07.10.2004

Wen wählen die AraberInnen?

Der US-arabische Bürgerrechtler Imad Hamad zu den Auswirkungen des 11. September 2001 und der bevorstehenden Präsidentschaftswahl.

Interview: Daniel Stern

WOZ: Der Grossraum Detroit hat die höchste Dichte an US-AraberInnen. Wieso ausgerechnet hier?
Imad Hamad: Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten die Autohersteller aus Detroit nach billigen Arbeitskräften. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit besonders auf Jemen und den Libanon. Für die Leute aus diesen Regionen war es eine grosse Chance, hierher zu kommen. Die Autofirmen andererseits zahlten ihnen gerade mal die Hälfte des Lohnes eines US-Arbeiters, machten also ein gutes Geschäft. Die arabischen Immigranten kamen ursprünglich mit der Absicht, nach einigen Jahren zurückzukehren. Mit der Zeit liessen sie aber ihre Familien nachziehen. Dabei lag es auf der Hand, dass sie in den Gegenden um die Autofabriken blieben; dort, wo schon andere arabischstämmige Menschen wohnten. Hier konnten sie ihre Muttersprache sprechen, sich in arabischen Cafés treffen, in der arabischen Bäckerei einkaufen und auch in entsprechende Kirchen und Moscheen gehen. Mit der Zeit zogen aus diesen Gründen auch arabischstämmige Menschen aus anderen Gegenden der USA hierher.

Sind die US-AraberInnen heute in der Gesellschaft integriert?
Ja. Inzwischen haben drei Millionen US-Bürger arabische Wurzeln. Die Mehrheit davon ist übrigens christlichen Glaubens. In allen Sektoren des Berufslebens finden Sie Menschen mit arabischen Wurzeln, selbst in der Film- und Musikindustrie. Doch es war nicht einfach, diesen Platz in der US-Gesellschaft zu erringen.

Was hat sich für Ihre Community nach dem 11. September 2001 verändert?
Das Leben aller US-AmerikanerInnen hat sich verändert. Allerdings haben wir uns plötzlich ausgeschlossen gesehen von der US-Gesellschaft. Ein Gefühl der Angst breitete sich aus. Wir fragten uns, was wird wohl als Nächstes passieren. Werden wir wie die US-Japaner während des Zweiten Weltkrieges interniert werden? Bestens integrierte Menschen dachten darüber nach, in ihr Ursprungsland zurückzukehren. Das Gefühl von Sicherheit, Aufgehobenheit und Stabilität fiel völlig auseinander. Viele schickten ihre Kinder nicht mehr zur Schule. Es kam zudem in fast allen Bereichen zu Diskriminierungen. Beschäftigte, die seit zehn und mehr Jahren in derselben Firma arbeiteten und angesehen waren, wurden plötzlich zum Management zitiert und ausgefragt. Man klopfte sie auf ihre Loyalität hin ab. Kollegen oder Vorgesetzte kontrollierten, wo sie ihr Auto parkierten oder öffneten in ihrer Abwesenheit Schränke und Schubladen. In Firmen, in denen den Muslimen das Gebet am Arbeitsplatz jahrelang erlaubt war, wurde es von einem Tag auf den anderen verboten. Arabern wurde am Arbeitsplatz untersagt, in ihrer Muttersprache zu reden – man wisse in diesen Tagen nicht, was das bedeuten könne, hiess es dazu.

Was macht Ihre Bürgerrechtsorganisation in solchen Fällen?
Wir tolerieren Diskriminierungen unter keinen Umständen. Da gibt es für uns null Toleranz. Wir suchen zuerst immer das Gespräch, aber wenn jemand nicht einsichtig ist, so gehen wir vor Gericht. Wer diskriminiert, soll dafür bezahlen, so viel wie möglich.

Wie haben Sie sich gegenüber den Befragungen der Bundespolizei FBI nach dem 11. September verhalten?
FBI-Agenten gingen in vielen Staaten von Tür zu Tür, um US-Araber zu befragen. Sie wollten wissen, wer Araber kennt, die als Studenten oder Besucher ins Land eingereist sind. Viele Betroffene hat das irritiert, und in den Quartieren entstanden Gerüchte. Hier im Bundesstaat Michigan haben wir erreicht, dass die Befragungen nur schriftlich durchgeführt wurden. Wir machten auch allen klar, dass die Teilnahme daran freiwillig ist. Trotz unserem Unwillen gegen diese rassistische Form der Erfassung riefen wir unsere Leute dazu auf, mit dem FBI zu kooperieren.

Bei der kommenden Präsidentschaftswahl sind die US-Araber ein wichtiger Faktor …
Michigan, Ohio und Florida sind hart umkämpfte Bundesstaaten, und in allen dreien gibt es eine grosse Konzentration von arabischstämmigen US-Bürgern. Ja, wir sind da wirklich ein Faktor. Wir haben eine breit angelegte Wahlregistrierungskampagne lanciert. Bei der Wahl selber werden wir auch aktiv sein. Wir gehen von Tür zu Tür und fragen unsere Leute, ob sie schon gewählt haben. Früher war für die US-Araber die US-Politik im Nahen Osten das wichtigste Thema. Aus diesem Grunde hat beispielsweise die Mehrheit unserer Community bei den letzten Wahlen George Bush gewählt. Man dachte, Bush könne den Friedensprozess in der Region wirklich voranbringen und den arabisch-israelischen Konflikt beenden.

Bei diesen Wahlen beobachten wir, wie George Bush und sein Herausforderer John Kerry darum wetteifern, wer Israel mehr unterstützt, um die Stimmen der jüdischen Gemeinde zu erhalten. John Kerry ist wohl noch israelfreundlicher als Bush. Doch dieses Mal sind für unsere Community auch andere Themen wichtig: die Bürgerrechte, aber auch die Wirtschaft, das Gesundheits- und Bildungswesen.

Ist es für US-Araber eine Option, den arabischstämmigen Ralph Nader zu wählen?
Letztes Mal haben viele Nader gewählt. Einerseits weil sie stolz sind, dass einer von ihnen es bis zum Präsidentschaftskandidaten geschafft hat. Ausserdem sind viele auch über das jetzige Zweiparteiensystem frustriert. Sie sehen kaum Unterschiede zwischen den Republikanern und den Demokraten. Doch mir ist klar, jede Stimme für Nader nützt letztlich George Bush.

Sie haben kürzlich John Kerry getroffen, was haben Sie ihm gesagt?
Ich fragte ihn, wieso er in der Nahostpolitik auf der Seite von George Bush war. Ich wollte auch wissen, ob er den Patriot Act, also die Gesetze, welche nach dem 11. September von Bush erlassen worden sind und die Bürger mehr überwachen, beibehalten werde. Ich sagte ihm, er könne nicht selbstverständlich mit dem arabischen Stimmenpotenzial rechnen.

Wie hat er reagiert?
Er sagte, wir sollen ihm vertrauen, er wolle den Frieden, er wisse, wie dieser zu erreichen sei. Ich hatte das Gefühl, dass er unseren Sorgen um die Bürgerrechte Aufmerksamkeit schenkt.

Ihre Organisation ist ja auch aussenpolitisch aktiv und mischt sich im Nahostkonflikt ein. Sie haben dieses Jahr schon verschiedene arabische Staaten besucht, was versuchten Sie dort zu erreichen?
Wir verstehen uns als Friedensbotschafter und Brückenbauer. Wir wollen das bessere Verstehen zwischen den beiden Seiten fördern. Wir waren in Jordanien, Syrien, Libanon und Katar und haben dort sowohl mit den jeweiligen Staatsoberhäuptern wie auch den Aussenministern und Vertretern der Gesellschaft gesprochen. Wir legten unsere Sicht der Dinge als US-Araber dar; unsere Kritik an der US-Politik, aber auch unsere Erwartungen an die arabischen Staaten für mehr Öffnung und Demokratie. Es ist kein leichter Job. Sie werden gefragt, ob sie Araber sind oder Amerikaner und man unterstellt uns, die US-Propaganda zu verkaufen.

In Ihrem Büro wimmelt es von US-Fahnen. Wie fühlen Sie, wenn Sie im Fernsehen sehen, wie DemonstrantInnen in arabischen Staaten US-Flaggen verbrennen?
Ich bin kein Fan von solchen Ausdrucksformen. Es gibt bessere Arten, seinen Protest auszudrücken. Angesichts der Hilflosigkeit, den Frustrationen gegenüber der Supermacht USA, die direkt in das Leben der Einzelnen in den arabischen Staaten eingreift, ist das jedoch ein starkes Signal. Aber, die Flagge repräsentiert die nationale Integrität und die Werte der Nation. Mit der Regierung hat die Flagge nichts zu tun.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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