Gegen den Vormarsch in neue Barbareien

Es war in den ersten Tagen eines europäischen Krieges, als der britische Historiker Eric Hobsbawm in Leipzig einen Preis für europäische Verständigung überreicht bekam. Seine Dankesrede, die wir hier dokumentieren, erhielt eine ungeheure Aktualität. Wenn Vertreibung und Krieg mit Geschichte legitimiert wird, was haben dann die Historiker für eine Verantwortung?

Von Eric J. Hobsbawm

Ich komme mit Freuden zu Ihnen nach Leipzig, um dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Stadt Leipzig und dem Freistaat Sachsen und vor allem der hohen Jury meinen Dank für die Verleihung dieses Preises auszusprechen. Leipzig ist einerseits die Stadt Johann Sebastian Bachs, dessen Musik, mehr als die jedes anderen Komponisten, sich über die nationalen und kulturellen Grenzen Europas hinwegsetzt. Andererseits haben jahrhundertelang die Staatenkriege Europas Sachsen, mit Flandern, wohl mehr heimgesucht als alle anderen Teile unseres Erdteils. Leipzig ist also ein passendes Heim für einen Preis zur europäischen Verständigung.

Verstehen oder Verständigung?

Es ehrt mich, dass Sie glauben, ich hätte durch meine Bücher der europäischen Verständigung Dienste geleistet, obwohl ich mich als Historiker nur beiläufig mit Europa beschäftigt habe. Es bildet nur einen Teil unseres fast unfassbaren Zeitalters, das ich versuche, als Historiker und als Mensch zu verstehen und verständlich zu machen. Allerdings gehören schon philologisch verstehen, verständlich machen und Verständigung zueinander: denn wie könnte man sich ohne sprachliche und intellektuelle Verständigung an Menschen jenseits der nationalen und kulturellen Grenzen wenden? Was eine Konversation zwischen uns ermöglicht, ist nicht so sehr, dass ich, obwohl Engländer, zu Ihnen in einem allerdings holprigen und aus der fernen Jugend herübergeretteten Deutsch spreche, sondern dass Sie wissen, worüber ich spreche, dass wir uns alle sozusagen im gleichen intellektuellen Raum befinden. Ohne diesen gemeinsamen Raum, ohne die anerkannten Regeln eines gemeinsamen Diskurses, ohne den Teil unserer Identität, der allen Menschen gemeinsam ist, sprechen wir aneinander vorbei. Wie kann man sich mit anderen, ob in Europa oder sonstwo, überhaupt verständigen, wenn man sagt: «Meinem Wesen nach bin ich Kurde oder Serbe oder Schwarzer oder Frau oder Mohammedaner oder Schwuler oder Jude, und wenn ihr nicht meinesgleichen seid, so könnt ihr mich überhaupt nicht verstehen? Ihr wisst einfach nicht, was bei mir los ist. Meine Wahrheit ist nicht die eure.» In unserem Zeitalter der Suche nach einer ausschliesslichen Identität hört man diese Sprache leider zu oft, auch von Intellektuellen, die es besser wissen sollten. Zwischen nicht unmittelbaren Wahrheiten kann es weder Verstehen noch Verständigung geben, sondern bestenfalls nur die gegenseitige Abgrenzung. Und das genügt da nicht.
Ganz besonders nicht, wenn wir eine solche Sprache von den Ideologen und Politikern des Nationalismus hören. Da aber der Nationalismus sich und seine politischen Ziele immer durch Berufung auf die gemeinsame Vergangenheit des betreffenden Volkes legitimiert, sollte er notwendigerweise auf den Widerstand oder jedenfalls die Skepsis der Fachhistoriker stossen. Denn was die Ideologen, die Hetzer und auch die Töter, von der Vergangenheit wissen, kommt letzten Endes von denen, die sie erforscht haben: von Historikern. Ob wir es wollen oder nicht, auf unseren Feldern wachsen die Pflanzen, aus denen nicht nur das Rauschgift des Volkes, sondern auch Sprengstoff hergestellt werden kann. Wenn wir uns nicht gegen den heute oft todesgefährlichen Missbrauch der Geschichte zur Wehr setzen, sind wir dann nicht irgendwie auch zum Teil dafür verantwortlich? Schliesslich, so manche unserer Vorgänger im Fach haben im hoffnungsvollen 19. Jahrhundert, als man, wie 1848, glaubte, nationale und liberale Gesinnung seien unmittelbar wie siamesische Zwillinge, ihre Feder ganz bewusst in den Dienst der nationalen Sache gestellt. Und manche tun es noch, obwohl der Begriff «national» scharf in eine andere politische Richtung geschwenkt ist.
Daher ist es zu begrüssen, dass Sie den diesjährigen Preis für die europäische Verständigung einem Historiker verliehen haben. Die europäische Verständigung braucht Historiker, die sich für sie einsetzen, eben weil in unserem schrecklichen Jahrhundert der vergangenheitsbezogene Nationalismus ein so gefährliches Mittel für Politiker und Fanatiker zur Zerstörung der Zivilisation geworden ist. Vor ein paar Wochen war ich an einem Seminar in Neapel über Vergangenheit und Politik im Mittelmeerraum. Historiker aus Frankreich, Spanien, Tunesien und Marokko, Italiener, Kroaten, Serben, Slowenen, Griechen und Türken, am Vesuv, im wunderbaren barocken Palazzo Serra di Cassano, dessen Hauptportal seit 1799 permanent zugeriegelt ist, zum Andenken an den Sohn des fürstlichen Hauses, der als Jakobiner nach der Niederlage der Revolution von den Bourbonen hingerichtet wurde.
Doch was ist ein akademisches Seminar, in dem sich Historiker verständigen, gegen die Lebenserfahrung der Menschen im Mittelmeergebiet? Hier hat erst unser unheilvolles Jahrhundert dem normalen historischen Zusammenleben der Völker ein Ende gemacht.

Eine Erfindung des 20. Jahrhunderts

Wo sind die Griechen Ägyptens, der Levante und der Küsten des Schwarzen Meeres? Verschwunden sind sie seit dem Ersten Weltkrieg, vertrieben oder ausgewandert aus den Ländern, in denen sie seit Jahrtausenden lebten. Was ist seit 1941 aus den sephardischen Juden ausserhalb Israels geworden? Sie sind ermordet, vertrieben worden oder ausgewandert aus ihren alten Heimatländern. Seit 1974 trennt eine von Uno-Soldaten bewachte Grenze Griechen, und Türken in Zypern, die früher in den gleichen Dörfern wohnten. In den achtziger Jahren zwang die bulgarische Regierung ihren türkischen Bürgern slawische Namen auf oder trieb sie in die Auswanderung. Seit 1991 gibt es keine Jugoslawen mehr. Serben, Kroaten und Bosniaken, die einander früher heirateten, vertreiben und töten einander. Die gleiche Völkertrennung und Vertreibung geht heute im Kosovo vor sich. Es gibt in Griechenland offiziell nur Hellenen und keine Mazedonier. Es gab bis vor kurzem in der Türkei keine Kurden, sondern nur Bergtürken. Wo, übrigens, sind die Italiener jenseits der Adria, die Erben Venedigs? Nur Historiker erinnern sich an den Namen der alten Handelsrepublik Ragusa.
All diese Barbarei wird durch die Vergangenheit legitimiert, das heisst durch Geschichte, und zwar durch schlechte Geschichte. Die Serben im Kosovo berufen sich auf einen von der Schlacht auf dem Amselfeld abgeleiteten Mythos, über den auch in Serbien die seriösen Historiker die Achseln zucken. Die Griechen, deren Hauptstadt Athen Anfang des 19. Jahrhunderts, bevor ein Bayernkönig sie neoklassisch ausstattete, noch ein zu fünfzig Prozent von Albanern bewohntes Provinznest war, verweigern der Republik Mazedonien das Recht auf ihren Namen, da die Erinnerung an Alexander den Grossen - das heisst der Anspruch Griechenlands auf den im Balkankrieg besetzten Teil Mazedoniens - nicht durch unhellenische Elemente getrübt werden darf.
Ja, auch wir sind gegen solche Mythen nicht immun. Es ist schlecht, das heisst falsche Geschichte, wenn westliche Politiker, Diplomaten und Journalisten sich damit trösten, dass sich die Völker auf dem Balkan immer gegenseitig umbrachten, genauso, wie es falsche Geschichte ist, wenn Herr Goldhagen behauptet, der nationalsozialistische Genozid der Juden liesse sich einfach von einem angestammten und angeblichen genozidalen Antisemitismus der Deutschen ableiten. Das ist nicht wahr. Ziel und Funktion der Blutrache und der Pogrome war nicht der Genozid. Erst das 20. Jahrhundert hat die systematische Ausrottung gesamter Völker erfunden und den Nationalismus, welcher in einem Staatsgebiet nur einer ethnischen Gruppe Bürgerrechte beziehungsweise Existenzberechtigung gestattet. Wir Historiker müssen die Gegenwart daran erinnern, dass wir nicht einen Rückfall in die alte Barbarei erlebt haben und erleben, sondern einen Vormarsch in eine neue Barbarei.

Zerfall der Menschheit in Bevölkerungen

Was können wir Historiker tun gegen diesen Zerfall der Menschheit in Bevölkerungen, die einander verständnislos und keine Verständigung suchend gegenüberstehen und die - und das ist noch der beste Fall - sichtbare und unsichtbare Berliner Mauern gegen «die anderen» aufbauen? Wohl als Historiker, auf kurze Sicht, nicht sehr viel. Auch wenn man uns nicht verbietet und unseren Ländern keine offizielle Geschichte aufzwingt, sind wir machtlos gegen Regierungen und Massen, die nicht auf uns hören. Es ist im höchsten Grad unwahrscheinlich, dass mein Buch über Nationen und Nationalismus, das (dank Herrn Soros) ausser in anderen Balkansprachen auch auf Albanisch erschienen ist, heute im Kosovo viel Zustimmung findet. Die wirkliche Geschichte Irlands und Israels ist weit entfernt von den nationalen Mythen, ja manchmal Fälschungen, die noch heute die irisch-amerikanische und die jüdisch-amerikanische Diaspora zur Unterstützung der IRA und der ultranationalen Rechten in Jerusalem und Hebron bewegen. Allerdings auf längere Sicht haben wir mehr Chancen. Seit den sechziger Jahren in Irland, seit den achtziger Jahren in Israel, das heisst zirka ein halbes Jahrhundert nach der Geburt eines unabhängigen Staates, haben sich die akademischen Historiker in diesen Ländern von den Mythen der nationalen Bewegung befreit. Vielleicht gelingt das bald sogar der israelischen Archäologie.
Und trotzdem, so hoffe ich jedenfalls, können die Ideologen des Weltzerfalls nicht ganz ruhig schlafen, solange wir unserem Beruf nachgehen. Denn Ernest Renan hatte Recht, als er vor mehr als einem Jahrhundert schrieb: «Das geschichtliche Vergessen, ja selbst der historische Irrtum sind wesentliche Faktoren bei der Bildung einer Nation, und deshalb ist der Fortschritt der historischen Forschung häufig eine Gefahr für die Nationalität.» Das ist, glaube ich, eine schöne Aufgabe für Historiker: eine Gefahr für die nationalen Mythen zu sein. Ich habe unter anderem versucht, sie in meinen Büchern zu erfüllen. Und vielleicht habe ich damit doch einen kleinen Beitrag zur Verständigung geleistet, wenn ich auch bezweifle, ob das einen Preis verdient. Es ist aber schön, dass Sie anderer Meinung sind.
Ich danke Ihnen.
Der vorliegende Text ist die Dankesrede anlässlich der Verleihung des «Leipziger Buchpreises zu Europäischen Verständigung», die am 26. März 1999 stattfand.