24.04.2003

Wie werde ich wieder Demokrat?

Vorerst wird keine Macht der Welt und erst recht nicht eine internationale Rechtsordnung die US-Regierung daran hindern können, ihre kalkuliert-paranoiden Phantasmen militärisch auszuagieren. Ein Blick von Kanada aus auf das US-Imperium.

Von Lothar Baier

Diesen Beitrag zur WoZ-Debatte über das US-amerikanische Imperium neuen Stils schreibe ich im Unterschied zu der im US-Staat New Hampshire lebenden Kollegin Lotta Suter (siehe «An der Heimatfront des Imperiums») nicht umgeben von nervenden amerikanischen Neopatrioten, sondern, 500 Kilometer weiter nördlich, in der kanadischen Metropole Montreal, die im Februar und März 2003 die grössten Demonstrationen gegen Bushs Kriegskurs auf nordamerikanischem Boden erlebte. Fans des Kriegs- ministers Donald Rumsfeld, der unter Ronald Reagan, was die US-Patrioten vergessen haben, Geschäftspartner Saddam Husseins beim Business der chemischen Vernichtung der Kurden war, habe ich hier noch nicht angetroffen. Es lässt sich an diesem Ort deshalb sicher weniger aufgeregt als in den USA – und vielleicht auch in Europa – über den Zustand des US-amerikanischen Imperiums und Emmanuel Todds Prophezeiung von dessen bevorstehender «Dekomposition»* nachdenken.

Mit der Aussicht auf den Niedergang des amerikanischen Imperiums wurden kinobesuchende Kanadier bereits vor fünfzehn Jahren vertraut gemacht. «Le Déclin de l’Empire américain» heisst ein damals in Montreal entstandener, von dem geachteten Regisseur Denys Arcand geschriebener und gedrehter Spielfilm.** In dieser Lage, eine knappe Autostunde von der US-Grenze entfernt, im Sendebereich amerikanischer Medien und versehen sowohl mit US-Zeitungen als auch mit grenzüberschreitenden Kontakten, registriert und spürt man deutlicher als in Europa, was sich in den benachbarten USA zusammenbraut. Eine seiner Figuren lässt Arcand im Film das Ineinander von Nähe und Distanz mit diesen Worten kennzeichnen: «Denkt daran, dass wir das Glück haben, am Rand des Imperiums zu leben. Die Erschütterungen sind hier weniger heftig.»

Der «Niedergang», von dem der Filmtitel spricht, wird im Film nicht, wie in Emmanuel Todds Essay, in ökonomischen oder politischen Termini abgehandelt. In der Filmhandlung geht es um das damals durch das Auftreten von Aids zusätzlich beförderte Durcheinander im Sex- und Beziehungsleben der Figuren, das auf sehr subtile Weise mit dem schleichenden Zerfall nordamerikanischen Zukunftsvertrauens verknüpft wird.

Kanadischer Antiamerikanismus

Ein neutraler Beobachtungsstandort, eine Art «erkenntnistheoretische Schweiz», wie man das früher in philosophischen Debatten nannte, ist Kanada deswegen noch lange nicht. Formal ein souveränes, mit den USA und Mexiko vertraglich durch das Freihandelsabkommen Nafta verbundenes Land, ist Kanada de facto, infolge seiner erdrückenden ökonomischen Abhängigkeit von der US-amerikanischen Konjunktur, eine Art Satellitenstaat, dem dieser Status gerade in Zeiten der Spannung wie nach dem Angriff auf den Irak nicht gerade leise in Erinnerung gerufen wird. Sichtlich empört, einem Parteiemissär Leonid Breschnews während des Prager Frühlings nicht unähnlich, erschien Ende März 2003 der US-Botschafter Paul Cellucci in den kanadischen Medien und versuchte mit starken Worten – jedoch vergeblich –, die in Sachen Kriegskurs unbotmässige kanadische Bundesregierung zur Ordnung zu rufen.

Viele Kanadier verabscheuen solche Gesten, haben aber keine andere Wahl, als sich resigniert in die Erkenntnis der Abhängigkeit ihres Landes vom Nachbarn im Süden zu fügen. In jüngster Zeit ging es fast nur um Kleinigkeiten, nämlich um die dem Freihandelsabkommen zuwiderlaufende Erhebung eines hohen Einfuhrzolls auf kanadisches Bauholz, ein wichtiges Exportprodukt. Während des Kalten Kriegs ging es da weit härter zu. Als sich die kanadische Regierung dem Plan der US-Regierung widersetzte, auf kanadischem Territorium Militärbasen einzurichten, erhielt sie als Antwort die Drohung mit einem ruinösen Handelskrieg. Die Basen wurden gebaut – und nun, nach ihrer Schliessung, kann Kanada den Dreck wegräumen und mit hohen Kosten den vergifteten Boden entseuchen. Nach dem gleichen Muster sollen demnächst andere – die so genannte «internationale Gemeinschaft» – im Irak die von den USA hinterlassenen Schweinereien, einschliesslich der liegen gebliebenen Uran-Munition, beseitigen.

Aus dem Vietnamkrieg durfte Kanada sich seinerzeit zwar heraushalten, Premierminister Lester Pearson durfte sogar die amerikanische Kriegführung kritisieren; dem Ansinnen des Pentagon, das Entlaubungsgift Agent orange an kanadischen Wäldern zu testen, da den Militärs die eigenen Wälder zu schade waren, durfte er sich jedoch nicht widersetzen. Pearsons gleichfalls amerikakritischer Nachfolger Pierre Elliot Trudeau wurde Anfang der achtziger Jahre diskret gezwungen, kanadisches Territorium als Testgelände für Cruisemissiles zur Verfügung zu stellen. Unvergessen ist hier auch der glücklicherweise folgenlose Einschlag einer amerikanischen Nuklearbombe, die über der Provinz Québec aus einem strategischen Bomber gefallen war.

Kanadier kennen ihre US-amerikanischen Pappenheimer wahrscheinlich ungleich besser als Angehörige anderer Industrienationen. Mit der US-amerikanischen Missachtung der Souveränität anderer und der Missachtung geschlossener Abkommen haben sie reichlich Erfahrungen gesammelt. Kein Wunder, dass eine von Peter Scowen, Redaktor der Zeitung «Toronto Star», unter dem Titel «Rogue Nation. The America the Rest of the World Knows» (Schurkennation. Das Amerika, das der Rest der Welt kennt) verfasste Anklage in Kanada zum Bestseller wird und für die Frankokanadier sogleich als «Schwarzbuch USA» übersetzt worden ist.

Demokratische Erziehung

Antiamerikanismus, habe ich inzwischen den Eindruck gewonnen, ist in Kanada etwas so Selbstverständliches, dass er gar nicht extra hochgehalten werden muss. Der kanadische Antiamerikanismus ist jedoch überwiegend politisch begründet, es fehlt ihm der arrogant kulturkritische Beigeschmack, der europäische Amerikafeindschaft häufig unangenehm durchdringt. «American way of life» ist hier kein Anathema, denn er prägt auch in meiner hiesigen Umgebung die Sitten, wenn diese Lebensweise hier auch niemals so benannt werden würde.

Der kanadische Premierminister Jean Chrétien handelte durchaus in Übereinstimmung mit der in seinem Land vorherrschenden Meinung, als er im vergangenen März entschied, auf die Uno zu setzen und Kanada aus Bushs Invasionskoalition herauszuhalten. Dafür wird er jetzt vom Weissen Haus symbolisch abgestraft: George W. Bush hat einen für den 5. Mai in Ottawa geplanten Staatsbesuch beleidigt absagen lassen.

Von Kanada aus auf die gegenwärtigen USA zu schauen, scheint mir den Vorteil zu bieten, dass eher Kontinuitäten in den Blick geraten als überraschende Brüche. Die Abneigung gegen internationale Institutionen und Abmachungen, die jetzt bis zu der von Lotta Suter berichteten Absicht geht, die Uno zu vernichten, ist nicht erst mit der Bush-Regierung aufgekommen. In seinem Buch «Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert» (siehe WoZ Nr. 7/03) weist der kanadische Historiker Michael R. Marrus nach, dass die US-Regierung den Völkerbund, eine Zeit nach dem Vertrag von Lausanne 1923, langsam fallen liess, lange bevor Hitler und Mussolini ihn sichtbar zerstören konnten. Zur gleichen Zeit endete mit der Schliessung von Ellis Island, dem jahrzehntelang weit geöffneten Tor zur Neuen Welt, die liberale amerikanische Einwanderungspolitik.

Als beruhigend kann ich den Nachweis von Kontinuitäten allerdings keinesfalls empfinden, weil mir in jüngster Zeit inneramerikanische Veränderungen hinzugekommen zu sein scheinen, die Berechenbarkeiten über den Haufen werfen, denen die Annahme längerfristiger Kontinuitäten zugrunde liegt. Oliver Fahrni gebe ich aufgrund meiner Beobachtungen völlig Recht, wenn er schreibt, dass, den Irak betreffend, «der Kern des Problems nicht im Nahen Osten liegt, sondern in den USA» (siehe WoZ Nr. 14/03). In dieser Hinsicht scheint mir auch Emmanuel Todd etwas Richtiges zu treffen, wenn er in seinem Essay die Auffassung vertritt, dass die USA dabei sind, ihre demokratischen Charakteristika zu verlieren. Dass sie das, wie Todd meint, im Kontrast zur übrigen Welt tun, die immer demokratischer werde, das allerdings halte ich für ein frommes Märchen.

Demokratie, so wie die US-amerikanische Besatzungsmacht sie uns deutschen postnazistischen Kindern seinerzeit lehrte, meinte gerade das Gegenteil dessen, was die USA heute der Welt vorführen. Im Kino wurden damals vor dem Spielfilm kurze, im US-Auftrag hergestellte Lehrfilme gezeigt, die vor allem Jugendlichen unter dem Reihentitel «Wie werde ich Demokrat?» beibringen sollten, dass man Konflikte durch Anhören und Aushandeln löst, nicht durch Führerbefehle oder Gewaltanwendung.

Heute, kommt es mir vor, wären nicht wenige der regierenden US-AmerikanerInnen, von Condoleezza Rice über Paul Wolfowitz bis George W. Bush, KandidatInnen für einen Intensivkurs unter der Überschrift «Wie werde ich wieder Demokrat?». Aber auch vielen der gewöhnlichen US-AmerikanerInnen, die mit überwältigender Mehrheit zum Zuschlagen ihres Landes im Irak hingerissen Beifall klatschten, könnte für meinen Geschmack eine Auffrischung ihrer demokratischen Erziehung gut tun.

Für mich unterscheiden sich die USA des Jahres 2003 in ihrer inneren Verfassung in der Tat immens von den USA des Jahres 1975, die ich bei meinem ersten USA-Aufenthalt als Gastdozent kennen lernen konnte, und zwar nicht allein infolge der heutigen Herrschaft des Bush-Clans, der im Weissen Haus die Geschäfte führt. Damals, Mitte der siebziger Jahre, kurz nach dem amerikanischen Rückzug aus Vietnam und der Amtsenthebung Richard Nixons, schienen mir zahlreiche AmerikanerInnen von demokratischem Stolz und von der gut nachvollziehbaren Befriedigung erfüllt, durch Proteste und Kritik die Rückkehr ihres Landes zum Geist der amerikanischen Gründerväter Benjamin Franklin und Thomas Jefferson erzwungen zu haben. In dieser Zeit begann auch die «affirmative action» genannte Politik zu greifen, die Schwarzen und anderen benachteiligten Minoritäten unter allgemeiner Zustimmung einen Startvorsprung zu geben versuchte.

Versagende Kontrolle

Mit alledem ist es heute gründlich vorbei. Todd scheint mir in seinem Buch wiederum etwas Nachvollziehbares zu treffen, wenn er – wenn auch mit etwas hirnrissigen anthropologisch-ethnizistischen Herleitungen – von der Entwertung des universalistischen Apriori spricht, das in den USA jahrzehntelang in Geltung war und sowohl die «affirmative action» als auch, zuvor, die Bürgerrechtsbewegung in Schwung gebracht hatte. Drang nach Unterscheidung setzt sich innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft immer stärker durch gegenüber dem Bewusstsein der Gleichheit. Im Unterschied zu ImmigrantInnen früherer Epochen brennen heutige Neuankömmlinge nicht mehr unbedingt darauf, in der Masse von «Amerikanern» schlechthin aufzugehen: Sie wollen etwas von ihrer Herkunft behalten, was sie von anderen unterscheidet, und präsentieren sich vielfach – die ursprüngliche ethnische Bezeichnung kombiniert mit der neuen – als «Bindestrich-Amerikaner». Amerikaner polnischer Herkunft, deren Vorfahren sich von «Kowalski» in «Smith» umbenannten, lassen sich, wie man lesen kann, vermehrt in «Kowalski» zurücktaufen. Ich kenne immigrierte Amerikaner, die jetzt sogar die Koffer packen, weil sie die Bush-USA nicht mehr länger ertragen wollen.

Besteht zwischen derartigen soziokulturellen Verschiebungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und der sichtlich entfesselten, im Angriff auf den quasi wehrlosen Irak gipfelnden US-Aussen- und -Militärpolitik ein Zusammenhang? Ich weiss es nicht. Ich habe lediglich den Eindruck, dass in den USA demokratische Kontrollmechanismen versagen, dass die Transmission zwischen der in manchen Zeitungen und Zeitschriften nach wie vor artikulierten argumentierenden Kritik und der Gesellschaft schwer gestört ist.

Emmanuel Todd hat eine Theorie. Er meint, dass die USA vom Komplex der Nutzlosigkeit heimgesucht sind. Jahrzehntelang während der süssen Zeit des Kalten Krieges daran gewöhnt, von Europa und Japan als militärische Schutzmacht umworben und gebraucht zu werden, können sich die USA seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, sagt Todd, nicht mehr der Einsicht verschliessen, dass sie international zu nicht viel mehr nütze sind, als einerseits – auf Pump – überschüssige Konsumgüterproduktionen anderer Industrienationen abzunehmen und andererseits, dank Dollarkurs, anlagesuchendes ausländisches Kapital aufzusaugen. In der Angst vor drohender Überflüssigkeit liegt für Todd der Schlüssel zur Erklärung der jüngsten irritierenden Windungen und Wendungen der US-amerikanischen Aussenpolitik.

Mag sein oder mag auch nicht sein – solchen politisierenden Spekulationen gegenüber fühle ich mich immer ein wenig hilflos, vor allem dann, wenn sie, wie es bei Todd häufig der Fall ist, mit anderen politikasternden Spekulationen vom Typ Huntington oder Fukuyama in Wettbewerb treten wollen. Ich komme mir da wie ein Ungläubiger vor, der in einem Religionskrieg Partei ergreifen soll. Einiges anfangen kann ich hingegen mit Todds Argument, demzufolge die USA – für zahlreiche Erdenbewohner freilich tödlich ernste – Operettenkriege wie jenen gegen den Irak anzetteln, weil sie der Welt vorführen wollen, dass sie auf einem bestimmten Gebiet noch bombensicher handlungs- und exportfähig sind: dem militärischen.

Kalkuliert ausrastende Supermacht

Als «sowjetische Atomspione» wurde, während der hysterischen McCarthy-Zeit, das linke jüdische Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg verurteilt und 1953 hingerichtet. Berufsmässige Antikommunisten in Amerika wie in Europa waren von so viel amerikanischer Tatkraft damals schwer beeindruckt. Heute wissen wir aus dem Mund früherer sowjetischer Geheimdienstchefs, dass Julius Rosenberg sowjetischen Kontaktpersonen nichts von Bedeutung übermittelt hatte und dass seine Frau überhaupt nicht eingeweiht war; die Hinrichtung der Rosenbergs hat somit als Justizmord zu gelten. Jean-Paul Sartre hatte damals durchaus den richtigen Instinkt, als er angesichts dieser Barbarei ausrief: «Eines Tages vielleicht werden euch alle, die guten Willens sind, von eurer Angst heilen: Wir wünschen es, denn wir haben euch geliebt. Bis dahin dürft ihr euch wundern, wenn wir von einem Ende Europas bis zum anderen rufen: Achtung, Amerika hat die Tollwut. Kappen wir alle Bande, die uns mit ihm verknüpfen, sonst werden wir unsererseits gebissen.»

Wie von Tollwut befallen scheinen auch heute wieder die USA der Bushs und Rumsfelds. Von den Amerika bedrohenden irakischen Massenvernichtungswaffen, die Washington als Kriegsgrund nannte, fehlt bis heute ebenso jede Spur wie von Beweisen des gefährlichen Verrats der Rosenbergs. Die Präsenz des pseudochristlichen Fanatikers John Ashcroft in der Rolle des Justizministers in der Bush-Regierung sowie anderer «lunatics of the far right» (Spinner der extremen Rechten, à la Paul Wolfowitz), wie Colin Powell einmal richtig erkannte, als er noch nicht durch seinen Ministerposten geistig korrumpiert war, lässt eher an eine Patientengruppe als an ein handlungsfähiges Kabinett denken. Doch Vorsicht: Der Irsinn, den dieser Klüngel für den Irak und andere Terrains ausheckt, hat durchaus Methode.

Oliver Fahrnis Analyse, wonach es das Ziel der gegenwärtigen USA ist, «sich den globalisierten Eliten als Gewaltmonopolist anzubieten», vermag ich kaum zu widersprechen, auch wenn ich es gern täte. Denn das ist alles andere als eine gemütliche Aussicht. «Amerikanisch» wäre dieses Imperialismuskonzept in der Tat nicht mehr, wie Fahrni schreibt: Thomas Jefferson, der als Präsident kein stehendes Heer haben wollte, weil er dessen Verselbständigung fürchtete, müsste sich angesichts der gegenwärtig sich unaufhörlich weiter aufrüstenden USA im Grabe herumdrehen. Wenn es einen «Niedergang» gibt, dann ist es vor allem anderen der des «Amerikanischen» an den USA.

Noch zur Clinton-Zeit, 1998, nannte der kluge Intellektuelle Tom Plate in den «Los Angeles Times» die USA eine «muskelstrotzende ausgerastete Supermacht, ausgestattet anstelle des Hirns mit wenig mehr als Cruisemissiles». Im besetzten Bagdad agierten die US-Mili- tärs genau so, wie man das von einem solchen Monstrum erwarten konnte: Sie sahen seelenruhig zu, wie das archäologische Museum mit seinen mesopotamischen Schätzen geplündert und verwüstet wurde, bewachten aber sorgfältig das Erdölministerium. Angesichts dieser ungemütlichen Lage versucht Emmanuel Todd uns mit seinem Essay Trost zu spenden. Er zeigt sich aufgrund ökonomischer Daten überzeugt, dass es mit dem US-amerikanischen Potenzial gar nicht so weit her ist und dass etwas in der Lage ist, die von militärischer Tollwut befallene Bestie vom Potomac River zu zähmen: die russische Militärmacht nämlich.

So beruhigend Todds tröstliche Worte sich auch anhören, ich fürchte, dass sie auch nur ein angstübertönendes Pfeifen im Walde sind. Die Invasion des Irak – die, wie der alte deutsche Emigrant Eric Koch bei einer Diskussion in Montreal gerade unter Beifall sagte, entsprechend der alliierten Nürnberger Rechtsprechung von 1946 als verbrecherischer Angriffskrieg sanktioniert werden müsste – hat uns gerade vorgeführt, dass vorerst keine Macht der Welt und erst recht nicht eine internationale Rechtsordnung eine wild entschlossene US-Regierung daran hindern können, ihre kalkuliert-paranoiden Phantasmen militärisch auszuagieren.

Politisierende «armchair generals», Lehnstuhl-Generäle, wie man hier in Nordamerika Schreibtischstrategen à la Emmanuel Todd nennt, mögen nun Szenarien entwerfen, in denen man eine aufgerüstete und hochmobile europäisch-russisch-chinesische Streitmacht den entfesselten USA in den Arm fallen sieht. Mir fehlt das Talent zu solcher strategisch-fiktionaler Prosa. Mir bleibt deshalb nichts anderes übrig, als zum Schluss diese Mahnung des während der Nazizeit in die USA emigrierten Philosophen Max Horkheimer wiederzugeben: «Dass etwas Macht gewinnt, ist kein Grund, es zu verehren.»

* «Après l’Empire. Essai sur la décomposition du système américain» ist der Originaltitel des im Oktober 2002 bei Gallimard erschienenen Buchs.

** Im Winter 2002/2003 hat Denys Arcand, zum Teil mit den gleichen Schauspielern, unter dem Titel «Les Invasions barbares» eine Art Fortsetzung gedreht, die im Mai in Kanada in die Kinos kommt.

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