30.06.2022

Unfreiwillig im Krieg

Von Bernhard Clasen

Stele mit der Aufschrift «Russland und DNR» nahe der Stadt Donezk

Von wegen selbstbestimmt: Diese Stele («Russland und DNR») nahe der Stadt Donezk zeigt, für wen zwangsrekrutierte Ukrainer in den Krieg ziehen sollen. Foto: Pavel Lisitsyn, Imago

Zehntausende Männer wurden in den ostukrainischen «Volksrepubliken» von Donezk und Luhansk bereits eingezogen, um auf russischer Seite zu kämpfen – ob sie wollten oder nicht. Mutige Bürger:innen wehren sich auf Social Media gegen die Zwangsrekrutierungen.

Hartnäckig hält sich im Osten der Ukraine eine Gruppe Aufständischer, die sich dem Zurückdrängen der russischen Sprache nicht beugen wollen und selbstbestimmt ihren eigenen Weg gehen. So lautet die offizielle Erzählung der russischen Regierung.

Spätestens mit dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar ist die Legende jedoch in sich zusammengebrochen. Den «Volksrepubliken» von Donezk (DNR) und Luhansk (LNR) im Donbas, wo derzeit insgesamt noch etwa drei Millionen Menschen leben, geht es nicht um einen eigenen Weg. Vielmehr sind sie Werkzeuge des Kreml, der die Ukraine als Staat vernichten oder ihm zumindest die Existenzgrundlagen entziehen möchte. Nun verschieben die russischen Truppen die Aussengrenzen dieser «Volksrepubliken» immer weiter nach Westen, um damit gewissermassen Russland zu vergrössern.

Wie wenig von einem eigenständigen und selbstbestimmten Weg dieser Gebiete die Rede sein kann, zeigt die Gewalt, mit der Menschen dort zum Militärdienst gezwungen werden. Auf dem Telegram-Kanal «Batman DNR» äusserten sich am 29. März Ehefrauen und Mütter von Männern, die in der «Volksrepublik Donezk» unter Zwang eingezogen wurden. Das Vorgehen bezeichneten sie als «Entführung», die gegen gesetzliche Bestimmungen verstosse und Menschen- und Bürgerrechte verletze. «Unsere Männer wurden buchstäblich von Vertretern der DNR-Institutionen auf dem Weg zur Arbeit, zu einem Institut oder einem Geschäft entführt, angehalten und aus Bussen, Privatwagen und einfach so auf der Strasse mitgenommen», heisst es in der Erklärung.

«Er will nicht in den Krieg!»

«Nein, mein Mann fährt nicht mit euch zur Wehrbehörde!», schreit die Frau die Männer an. «Wieso habt ihr ihm die Dokumente weggenommen? Wir haben kein Kriegsrecht, und deswegen muss er auch nicht mit euch mitgehen!» Die Szene stammt aus einem Handyvideo, das am 28. Juni in einer Ortschaft in der «Volksrepublik Donezk» aufgenommen wurde. Darauf zu sehen sind Männer, die einen Mann und eine Frau bedrängen. Einer von ihnen trägt ein T-Shirt mit Aufschrift und Flagge des «Föderativen Staats Neurussland» («Noworossija»), einer 2014 ausgerufenen Union der beiden ostukrainischen «Volksrepubliken». Den Mann wollen sie offensichtlich mitnehmen, doch die Frau kämpft um ihn. «Er will nicht mitgehen, er will nicht in den Krieg!», ruft sie und droht den Männern, die offensichtlich der Wehrbehörde angehören, mit der Polizei.

Zu viele habe man schon begraben, schimpft die Frau weiter, die augenscheinlich nicht einmal verbirgt, dass sie den Vorfall filmt. «Ihr geht uns mit diesem Krieg auf die Nerven. Mein Mann ist Bürger der Ukraine!», schreit sie weiter auf die Männer in Zivil ein, die mit einem Kleinbus vorgefahren sind. Immer wieder versucht sie, den Männern den Pass ihres Mannes zu entreissen, den diese ihm offensichtlich entwendet haben. Der Streit endet mit einem Kompromiss: Der Mann unterschreibt, dass er einer Vorladung zur Musterung Folge leisten werde – und bleibt vorerst zu Hause.

Gegenüber dem Nachrichtenportal currenttime.tv sagte der ukrainische Menschenrechtsaktivist Pawlo Lysianskyi, er schätze, dass in den beiden «Volksrepubliken» bislang zwischen 100 000 und 120 000 Männer zwangsrekrutiert worden seien. Unter diesen muss der Blutzoll hoch sein. 1536 Angehörige der «Sicherheitskräfte» allein in der «Volksrepublik Donezk» seien seit Jahresbeginn getötet worden, gab deren «Menschenrechtsbeauftragte» am 29. April an. Seither wurden keine Zahlen mehr veröffentlicht.

Kein Ende in Sicht

Wie es mit den beiden «Volksrepubliken» in der Ostukraine weitergeht, wird nicht in Donezk oder Luhansk entschieden. Wohin die Reise gehen könnte, schilderte stattdessen das kremlnahe russische Nachrichtenportal vz.ru am 23. Juni. «Das wichtigste Ziel der militärischen Sonderoperation in der Ukraine ist die Beseitigung aller militärischen und politischen Bedrohungen für die DNR, die LNR und die im ehemaligen ukrainischen Gebiet lebenden russischen Bürger», war dort zu lesen. Ein weiteres Ziel bestehe in der «Entnazifizierung» der Region. In einem ersten Schritt, erklärte der «Militärexperte» Ewgeni Krutikow gegenüber vz.ru, müssten die ukrainischen Waffen vernichtet und das Land daran gehindert werden, weitere Waffen aus dem Westen zu erhalten.

Und deswegen reiche «die Befreiung» des Donbas nicht aus. Man müsse auch Orte wie Krywyi Rih, Dnipro und Saporischschja im Zentrum des Landes einnehmen. Von besonderer Wichtigkeit sei die Einnahme des südwestlich gelegenen Odesa: Damit werde ein Landkorridor nach Transnistrien im Nachbarland Moldawien sichergestellt, so Krutikow. Gleichzeitig würde man mit der Einnahme von Odesa der «Drehscheibe der westlichen Waffenlieferungen» einen Riegel vorschieben.

Alles spricht dafür, dass dieser Krieg so schnell nicht zu Ende gehen wird. Und damit auch nicht die Zwangsrekrutierungen in den von Russland besetzten Regionen.