14.10.2004

Die blanke Stadt

Nach einer umstrittenen Nachzählung der Stimmen verhalf Florida bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen George Bush zum Sieg. Wen wählen die Menschen dort heute? Ein Besuch in Jacksonville.

Von Lennart Laberenz

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann nach Jacksonville, Florida, reisen. Jacksonville hat über 700 000 EinwohnerInnen, nach Fläche ist sie die grösste Stadt der USA. Doch am Nachmittag ist die Innenstadt verwaist, zwischen einigen glasverspiegelten Bürotürmen haben ein paar Cafés auf - bis drei Uhr nachmittags. In der Stadt gibt es dreissig Golfanlagen, ein eindeutiger Hinweis auf die Rentnerbrigaden, die hier ihren Lebensabend verbringen. In Jacksonville leben überwiegend Weisse, die Obdachlosen und TagelöhnerInnen sind mehrheitlich schwarz oder Latinos.

Nach einem grossen Brand 1906 und der Eröffnung des landesweit ersten riesigen Einkaufskomplexes in den sechziger Jahren ist das Innenstadtleben verödet. Die Stadt verlor alles Urbane und ist nun eine weit verstreute Siedlung. In einem Café hängen grosse Fotodrucke, die flanierende Menschen vor klassischen Gebäuden in den zwanziger Jahren zeigen. Heute ist Flanieren out: Ohne Auto geht so gut wie nichts, Busse fahren selten, und der Skytrain, eine fahrerlose Hochbahn, die über ein System aus Waschbetonbrücken durch die Innenstadt fährt, hat acht Haltestellen.

Jacksonville, Florida, ist ein trostloser Ort mit blanken Gehwegen. So blank, dass man eine Zigarettenkippe auf der Strasse austreten möchte und hoffen würde, dass sich alle darüber entsetzen mögen. Der Baptistengemeinde gehören in der Innenstadt vierzehn Häuserblocks, sie hat an den Ausgängen ihrer zahlreichen Tiefgaragen einen Warnmechanismus für FussgängerInnen angebracht, es pfeift durchdringend, wenn sich innen ein Auto nähert.

Jacksonville ist eine republikanisch dominierte Stadt in einem «Swing State», einem Bundesstaat, in dem weder die Republikaner noch die Demokraten von einem Sieg ausgehen können. In Florida gewann George Bush die letzten Wahlen mit einem Vorsprung von 547 Stimmen. Später wurde bekannt, dass mehrheitlich demokratische Stimmen nicht gezählt, Menschen an der Wahl gehindert oder Wahlzettel so konstruiert wurden, dass überzeugte DemokratInnen versehentlich rechte Republikaner wählten. Bislang aber waren weder Bush noch John Kerry in Jacksonville.

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Daryl Moricone treffen. Moricone ist 51 Jahre alt, nicht besonders gross und mit Staub bedeckt. Er darf am zweiten November nicht wählen, er wurde zweimal ohne gültigen Führerschein erwischt und ist nun in einem Arbeitsprogramm – an Stelle seiner fünfmonatigen Haftstrafe. Moricone hat einen Job als Bauarbeiter gefunden, muss aber jeden Tag um fünf nach sechs in die städtische Haftanstalt zurück. Kommt er früher oder gibt er nicht genau Auskunft, auf welcher Baustelle sein Boss ihn einsetzt, wird er aus dem Programm genommen und wandert in die geschlossene Abteilung.

Die nächste Mahlzeit

«Mein Boss ist heute nicht gekommen, und wir waren eine Stunde früher fertig. Nun muss ich die Zeit auf der Strasse totschlagen.» Moricone darf kein Gebäude betreten, nicht einmal einen Kaffee trinken. Im Gefängnis gibt es keinen Fernseher, er darf keine Zeitung lesen, nicht rauchen. «Du freust dich immer nur auf die nächste Mahlzeit, sonst gibt es nichts.» Moricone arbeitet auf einer der zahlreichen Baustellen, die Jacksonville für das US-amerikanische Ereignis schlechthin vorbereiten: Im nächsten Jahr wird der Superbowl, das Endspiel der amerikanischen Football-Liga hier ausgetragen. Hunderte Millionen Menschen aus aller Welt werden dann auf Jacksonville schauen. Moricone lebt hier seit dreissig Jahren. Politik interessiert ihn überhaupt nicht. «Mein Leben ist schwer genug, ich habe mit Politik nichts zu tun.» Damit drückt er die Haltung vieler Menschen in Jacksonville, vielleicht sogar der meisten US-AmerikanerInnen aus. Sie scheinen mehrheitlich ihre Wut in sich hineinzufressen – sie wandelt sich zu Sarkasmus und Apathie.

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Sabina Guberac treffen. Guberac wurde vor 39 Jahren in der Gegend von Banja Luca geboren. Aus Bosnien floh sie vor dem Krieg nach Hamburg, dort drohte die Abschiebung, und sie machte sich mit ihrem Mann und Sohn nach Jacksonville auf. Hier leben etliche tausend BosnierInnen. Guberac arbeitet im Büro eines Transportunternehmens sowie an einem kleinen Obst- und Gemüsestand im Einkaufskomplex «Jacksonville Landing» – ein schnell und geschmacklos errichtetes Einkaufsparadies. Das Gebäude streckt sich in einem weiten Halbkreis und blickt auf den St. Johns River, der die Stadt in zwei Hälften trennt. Im «Landing» ist es kühl, und die Luft fühlt sich so künstlich an wie die Geschäfte, die Fressbuden und das Essen, das sie verkaufen. «Ich habe Angst. Jeden Tag hoffe ich, dass ich nicht krank werde, nicht meinen Job verliere. Hier geht es nur um Geld, jeden Tag ausschliesslich um Geld. Das heisst arbeiten, nichts als arbeiten.» Sabina Guberac fühlt sich weder in Jacksonville noch in den USA zuhause. Dennoch hat sie die Papierarbeit für ihre Staatsbürgerschaft schon hinter sich, in diesen Tagen hat sie das entscheidende Interview. «Ich will Kerry wählen, wenn Bush wieder Präsident wird, wäre das eine Katastrophe.»

Wer erfahren will, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Tony Benton treffen. Tony Benton ist 35 Jahre alt und selbständiger Friseur. «Wir Schwarzen sind nicht nur hier in Florida, sondern in den ganzen USA nach wie vor entrechtet. Dies ist das Land der reichen Weissen, und es funktioniert für reiche Weisse.» Benton hat ein einnehmendes Lachen, er ist ein fröhlicher Mensch, auch wenn er zwischen zwanzig leeren Tischen auf der oberen Etage des «Jacksonville Landing» sitzt und die hoffnungslose Situation vieler Schwarzer beschreibt. Er verweist darauf, dass das gegenwärtige Kabinett die reichste Regierung der Welt zusammenbringt, mehr als die Hälfte der Kabinettsmitglieder besitzt über zehn Millionen Dollar. «Mein Kandidat wäre Ralph Nader. Er hat realistischere politische Vorstellungen, aber natürlich werde ich Kerry wählen.»

Bevorzugte Briefwahl

Dieses Mal, so sagt er weiter, «wird es schwierig, einen Wahlbetrug hier in Florida zu organisieren, schliesslich schaut die ganze Welt zu». Er stockt, lacht von neuem und fügt an, «aber wenn sie wollen, können sie das wohl wieder hinbekommen. Dafür sorgen schon die elektronischen Wählmaschinen.» Nachdem bekannt geworden war, dass der elektronische Wahlvorgang sehr leicht manipulierbar ist, die einzelnen Stimmen kaum nachgezählt werden können und die Softwareprogramme von einer Firma erarbeitet wurden, die Millionen in die Wahlkampagne von Präsident Bush leitete, entscheiden sich mehr und mehr Menschen in Florida für eine Briefwahl. Auch Tony Benton wird das tun, «aber mir ist klar, dass meine Stimme keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hat. Die Regierung wird damit verfahren, wie es ihr gefällt.»

Am Abend spielt die Musikerin Ani DiFranco in Jacksonville. Es ist ihre erste Station auf einer Tour durch die östlichen Swingstates. «Viele Linke, viele Progressive wählen gar nicht, das wollen wir mit dieser Tour ändern», sagt sie. Der demokratische Kandidat werde das System nicht ändern, «aber für viele Menschen in den Todeszellen, für Frauen, die abtreiben wollen, für Menschen in den Sozialfürsorgen oder der Armee markiert Gore den entscheidenden Unterschied». Heisst der Kandidat nicht Kerry? Sie bricht in ein raumfüllendes Gelächter aus: «Ach richtig. Der andere eben, nicht Bush!»

Wer erfahren will, wie sich das konservative Mehrheitsgefühl anfühlt, kann David Snyder treffen. Snyder ist mit 61 Jahren Besitzer einer kleinen Baufirma. Er koordiniert gegenwärtig Arbeiten auf drei Baustellen, mit denen sich die Stadt für den Superbowl aufbürstet. Sein weisses Haar ist ordentlich gestutzt, genau wie sein weisser Seemansbart. Er trägt kurze, hellbeige Hosen und ein blassblaues Polohemd. Alles an ihm wirkt gepflegt und spiessig. «George Bush ist ein hervorragender Präsident. Er hat Stärke und Durchsetzungskraft.» Über seinem Gürtel staut sich ein gewaltiger Bauch, den er hinter dem Lenkrad einer unförmigen, geländegängigen Limousine unterbringt. Dieses so genannte Sports Utility Vehicle verbraucht knapp dreissig Liter Sprit auf hundert Kilometer. Snyder hat zwei von diesen Autos, er hat ein Wochenendhaus, ein Motorboot, und für den Rasen hinter seinem Haus braucht er einen kleinen Trecker.

Im Leben von David Snyder ist viel Platz, um über die zu schimpfen, die am unteren Ende der sozialen Hierarchie leben müssen. «Drogensüchtig sind die und faul», sagt er. Auf seinen Wangen werden kleine Adern dicht unter der Haut mit Blut geflutet. Der Liberalismus habe das Land auf seine Knie gezwungen, vom rechten Weg abgebracht, damit müsse Schluss sein. Snyder ruft Gott zum Zeugen auf, wenn die Rede auf Homosexualität kommt, «abartig» sei das. Einen gerechten Krieg fechte man im Irak, «und natürlich müssen wir unsere Ölversorgung sichern». Mit seiner jüngsten Tochter hat er Probleme, «sie will Ralph Nader wählen». Aus seinem Mund klingt das wie eine persönliche Beleidigung.

Am Abend wird Ani DiFranco zum Abschluss des Konzerts ein Gedicht vortragen. Es fängt mit einer Liebeserklärung an: «Ich liebe mein Land, damit meine ich, dass ich mit Freude bei all jenen Menschen entlang der Geschichte in der Schuld stehe, die die Regierung bekämpften, damit sie das Richtige tue.» Während des Konzerts im Florida-Theater, einem wunderbaren Art-Deco-Gebäude von 1926, stehen zwei der mehrheitlich jungen Mädchen in den Sitzreihen und wollen tanzen. Auf die drängenden Ordner hören sie nicht, von hinten brüllt sie eine Altersgenossin an: «Ich habe nicht fünfunddreissig Dollar gezahlt, um eure Rücken zu sehen.» Die beiden tanzten tapfer noch ein halbes Lied weiter.

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