04.03.2004

Pastellfarbene Ansichten und Retromodelle

Die grosse nationale Show findet ohne Frauen statt.

Von Lotta Suter, Boston

Gut vierzig Jahre nach Betty Friedans «Weiblichkeitswahn» darf frau ja wieder einmal fragen: Wie sieht die moderne emanzipierte Frau im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aus? Wer macht im Jahr 2004 das Rennen als Missis America? Ich meine natürlich nicht Miss America, das junge US-Girl, das eben seine Zahnspange entfernt, das Gebiss sowie die langen Haare frisch gebleicht hat und uns jetzt mit höchst ebenmässigem Lächeln und staunend grossen Augen auf Schritt und Tritt verfolgt. Die strahlende Gesundheit und der unverschämte Optimismus dieser jungen Dame sind zwar wunderbar, müssen aber vom Leben erst noch getestet werden.

Nein, ich meine die reifere US-amerikanische Weiblichkeit: die Frau im Alter der führenden Politiker und Wirtschaftsleute, welche sich zwischen vierzig und sechzig im Zenit des Lebens wähnen. Wie so ein Mister America aussieht, wissen wir wohl, und falls wir es vergessen sollten, können wir unser Gedächtnis jeden Tag in den Medien auffrischen, wo die massgebenden Herren reihenweise mit wichtiger Miene Hände schütteln, Verträge unterschreiben oder einfach gediegen an Kriegsgräbern oder bei Geschäftseröffnungen herumstehen. Sie tragen eine mehr oder weniger konforme Kleidung und Würde, etwas mehr oder weniger Embonpoint und sind meistens weiss oder so weiss gestylt wie möglich. Manchmal sind die Männer in den Anzügen schwer zu unterscheiden, und vielleicht deshalb liebt Kriegspräsident George W. Bush, der sich am ehesten noch nonverbal verständigen kann, Auftritte in Militärpilotenuniform.

Die führende liberale Männerwelt in den USA hingegen profiliert sich als Remix von John F. Kennedy: in einer eher etwas hölzernen Variante, aber mit den richtigen Initialen (John Forbes Kerry) oder als etwas gar jungenhafte Reinkarnation mit der richtigen Frisur (John Edwards). Männlich entschlossen oder männlich galant also heisst die Frühlingsmode 2004 für den modernen amerikanischen Mann, beide Modelle sind, wie viele heutige Modeerscheinungen, ziemlich retro, ein neu lancierter Aufwasch einer früheren Periode, die man nur zu gerne wiederholen möchte.

Und die dazugehörenden Damen? Orientieren sie sich an den engen Jupes und den neckischen Hütchen von Jackie Kennedy, der klassisch-weiblichsten oder, man kann auch sagen, erotisch-attraktivsten First Lady, an die sich die AmerikanerInnen erinnern können? Die Damen selbst denken vielleicht nicht mehr in den Gender-Kategorien der frühen sechziger Jahre, wohl aber die Medien, die über sie berichten. Als Leserin oder Zuschauerin hat man im Jahr 2004 die Wahl: zwischen pastellfarbenen Kostümen und Ansichten (Laura Bush), zu wenig gepflegter Frisur und mangelnder Karrierebegleitung (Judith Steinberg Dean) oder aber zu provozierenden Hosenanzügen und zu eigenständiger Meinungsäusserung (Teresa Heinz Kerry). Doch auch die Kandidatin für den Missis-2004-Wettbewerb, die sich am ehesten der klassischen Frauenrolle, Hausfrau mit Kindern, verschrieben hat (Elizabeth Edwards), kommt nicht gut weg; man sagt, sie sehe aus wie ihre eigene Mutter.

Offensichtlich gibt es im 21. Jahrhundert in den USA einfach keine Frau, die Mister America ebenbürtig wäre. Wie könnte man sonst die grosse nationale Show ganz und gar ohne Kandidatinnen laufen lassen? (Die zu Anfang der US-Präsidentenwahlen auf die Bühne geschleppte Carol Moseley Braun ist ebenfalls ein Retromodell der politischen Mode – eines, das wir am liebsten möglichst schnell vergessen wollen. Sie musste als Alibifrau nicht bloss das ganze weibliche Geschlecht, sondern auch noch die AfroamerikanerInnen und alle denkbaren übrigen Minderheiten vertreten, unter prekären finanziellen Verhältnissen, wie sich das für eine solche Kämpferin für die gute Sache gehört.)

In der US-Wirtschaft finden sich zwar einige wenige Frauen an der Spitze von Grossunternehmen. Sie sind die Ausnahme von der Regel. Dafür jedoch mussten sie sich einer gründlichen Geschlechtsumwandlung unterziehen, die alles umfasst ausser ihrer biologischen Ausstattung. Und wenn sie, wie Konzernchefin Martha Stewart, die ihren Reichtum auf der Kommerzialisierung von Haus und Herd aufbaute, sich so verhalten, wie das in ihren Kreisen üblich ist – nämlich am Rand der Wirtschaftskriminalität (Insidergeschäfte) –, werden sie härter angefasst und moralisch schärfer verurteilt: im immer gleichen alten Madonna-oder-Hure-Ton.

Frauen, die nicht so mannhaft werden wollen, steigen reihenweise aus ihrer Karriere aus, und das nicht nur, wenn sie Kinder wollen. Dann gibt es noch diejenigen Karrierefrauen, die ihren dazu gewonnenen beruflichen und privaten Spielraum anderen Frauen verdanken. Diese grosse und rasch wachsende Gruppe hält sich Personal, vorab ImmigrantInnen, die für wenig Geld fremde Wohnungen putzen und fremde Kinder betreuen. Diese Karrierefrauen emanzipieren sich mittels des altbewährten feudalen Dienstbotensystems. So gesehen ist die reale Missis America 2004 wohl am ehesten eine Magd aus Mexiko.

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