Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Mit den Neonazis am Badesee

In ihrem Debüt «1000 Serpentinen Angst» stellt sich Olivia Wenzel den Traumata, die eine Kindheit in Ostdeutschland für eine Nichtweisse so mit sich bringt.

Von Eva Pfister

«Alle wollen ständig mit mir über Rassismus sprechen. Das ist doch nicht meine Lebensaufgabe. – DU HAST DOCH DAVON ANGEFANGEN.»

Dialoge bestimmen weite Teile von Olivia Wenzels erstem Roman. Da sprechen ein Ich und ein Du, tauschen oft die Rollen und sind entweder zwei sehr vertraute Personen – oder zwei Teile eines gespaltenen Ichs. Die 35-jährige Autorin, Musikerin und Performerin hat schon für das Theater geschrieben, aber dieses Gespräch vieldeutiger Stimmen entspricht wohl auch ihrer Existenz, die von mehr als einer Identität geprägt ist.

«Meine Schokokrümel»

Olivia Wenzel ist als «Nichtweisse» 1985 in Weimar geboren, ihr Vater stammt aus dem südlichen Afrika, wie derjenige der Ich-Erzählerin. «Meine Schokokrümel», sagte ihre Oma liebevoll zu ihr und ihrem Bruder, und die erwachsene Enkelin redet sich vergeblich den Mund fusselig, um ihr klarzumachen, wie sehr sie als Nichtweisse in Deutschland mit Rassismus konfrontiert ist.

Einen Monat nach der Buchpremiere von «1000 Serpentinen Angst» gab es Anfang April eine Vorstellung im Internet mit Olivia Wenzel und drei FreundInnen. Auf die Interviewfragen antworteten statt der Autorin abwechselnd zwei junge Männer, einer von ihnen mit asiatischen Wurzeln. Auch in dieser Performance brach die Künstlerin also die Identitätszuschreibung auf, an der sie als schwarze Jugendliche in Weimar gelitten hatte.

Es gab Orte, so lässt sie erzählen, um die sie einen Bogen gemacht habe, etwa das Goethe-Schiller-Denkmal in der Altstadt. Dahinter hätten nämlich oft junge Nazis gelauert, um «Fremde» von der heiligen deutschen Stätte fernzuhalten. Erst in Hildesheim, wo Wenzel Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studierte, entspannte sie sich. Allmählich achtete sie nicht mehr darauf, als Letzte aus dem Bus auszusteigen, um immer mögliche GefährderInnen im Blick zu haben.

Olivia Wenzel selber bezeichnet «1000 Serpentinen Angst» als «Autofiction». Es steckt also viel von ihren eigenen Erfahrungen darin. Falls die Oma der «Schokokrümel» den Roman liest, wird sie begreifen, wie sich der Rassismus im Alltag konkret anfühlt, denn er wird beklemmend anschaulich geschildert. Als die Ich-Erzählerin zum Beispiel mit einem Freund an einem Badesee sitzt, tauchen vier Neonazis auf: «Der grösste und feisteste von ihnen hat ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert. Als sie zu viert so dastehen, beginnen zwei Familien synchron, ihre Sachen einzupacken. Rechter Terror ist: Die Stimmung kippt von jetzt auf gleich, die zwei Familien verziehen sich, es sind nur noch wenige Leute am Badesee. Mein Freund und ich bleiben unbeholfen im Schatten (…)»

Das Schlimme an dieser wie an vielen ähnlichen Situationen ist für die Ich-Erzählerin, dass sie nicht gegen die Neonazis auftreten kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Oft erlebt sie diese Ohnmacht, auch dann, wenn sie auf blankes Unverständnis stösst, wenn sie von ihren Verletzungen spricht.

Der Rassismus ist aber nicht das einzige Thema, das sich durch Wenzels Roman zieht. Die Ich-Erzählerin ist traumatisiert vom Verlust ihrer Familie: Ihr Vater verschwand früh aus ihrem Leben und meldet sich nur sporadisch aus Angola. Die Mutter entzog sich auf andere Weise. Sie ist im Roman sehr präsent und dennoch seltsam ungreifbar – wie ein ständiger, undefinierbarer Schmerz. Auch bei den – seltenen – Begegnungen der beiden gelingt es der Tochter nicht, ihr näherzukommen.

Als Jugendliche war die Mutter ein unangepasstes Punkmädchen, das von einem Leben woanders träumte. Sie kam in Konflikt mit der DDR-Obrigkeit, musste als junge Mutter eine Gefängnisstrafe absitzen und kehrte traumatisiert zurück. Danach überliess sie die Kinder der Oma, einer staatstreuen DDR-Bürgerin, und zog sich zurück.

Zufällig stösst Olivia auf Fotos von ihr. «Susannes Traum» heisst ein besonders schönes Schwarzweissbild, das sie als Fünfzehnjährige mit in steilen Spitzen aufgestelltem Haar und melancholischem Blick zeigt. Der Fotograf schenkt das Bild Olivia, die es fortan mit sich herumträgt wie einen Schatz.

Fragmentarische Erinnerungen

Was aber die schlimmsten Angstzustände der Ich-Erzählerin auslöst, ist der Suizid des Zwillingsbruders. Andeutungen ziehen sich durch den ganzen Roman, Bruchstücke von Erinnerungen, die sich langsam verdeutlichen: «15 minuten bis zur abfahrt meines zugs, genug zeit, um noch einen snack zu kaufen, du passt auf mein gepäck auf. mir ist warm. und dann beschliesst du, nicht mehr auf mein gepäck aufzupassen, und springst vor den zug.»

Die Ich-Erzählerin sucht vergeblich nach Erklärungen für den Suizid des Bruders. Dass auch ihr selbst autodestruktive Tendenzen nicht fremd sind, muss ihre Freundin Kim erfahren, eine junge Frau vietnamesischer Herkunft. Die zerstörerischen Aktionen führen zeitweise sogar zum Bruch zwischen den beiden.

Olivia Wenzels Debütroman ist assoziativ und locker geschrieben, in einer lebendigen und musikalischen Sprache. Manchmal ist er auch witzig, trotz der düsteren Grundierung: das Resultat der Erinnerungsarbeit einer Autorin, die sich ihren Traumata bewundernswert hartnäckig stellt.

Die Autorin tritt am Freitag, 22. Mai 2020, um 13.30 Uhr in einer Literaturwerkstatt auf (ausgebucht).

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