25.11.2004

Busen, Möpse, Titten?

Die weibliche deutsche Popwelt verhandelt ihre Pubertät. Die Sängerin der Frauenband Britta, Christiane Rösinger, hat sich durch Tampons, «Bravo» und erste BHs gelesen.

Von Christiane Rösinger

Der Titel der Anthologie schreckt erst einmal ab: «Brüste kriegen». Das klingt nach Old-School-Differenzfeminismus, nach einer erneuten Biologisierung der Geschlechterfrage. Noch Anfang der achtziger Jahre hatte jede an Aufklärung interessierte junge Frau den Rowohlt-Schinken «Unser Körper – Unser Leben» und seine Fortsetzung «Unsere Kinder – Unser Leben» im Regal stehen. In zahlreichen populären Publikationen wurde die monatliche Menstruation als immer wiederkehrendes schicksalschweres Wunder gefeiert und schwelgerisch erklärt, wie die Fähigkeit des Gebärens Frauen allgemein zu Göttinnen, zu besseren, wertvolleren Menschen, zu Friedensengeln macht. Diese Vorstellung von der Besonderheit und moralischen Überlegenheit des weiblichen Geschlechts erfand die spezifisch weibliche Kultur, das weibliche Schreiben, Fliessen, Menstruieren.

Zum Glück konnten sich Frauen und Männer in den Neunzigern mit einem neuen Feminismus befassen, und heute hat man sich mit dem Gedanken angefreundet, das Geschlecht sowohl als biologisches wie auch soziales anzuschauen und die Kategorie Geschlecht grundsätzlich als konstruiert wahrzunehmen: Schliesslich ist es nicht nur strategisch betrachtet sinnvoll, darauf zu beharren, dass Frauen und Männer mehr Gemeinsames als Unterschiedliches haben.

Mit der zunehmenden Bedeutung der Naturwissenschaften blühen heute die Biologismen wie nie zuvor, wird geschlechterspezifisches Verhalten gerne mit dem unserer nahen Verwandten, der Primaten, erklärt, sogar die angeblich weibliche Einparkschwäche gilt da als genetisch bedingt. So erscheint es zunächst als Rückschlag, wenn sich ein fortschrittlicher Verlag mit dem Phänomen «Brüste kriegen» befasst. Aber Sarah Diehl, die Herausgeberin der Anthologie, stellt im Vorwort klar, dass «Brüste kriegen» kein «Problembuch» sein soll: «Wie erleben nun Mädchen die Zeit, in der sie aktiv einen weiblichen Habitus kultivieren müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden? Welche Rolle spielt dabei die Konfrontation mit biologischen Begebenheiten wie das Einsetzen der Menstruation und das Grösserwerden der Brüste? Solche Fragen werden oft als profan abgetan, und die tatsächliche Erfahrung damit wird gesellschaftlich kaum verhandelt. An diesem Thema hängt jedoch ein ganzer Komplex von Problemen, Identifizierungsprozessen und Machtverhältnissen, die durch das subjektive Erzählen der Erfahrungen in den Beiträgen dieses Buches deutlich werden sollen.» So weit die Herausgeberin und die durchaus aufklärerische, feministische Absicht der Anthologie.
Aber was für ein Wort allein: Brüste. Ein Wort, das man eigentlich nur aus Schwulstromanen kennt: Unter ihrer dünnen Bluse zeichneten sich ihre Brüste ab, ihre spriessenden Knospen ...

Ob nun aber die Brüste, der Busen, die Möpse oder Titten, die Dinger werden nun mal in der Pubertät zum Thema und zur Problemzone Nummer eins, denn alle Brüste sind die falschen: Sie sind nicht rechtzeitig da oder kommen ungewollt, sind dann entweder zu klein oder zu gross, die Flachbrüstigen werden von den Jungs ignoriert, die Grossbusigen werden beglotzt.

Die Autorinnen der Anthologie sind zwischen 27 und 45 Jahre alt, die Pubertät liegt da eine Weile zurück und ist auch bei den Jüngeren längst überwunden. Manch eine der Autorinnen muss sich erst mühevoll erinnern, und das nimmt verschiedene Formen an: Es gibt die Ich-Erzählung, das Tagebuch, die fiktive Geschichte, Comics, Märchen, Interviews. Der Grossteil der Autorinnen ist in Deutschland aufgewachsen und so tauchen bestimmte Grundmotive immer wieder auf: Der misslungene BH-Kauf. Dr. Sommer von «Bravo» klärt auf. Grundsatzfrage: Tampons oder Binden? Der Bleistifttest. Das erste Mal. Annette Berr, Musikerin und Autorin aus Berlin, zieht in ihrer Geschichte einen zornigen Bogen von den Erniedrigungen auf dem Sportplatz zum alltäglichen Sexismus während der U-Bahn-Fahrt der Gegenwart. Die Musikerin und Schriftstellerin Françoise Cactus (Stereo Total) erzählt auf ihre frivol fabulierende Art, wie sie zur schulischen Sexberaterin wurde. Traurig und schön zugleich ist zu lesen, wie die erst kürzlich verstorbene «Testcard»-Mitherausgeberin Tine Plesch in einem Text von ihrer Jugend in Mittelfranken erzählt. Klug, unprätentiös und engagiert, wie sie immer schrieb und sprach, gibt sie auch hier Einblicke in ihre Vorstadtjugend und bleibt den LeserInnen, die sie vermissen, noch ein wenig gegenwärtig.

Manche Texte scheinen allerdings das Thema zu verfehlen, auch die Tatsache, dass einige darunter aus bereits veröffentlichten Werken entnommen sind und nicht explizit für «Brüste kriegen» verfasst wurden, trägt zur Beliebigkeit bei. Heraus fällt allein der Beitrag der Künstlerin Käthe Kruse («Die Tödliche Doris»). Sie interviewt zwei zwölf beziehungsweise dreizehn Jahre alte Mädchen, Camilla und Edda, die die Zeit der Pubertät eher interessant als problematisch finden. Sie sind mit ihrem Körper im Grossen und Ganzen zufrieden, hören lieber Black Eyed Peas als Britney Spears, finden es blöd, dass Beyoncé sich immer so sexy stylen muss. Es scheint, als ob die heutigen Teenager trotz Brust-OP-Shows wie «The Swan», trotz dem allgegenwärtigen Sexismus in der Musik- und Popkultur, trotz rigidem Schönheits- und Schlankheitspostulat die schlimme Zeit der Pubertät, das «Frauwerden» und «Brüstekriegen», als weniger problematisch empfinden als Frauen der vorherigen Generationen.

Doch sonst findet man in dieser Anthologie kaum Beispiele, wie der Übergang vom Mädchen zum «Frausein» auch positiv erlebt werden kann, wie sich Mädchen der von ihnen erwarteten Eindeutigkeit des Geschlechts widersetzen. Trotzdem gibt die Textsammlung Denkanstösse: Wäre es zum Beispiel nicht an der Zeit, mehr über den problematischen Körper des Mannes zu erfahren? Wie werden junge Männer denn in ihrer Pubertät so konstruiert? Wie ist es, vom Jungen zum Mann zu werden. Wie erleben Jungs eine Jugend zwischen nächtlichen Ergüssen und Stimmbruch? Onanie als Schicksal?

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