23.09.1999

Der Krieg ist für sie nicht vorbei

Von Dario Azzellini, Bari

Seit dem Ende der Bombardierung Jugoslawiens registrierten die italienischen Behörden über 12 000 Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo, die sich nach Italien durchgeschlagen haben. Viele weitere, ist anzunehmen, schafften es, an den massiven Kontrollen der Polizei und der Küstenwache vorbeizukommen. Auf der Flucht erst vor der serbischen Armee und den Paramilitärs, dann vor der Kosovo-Albanischen Befreiungsarmee (UCK) haben die meisten von ihnen alles verloren. Eine Rückkehr scheint vorerst ausgeschlossen. Unter Lebensgefahr überquerten sie in kaum noch seetüchtigen Schiffen von Montenegro aus die Adria. Eingesperrt in grosse Lager warten sie nun darauf, ihr Leben jenseits von Krieg und Verfolgung neu beginnen zu können. Doch in Italien haben sie kaum eine Aussicht auf ein langfristiges Bleiberecht. Denn für die Behörden ist der Krieg beendet, und damit gibt es offiziell keinen Grund mehr die ImmigrantInnen als Kriegsflüchtlinge anzuerkennen.
LagerEtwa zwanzig Kilometer ausserhalb der apulischen Stadt Bari steht das Flüchtlingslager Bari-Palese. Direkt gegenüber vom Flughafen sind auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens etwa 800 Roma notdürftig untergebracht. Das Gelände gilt weiterhin als militärisches Hoheitsgebiet und wird von Soldaten bewacht. Wer hinein oder hinaus will, muss die Kontrollen eines Kompetenzgewirrs von nahezu einem Dutzend Carabinieri, Polizisten und Militärs überwinden.
Die Sicherheitskräfte begutachten misstrauisch meinen Presseausweis, während sie auf die telefonisch erfragte Genehmigung der Polizeipräfektur von Bari warten. Ein Carabinierikommandant erklärt mir, die Situation sei problemlos, die Flüchtlinge seien alle seit Wochen dort und wohnten in nagelneuen Wohnwagen. Später stellt sich heraus, dass die Wohnwagen bald zwanzig Jahre alt und entsprechend heruntergekommen sind. Ende November 1980 waren sie nach einem Erdbeben im Hinterland von Neapel für die obdachlos Gewordenen angeschafft worden, seit Anfang der neunziger Jahre werden sie für die Flüchtlinge genutzt, die über die Adria kommen.
Nach etwa zwanzig Minuten Wartezeit genehmigt die Polizeipräfektur meine Lagervisite, und ich bekomme einen Besucherausweis. Für mich öffnen sich nun zwei Stahlgittertore hintereinander, und ich kann mit dem Auto auf das Gelände fahren, in dessen Mitte unter einer sengenden Sonne hunderte von Wohnwagen aneinander gereiht stehen. Zusammen mit einem grossen Zelt für die Essensverteilung und einem weiteren, in dem Kinder malen und spielen können, bilden sie das Flüchtlingslager. Ein weiterer Zaun und weitere Kontrollen. Diesmal muss beim verantwortlichen Militärkommandanten um die Erlaubnis gebeten werden, den inneren Kreis des Lagers zu betreten. Konzipiert war es einmal für 500 Personen, zu schlimmsten Zeiten drängten sich hier weit über 2000 Menschen. Für die jetzigen 800 BewohnerInnen sind die Bedingungen erträglich.
Die meisten Roma im Lager sind seit dem 19. August in Italien, als fast 1500 Flüchtlinge nach zwei Tagen und drei Nächten steuerlosem Herumtreiben auf der Adria von der italienischen Küstenwache entdeckt wurden. Eine montenegrische Bande hatte sie in einen ausrangierten Fischkutter gestopft, ihnen 2500 Mark für die Überfahrt abgenommen, sie anschliessend ausgeraubt und sich dann in einem mitgeführten Schnellboot davongemacht. Und trotzdem sagen alle, sie würden den selben Weg noch einmal gehen. «Ich habe keine andere Möglichkeit», meint der 33-jährige Resat, «dort kann ich nirgendwo bleiben, ich habe alles verloren, was ich besass.» Keine und keiner kann es sich erklären, dass aus den freundlichen Nachbarn von gestern Folterer und Peiniger werden konnten.
Im Lager herrscht einiges Durcheinander, die Essensausgabe steht kurz bevor. Die Dolmetscherin, halb Serbin, halb Mazedonierin, aber brennende Unterstützerin der Nato-Staaten, nimmt mich zur Seite. «Hörst du das Geschrei im Essenszelt? Die Roma sind einfach unzivilisiert.» Sie scheint aus ihrer Antipathie auch gegenüber den Flüchtlingen selbst keinen Hehl zu machen, denn bald darauf zieht mich Resat ebenfalls zur Seite: «Sie hat dir bestimmt erzählt, wir hätten keine Kultur und seien undiszipliniert, aber das stimmt nicht. Das Problem ist, dass wir alle monatelang Angst gehabt haben, erst vor den Serben, dann vor der Nato, als man nie wusste, wo die Bomben hinfallen, und dann auch noch vor der UCK. Manchmal frage ich mich schon, wie ich das alles überlebt habe.»
Resat könnte Glück haben, vielleicht darf er in Italien bleiben: «Ich habe vor dem Krieg fünf Jahre lang in Trento im Norden gewohnt und in einem Hotel gearbeitet. Meine Aufenthaltsgenehmigung ist erst im Mai ausgelaufen, und da mein Chef mich wiederhaben will, kann ich meine Auf- enthaltsgenehmigung verlängert bekommen.» Die grosse Mehrzahl seiner Landsleute macht sich wohl vergebens Hoffnungen, sie wird absehbar kein Aufenthaltsrecht bekommen. Das Dekret, das den kosovo-albanischen Flüchtlingen zu Kriegszeiten Schutz bot, ist abgelaufen, den Roma bleibt nichts weiter, als Asylanträge zu stellen. Gemäss der Dubliner Konvention von 1990, dem Erstasylabkommen, stände allen AntragstellerInnen eine befristete 45-tägige Aufenthaltserlaubnis zu. Um etwas Zeit zu gewinnen, bis die neuen Direktiven kommen, vergeben die Behörden momentan sogar nur eine 30-tägige Aufenthaltserlaubnis. Eine spezielle Kommission müsste die Flüchtlinge danach anhören und über ihre Anträge entscheiden. Das Problem indessen: Flüchtlinge, die ihre befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, werden ohne weitere Unterstützung aus dem Camp gewiesen. Wer aber von der Kommission angehört werden will, muss eine Adresse angeben können, und das können die meisten nicht mehr, sobald sie das Lager verlassen haben. So werden sie fast automatisch in die Illegalität getrieben.
Eine junge Frau hält ihre auf 30 Tage befristete Aufenthaltsgenehmigung hoch und fragt laut: «Ich habe politisches Asyl bekommen. Ist das gut oder schlecht?» Die völlig ungenügende Information der Flüchtlinge über ihre Rechte und ihren Status beklagt die 26-jährige Erminia vom «Grupo rifugiati», einer Solidaritätsgruppe aus Bari, deren Mitglieder den LagerbewohnerInnen unter anderem beim Ausfüllen der Anträge helfen. Ohne dass sie sich viel davon versprechen: «Der Krieg ist offiziell vorbei, und Italien interessiert sich nicht für die Roma-Flüchtlinge», sagt Erminia. «Sie gelten als Illegale ohne Aufenthaltsberechtigung und bekommen schon gar kein Asyl.»

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