13.09.2001

Usama und die Araber

Die arabische Realpolitik ist um einiges nüchterner als die westeuropäischen KommentatorInnen.

Von Armin Köhli

Einer der von den deutschsprachigen Fernsehstationen aufgebotenen Reservisten aus dem Heer der Experten (Terrorismus-, Amerika-, Nahost-, Strategie- und Geheimdienstexperten, wobei sich Vorletztere häufig zugleich auch als Letztere entpuppten) wusste es schon am frühen Dienstagabend. Usama Bin Laden hat die Angriffe in den USA organisiert, allerdings war das von Afghanistan aus doch etwas schwierig.

Deshalb waren die eigentlichen Organisatoren autonome terroristische Zellen allüberall, wobei, hört, hört, sich bisher zutiefst verfeindete Organisationen zusammengerauft haben zu einer gemeinsamen Aktion. Doch ganz alleine schafften das auch diese Zellen nicht, deshalb erhielten sie die aktive (!) Unterstützung diverser (!) arabischer Länder. An erster Stelle nannte er den Sudan («wobei ich hier so meine Zweifel habe») und den Irak.

Der Feind ist also benannt. Die Bilder aus Palästina, den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon, den Frontgebieten und den vormals besetzten Gebieten im Südlibanon sowie den südlichen, schiitischen Vororten der libanesischen Hauptstadt Beirut, wo viele Menschen vor Freude über die Anschläge tanzten, gemeinsam Süssigkeiten verspiesen und in die Luft schossen, bestätigten nur, dass der Feind korrekt identifiziert worden war.Doch diese Freude dürfte auch in einigen anderen politisch wie klimatisch «heissen» Gebieten der Welt anzutreffen sein.

Ob wohl Kameras in Somalia dabei waren, als die Nachrichten aus den USA eintrafen? (Ich weiss nicht, ob sich die Menschen in Somalia freuten, ich habe keine Bilder gesehen. Vielleicht waren sie entsetzt. Vielleicht nahmen sie kaum Notiz davon.) Auch manche KommentatorInnen deutscher Privatsender scheinen ihre Freude kaum verhehlen zu können, so etwa, als einer vom «Zusammenbruch der Symbole amerikanischer Macht» sprach. Und die Warnung auf einem dieser Sender, sich vor «klammheimlicher Freude» zu hüten, galt jedenfalls dessen eigenem Publikum und nicht den Menschen im Süden.

Regierungen arabischer und islamischer Staaten erwarten nun weitere Erschwernisse bei der Visa-Erteilung und der Einreise ihrer BürgerInnen in die USA. Bisher schon wurden viele arabische Reisende wie Verdächtige behandelt. Doch wehren kann sich der erkannte Feind der westlichen Öffentlichkeit kaum.

Dabei bedeutet die hoffnungslose Freude zutiefst Verzweifelter nicht, dass deren religiös-politische Organisationen die Gewalttaten zu verantworten hätten. Die islamistischen palästinensischen Organisationen schlugen bisher nie ausserhalb der arabischen Region zu, die telegene libanesische Hisbollah nie ausserhalb Libanons. Sprecher der palästinensischen Islamisten äusserten sich dementsprechend. Ismail Hania von der Hamas-Bewegung erklärte, dass Hamas die Schlacht nicht in andere Teile der Welt transportieren wolle, weder in die USA noch anderswohin.

Vom «Islamischen Dschihad» hiess es: «Wir lehnen Anschläge gegen Zivilisten bloss aufgrund ihrer Nationalität und ihres Glaubens ab. Verantwortlich ist die amerikanische Politik in den heissen Gebieten der Welt.» Und im afghanischen Kandahar sagte Taliban-Sprecher Abd al-Hay Mutamin: «Das war nicht das Werk gewöhnlicher Leute. Vielleicht steckt eine Regierung dahinter. Usama Bin Laden ist nicht in der Lage, so etwas auszuführen. Wir auch nicht. Wir unterstützen den Terrorismus nicht. Wir verurteilen diese Taten.»

In den arabischen Ländern hält man eine andere Täterschaft für mindestens so wahrscheinlich: die linksliberale libanesische Tageszeitung «As-Safir» brachte an vorderster Stelle eine Beschreibung der rechtsextremen US-amerikanischen Milizen. Diverse arabische (Schurken-)Staaten jedenfalls bemühen sich aktiv um Integration in die vom Westen definierte Terrorismusbekämpfung. Syrien etwa. Am Montagabend unterzeichneten der syrische und der türkische Innenminister ein Abkommen über «Terrorismusbekämpfung, Kampf gegen Drogenschmuggel, organisierte Kriminalität und illegale Migration». Die gemeinsame Grenze soll besser kontrolliert werden, um Flüchtlinge an der Einreise in die Türkei zu hindern. Und im Nato-Staat Türkei verspricht man sich vom Abkommen die Auslieferung in Syrien lebender kurdisch-türkischer Flüchtlinge.

Im jemenitischen Hafen Aden sitzen derweil seit August 116 Flüchtlinge aus Sri Lanka auf zwei kaum seetauglichen Booten fest; aus Sicherheitsgründen dürfen sie nicht ausfahren. Sie landeten in Aden, ohne Treibstoff und Lebensmittel, auf dem Weg Richtung Rotes Meer. Den Hafen verlassen dürfen sie nicht.

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