04.09.2003

Raubritter, Agenten und Attentäter

Der Mord an Ajatollah al-Hakim bringt die Angst in den Südirak. Sicherheit gibt es nur noch in Kurdistan. Und in Bagdad liegen die Nerven blank.

Von Inga Rogg, Arbil

«Übergebt die Verantwortung für die Sicherheit an die Iraker», hatte sich Ajatollah Mohammed Bakr al-Hakim an die US-Amerikaner und BritenInnen gewandt. «Nur sie verstehen, was in ihrem Land vor sich geht.» Es war seine letzte Predigt. Kurz darauf war der angesehene Geistliche tot. In die Luft gesprengt von einer Autobombe, die detonierte, als al-Hakim die Moschee Imam Ali in Nadschaf verliess. Mindestens 120 Menschen wurden beim Anschlag am vergangenen Freitag getötet, über 100 wurden zum Teil schwer verletzt.

Ein Teil der Fassaden der zahlreichen Restaurants und Geschäfte am Platz vor der Moschee waren durch die schwere Explosion eingestürzt. Zwischen Trümmern und Schutt lagen Schuhe, Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände der Opfer. Am Dienstag wurde der Geistliche in seiner Geburtsstadt Nadschaf beerdigt. Hunderttausende Pilger aus dem ganzen Land, aber auch aus dem Iran, nahmen an der Trauerfeier teil. Der Sarg war bedeckt von der irakischen Staatsfahne und einer grünen Flagge, dem Zeichen des Islam.

Ratlosigkeit, Trauer und Wut dominieren unter den Gläubigen. Das sei das Los der Schiiten, sagt einer, der die strapaziöse Reise in der sengenden Hitze auf sich genommen hat. «Das Saddam-Regime hat so viele geistliche Führer umgebracht.» Deshalb wundere ihn das gewaltsame Ende von Ajatollah al-Hakim auch nicht. «Das ist das Schicksal aller guten Männer.» «Rache, Rache, Rache für den Märtyrer Hakim», skandiert eine Gruppe.

Widersprüchliche Beschuldigungen

Wer hinter der Tat steckt, ist bislang unklar. Doch viele Gläubige meinen die Drahtzieher zu kennen: Anhänger des Saddam-Regimes, militante Sunniten mit Verbindungen zum Terrornetzwerk von al-Kaida, die angloamerikanischen Besatzer und Israel. In scharfen Worten griff der Bruder von al-Hakim, Abdel Asis al-Hakim, die angloamerikanische Koalition an. «Die Besatzungsmacht ist verantwortlich dafür, Sicherheit und Stabilität herzustellen», sagte er in Bagdad. Da ihr das nicht gelungen sei, trage sie die Verantwortung für all das Blutvergiessen im ganzen Land. «Wir lassen uns weder von Saddam noch von Bush demütigen», lautete einer der Rufe der Trauernden.

Kurz nach der Tat hat die irakische Polizei mehrere Personen festgenommen. Nach Angaben eines Polizeisprechers befänden sich darunter auch zwei saudische Staatsbürger. Dem widersprach aber später der Gouverneur von Nadschaf. Fünf Personen seien in Haft, allesamt Iraker, die vermutlich mit dem gestürzten Regime in Verbindung stünden.

Den Finger auf Saddam Hussein richtete auch Ahmed Dschalabi. Der Chef des Irakischen Nationalkongresses und derzeitige Vorsitzende des vom US-Statthalter Paul Bremer im Juli eingesetzten Regierungsrats sieht die Hintermänner beim Muchabarat, dem ehemaligen Geheimdienst. «Der Muchabarat hat das Know-how und die Leute für Anschläge dieser Art», sagte er in Bagdad. Bereits beim Anschlag auf das Uno-Hauptquartier am 19. August, bei dem 24 Menschen getötet wurden, wiesen ermittelnde FBI-Beamte auf den Muchabarat. Der Selbstmordattentäter habe Komplizen innerhalb des Wachpersonals der Uno gehabt. Wie fast alle Mitarbeiter wurden sie noch zu Zeiten Saddam Husseins eingestellt und hatten vor allem die Aufgabe, die Organisation für den Muchabarat auszuspionieren.

Dabei beschäftigen die US-Truppen selber eine ganze Reihe der ehemaligen Dunkelmänner Saddams. Mit ihrer
Hilfe wollen sie Querverbindungen zwischen dem gestürzten Regime und der militanten islamistischen Internationalen auf die Spur kommen. Bereits vor und während des Krieges habe es Absprachen zwischen hochrangigen Geheimdienstlern und US-Vertretern gegeben, sagte ein an den Verhandlungen beteiligter irakischer Politiker. Eine Gefahr für die Stabilität des Irak sieht er aber nicht. «Ihre Informationen sind wichtig», sagte er. «Zu neuer Macht kommen sie deshalb aber nicht. Das will hier keiner.»

Wie schon der Anschlag auf die Uno war auch das Attentat von Nadschaf präzise geplant. Nach Angaben eines Polizisten wurde der Wagen mit dem Sprengstoff schon einen Tag vor der Tat vor der Moschee geparkt. Die ferngesteuerte Bombe ging genau dann hoch, als al-Hakim und seine Leibwächter die Moschee verliessen. Um die Moschee, zu der Gläubige in ihren Autos verstorbene Angehörige bringen, herrschte reger Verkehr. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen, denen BesucherInnen in al-Hakims Haus und Lehrstätte unterworfen wurden, waren in der Moschee wirkungslos. Das nützten die Täter, hier war der 64-Jährige ein einfaches Ziel.

Bloss weg

Der Mord am Oberhaupt des Hohen Rats für die islamische Revolution im Irak (Sciri) steigert die Furcht vor einer weiteren Eskalation der Gewalt. Zuerst der Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad, dann jener gegen die Uno und jetzt gegen einen religiösen Würdenträger – drei Anschläge binnen gut dreier Wochen, allesamt nach dem gleichen Muster ausgeführt. Bei vielen HauptstädterInnen liegen die Nerven blank. Die Zahl derjenigen, die das Land lieber heute als morgen verlassen möchten, steigt.

Mehr noch als der Terror treibt viele die anhaltende Kriminalität um. Von der steigenden Zahl der Anschläge auf US-Soldaten sprechen sie ohnehin kaum. «Wir wollen endlich Sicherheit», sagt Kasem Saadi. Er betreibt in der ehemaligen Bagdader Einkaufsmeile Sadun einen kleinen CD-Laden. Erst vor zwei Wochen hat er das Geschäft dank kleinen Ersparnissen renoviert. Für kurze Zeit habe sich die Sicherheit tatsächlich erhöht, sagt der Mittdreissiger. Aber damit sei es jetzt wieder vorbei. Aus Furcht vor Überfällen schliesse er den Laden schon um drei Uhr nachmittags. Vor wenigen Tagen wurde nur zweihundert Meter entfernt, direkt vor der Polizeiwache, ein Mann erschossen. Beim anschliessenden Schusswechsel wurden ein Beamter, mindestens einer der Täter und ein unbeteiligter Geldwechsler getötet, vier Personen erlitten Verletzungen. In diesem Fall traf es einen ehemaligen Funktionär der Baath-Partei.

Aber nicht nur politisch motivierte Racheakte, auch Entführungen, Raub und Mord sind in der Hauptstadt an der Tagesordnung. Kürzlich zerschlug die Polizei einen Entführerring, in den ehemalige Fedajin-Kämpfer verwickelt gewesen sein sollen. Sie hatten Frauen und Mädchen in die reichen Golfstaaten verschleppt. Dass die Polizei gegen Kriminelle vorgeht, ist indes eine Ausnahme. Nicht nur die von vielen Beamten beklagte unzureichende Bewaffnung, sondern auch die Furcht, zur Zielscheibe von Racheakten zu werden, hält sie davon ab, ihre relativ sicheren Wachen zu verlassen. Am Dienstag wurde gar ein Bombenanschlag auf die Polizeizentrale in Bagdad verübt, der vermutlich dem Polizeichef Hassan Ali galt. Die Kriminalität sei nicht höher als in einer durchschnittlichen europäischen Grossstadt, sagt zwar ein US-Armeesprecher. Die Zahlen der Polizei sprechen freilich eine andere Sprache. Mehr als 120 Mord- und Totschlagsopfer in drei Monaten hat sie gezählt.

Doch nicht überall ist es so gefährlich wie in Bagdad. Nadschaf und Kerbala sowie weite Teile des schiitischen Südens galten bis zu dem Anschlag auf al-Hakim bei den IrakerInnen als relativ sicher. Nur vor der Fahrt von Amara nach Basra im Südosten des Landes wird man eindringlich gewarnt. Wegelagerer würden hier ihr Unwesen treiben. Wegen der Nähe zum Irak ist die Strecke eine wichtige Route für Schmuggler. Auf die Waren und das Geld der Durchreisenden haben es auch die Banden abgesehen, die sich an der Strecke nach Jordanien bei Falludscha und Ramadi etabliert haben. Waren es bis vor kurzem vor allem Journalistenkonvois, von denen sie sich reiche Beute versprachen, so machen sie mittlerweile auch vor Reisebussen und Lastwagen nicht Halt. Vor zehn Tagen nahmen US-Soldaten im Norden Bagdads 24 Mitglieder einer Bande fest, die von einem mehrfachen Mörder angeführt wurde. Doch solche Erfolge sind selten.

Innerirakische Zölle

«Ein irakisches Gesicht für die Sicherheitskräfte», lautet ein ständig wiederholter Slogan der Besatzer. Doch das ist noch längst keine Garantie für mehr Sicherheit. Denn Raubritter gibt es auch unter den Polizisten. Mindestens fünfzig, in der Regel aber mehrere hundert Dollar müsse er berappen, wenn er mit einer LKW-Ladung den Checkpoint im Norden der Hauptstadt passieren wolle, sagt Bahdsched Kerim. Kürzlich kaufte sich der Geschäftsmann aus dem kurdischen Suleimanija in Bagdad einen neuen Wagen. 1500 Dollar Wegzoll sollte er dafür zahlen. Doch Bahdsched Kerim zögert, sich bei den US-Truppen zu beschweren. «Am Ende setzen sie nur andere Räuber ein», sagt er. Also zahlt er und ist froh, wenn er wieder in Suleimanija ist.

Denn dort und in der kurdischen Hauptstadt Arbil ist es sicher. Selbst US-Soldaten trauen sich zu einem Bummel auf den Markt. AraberInnen aus dem Rest des Landes kommen auf der Suche nach Arbeit oder einfach nur Abwechslung nach Arbil. Seit dem Mord an al-Hakim wächst aber auch in Kurdistan die Angst vor Anschlägen, besonders vor der militanten Gruppe Ansar al-Islam (Helfer des Islam). Beim Versuch, drei ihrer Mitglieder festzunehmen, wurde vergangene Woche der stellvertretende Sicherheitschef der PUK-Regierung in Suleimanija, Mohammed Hussein, getötet.
Geld und Waffen für Islamisten und ehemalige Kämpfer Saddam Husseins gibt es im Irak genug. Daran wird auch die nunmehr geplante paramilitärische Truppe, die sich vorab aus Mitgliedern der verschiedenen Parteimilizen zusammensetzen soll, nichts ändern. «Jetzt noch ein Anschlag in Kurdistan», sagt Hassan Wali, der Zeuge des Vorfalls in Suleimanija wurde, «und der Irak bricht völlig auseinander. Dann ist es auch hier mit der Ruhe vorbei.»

Wer kommt nach al-Hakim?

Mohammed Bakr al-Hakim war ein entschiedener Gegner des Saddam-Regimes, das 22 seiner Angehörigen hinrichten liess. In einer von al-Dschasira abgespielten Tonbandaufzeichnung verhöhnte der Despot den ermordeten Ajatollah auf seine Art. Sei das Land erst von den Besatzern befreit, würden auch die Hintergründe des Mordes an den Tag kommen.

Ein Freund der USA war al-Hakim aber nicht. Doch er zeichnete sich durch eine gehörige Portion Pragmatismus aus. Statt zum bewaffneten Widerstand gegen die Besatzungsmächte aufzurufen, forderte er seine Anhänger auf, Ruhe zu bewahren. Nur so könne der Abzug der Invasionstruppen aus dem Zweistromland möglichst bald erreicht werden, sagte er der WOZ im Juli. Schliesslich stimmte er auch der Beteiligung an dem vom US-amerikanischen Verwalter für den Irak, Paul Bremer, eingesetzten Regierungsrat zu.

Als er am 10. Mai nach 23-jährigem Exil aus dem Iran nach Basra zurückkehrte, war der Empfang für al-Hakim eher kühl gewesen. Vor allem Mitglieder seiner in Iran ausgebildeten Badr-Brigaden standen Spalier. In Basra und den anderen schiitischen Zentren hatte man nicht vergessen, dass die Badr-Brigaden die Aufständischen im Frühling 1991 nicht unterstützten und sie schutzlos Saddam Husseins Schergen überliessen. Überdies werden die Badr-Brigaden beschuldigt, im Iran irakische Kriegsgefangene und Flüchtlinge zwangsrekrutiert zu haben. Auch al-Hakims enge Bindung an den Iran machte viele misstrauisch. Allmählich gelang es ihm jedoch, seine angeschlagene Reputation wiederherzustellen. Dabei haben ihm auch die Millionen Dollar geholfen, die er in Wohlfahrtsprojekte investierte. Er soll sie aus Teheran erhalten haben.

Im Machtkampf unter den Gelehrten von Nadschaf war der 31-jährige Moktada as-Sadr sein schärfster Konkurrent. Im Gegensatz zu al-Hakim setzt as-Sadr, der seine Anhängerschaft unter den jungen Männern der schiitischen Armenquartiere rekrutiert, auf die Macht der Strasse und lässt kaum eine Gelegenheit aus, antiamerikanische Stimmung zu machen. Ein Anschlag auf das Grabheiligtum in Nadschaf ist ihm freilich nicht zuzutrauen – das ginge für einen schiitischen Geistlichen zu weit.

Politisch zeigte sich der Ajatollah seit seiner Rückkehr eher moderat. Jede Regierung würde von ihm akzeptiert werden, sofern sie aus freien Wahlen hervorgehe. Zudem sollte sie alle ethnischen, religiösen und sozialen Gruppen des Irak repräsentieren. Dem iranischen Modell des Gottesstaats, dem er einmal anhing, erteilte er eine Absage.

Die Gespräche mit den US-amerikanischen und britischen Vertretern, die es auch schon vor dem Krieg gab, überliess er seinem Bruder Abdel Asis, der heute dem Regierungsrat angehört. Abdel Asis soll jetzt auch die Führung des «Hohen Rats für die islamische Revolution im Irak» (Sciri) übernehmen. Religiös fehlt es ihm an der nötigen Autorität, politisch wird er aber den moderaten Flügel stärken. Den jungen as-Sadr wird das wohl erst recht zu Ausfällen gegen den Regierungsrat provozieren.

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