sich von den Hilfsorganisationen Essen und Kleider zu ergattern. «Man glaubt uns nicht, dass auch wir vor dem Krieg flüchten müssen. Am liebsten würde man uns zurückschicken.»

* Name geändert.