04.05.2022

Fenster für die Ukraine

Interview: Johanna Diener

«Bei den Fensterproduzenten in der Ukraine läuft nichts mehr»: Barbara Buser begutachtet Bauteile auf ihre Wiederverwendbarkeit hin.

Mit dem Krieg in der Ukraine geht eine immense Zerstörung der Infrastruktur einher. Die Architektin Barbara Buser will beim Wiederaufbau mit Bauteilen aus der Schweiz helfen.

WOZ: Frau Buser, warum braucht die Ukraine alte Fenster aus der Schweiz?

Barbara Buser: Der Wiederaufbau in der Ukraine hat bereits begonnen. Nur fehlt es beim Baumaterial an vielem. Durch den Krieg sind zahlreiche Fabriken beschädigt worden und mussten ihren Betrieb einstellen. So läuft etwa bei den Fensterproduzenten im Land nichts mehr. Gleichzeitig werden hierzulande bei Abrissen täglich Tausende qualitativ hochwertige Fenster achtlos verschrottet. Diese wollen wir stattdessen in die Ukraine schicken.

Wie soll Ihr Projekt «Rebuild Ukraine» funktionieren?

Wir sammeln hierzulande das Baumaterial zur Wiederverwendung. In der Ukraine arbeiten wir mit einer NGO, Architekt:innen und Bauspezialist:innen zusammen, die Listen mit den Bauteilen erstellen, die sie benötigen. Ich konnte soeben auch eine Forscherin für das Projekt gewinnen, die sich mit der Wiederverwendung von Bauteilen beschäftigt und aus der Ukraine kommt – eine perfekte Kontaktperson also. Zudem helfen Leute aus der hiesigen Baubranche wie auch geflüchtete Personen aus der Ukraine mit. Wir sind zwar noch in der Aufbauphase, aber es ist toll zu sehen, wie jeden Tag mehr Leute am Projekt mitarbeiten!

Werden die gesammelten Fenster überhaupt in die noch bestehenden Gebäudewände passen?

Damit das funktioniert, müssen wir hier in der Schweiz ein gutes Inventar der gesammelten Bauteile erstellen und diese katalogisieren. Wir suchen Räumlichkeiten, wo wir die Fenster dafür temporär lagern und dann für den Transport vorbereiten können. Im Notfall können die Fenster aber in der Ukraine auch eingepasst werden, das haben wir abgeklärt. Es geht übrigens nicht nur um Fenster, sondern auch um Bauteile wie Waschbecken, Wasserhähne oder Duschen, die wir in die Ukraine schicken wollen.

Macht es energetisch Sinn, diese Bauteile so weit zu transportieren?

Speziell die genannten Bauteile brauchen in der Herstellung sehr viel Energie, sodass es sich lohnt, diese für eine Wiederverwendung auch weit zu transportieren – vor allem bei grossen Mengen gleichzeitig. Wir versuchen, so viel wie möglich mit dem Zug zu transportieren, werden aber wohl teilweise auch Lastwagen benötigen.

Ist das Ihre erste Hilfsaktion?

Ein ähnliches Projekt für den Wiederaufbau hatten wir vor 25 Jahren in Sarajevo. Die Fenster kamen damals vom Nestlé-Hauptsitz in Vevey. Tolle Aluminiumfenster mit Dreifachverglasung waren das. Eigentlich hatte damals die Denkmalpflege eine Renovation gefordert, aber das Unternehmen wollte neue Fenster. Immerhin konnten wir die Firma dann überzeugen, die Demontage und den Transport der Fenster nach Bosnien zu bezahlen.

Worauf sind Sie für das Gelingen der Hilfsaktion noch angewiesen?

Wir suchen vor allem Lager, wo die Bauteile für den Transport vorbereitet werden können. Zusätzlich suchen wir Bauträgerschaften und Unternehmer:innen, die für das Abmontieren und den Transport der Bauteile in ein schweizerisches Zwischenlager aufkommen. Eine sorgfältige Demontage von Fenstern zur Wiederverwendung kostet zwei- bis dreimal mehr als die Recyclinggebühren, die sowieso bezahlt werden müssten, wenn Fenster entsorgt werden.

Barbara Buser hat das Projekt «Rebuild Ukraine» mit ihrer Tochter Anna Buser, dem schweizerischen Dachverband der Bauteilbörsen und vielen Helfer:innen lanciert. Die Homepage wwww.rebuild-ukraine.ch befindet sich noch im Aufbau. Wer einen Lagerraum von mindestens 200 Quadratmetern um Zürich, Bern, Basel oder Luzern gratis zur Verfügung stellen kann oder Fenster spenden will, kann sich bereits unter info@rebuild-ukraine.ch melden.