Hundeleben : Heulen und beissen
Hunde, die bellen, beissen nicht, heisst es. Aber darauf darf man sich nicht verlassen.
Es gibt Verteidigungs- und Abwehrbellen, es gibt Angstbellen, Langeweilebellen, Stressbellen, Happinessbellen, Jagdbellen. Und dann gibt es Hunde, die nie bellen – wie Neelix. Wölfe bellen eigentlich auch nie. Sie heulen vor allem. Das hat auch Neelix getan. Er heulte, wenn ein Krankenwagen mit Sirene vorbeifuhr, wenn die Kirchenglocken läuteten, wenn bestimmte Stücke auf dem Klavier gespielt wurden.
Neelix ist der kleinste Hund, den ich je hatte. Etwa zehn Kilogramm schwer – gerade kein Schosshund mehr. Aber ein Hund, in dem überraschend viel Wolf steckt. Ein gemächliches Tier, selten aufgeregt. Nachts im Wald verwandelte er sich in ein Raubtier. Er wuchs um zwei, drei Zentimeter, jeder Muskel gespannt, bereit, loszupreschen. Er konnte nicht, weil er an der Leine war. Er hatte es aber wirklich drauf.
Neelix bellte zwar nie, aber konnte töten: Man ging nichtsahnend mit ihm durch den Wald, zack – eine blitzschnelle Bewegung aus dem Nichts. Es knirschte, knackte zwischen seinen Zähnen. Die Maus war tot. Ein Brüllen meinerseits. Erschrocken gab er die Maus her, sie blieb am Wegesrand liegen. So schnell geht das.
Da lebt etwas Wildes in Hunden, das sich aus dem Nichts entfaltet. Beherzt zubeissen gehört dazu. Einfach so beissen sie aber nie. Entweder jagen sie, verteidigen ihr Revier, oder sie tun es aus Angst. Die meisten bellen oder knurren vorher.
Hundeaffine erkennen am Gebaren, wie der Hund drauf ist. Hunde tun selten etwas, was sie nicht vorher angekündigt haben. Das hilft wenig, wenn die Menschen es nicht verstehen. Damit sind nicht jene gemeint, die sich vor Hunden fürchten. Ihnen hilft es, Hunde lesen zu können – aber es ist nicht ihre Pflicht. Das ist der Job der Hundehaltenden, die leider immer mal wieder versagen.
Wie oft in der Schweiz Hunde zubeissen, weiss man allerdings nicht. Es gibt zwar eine Pflicht, Hundebisse zu melden. Das Bundesamt für Statistik sammelt die Daten jedoch nicht. Die Kantone seien dafür zuständig, lässt das Bundesamt verlauten. Geschätzt dürfte es schweizweit jährlich zu 10 000 sogenannten Beissvorfällen kommen.
Neelix lässt inzwischen die Mäuse in Ruhe. Aus Einsicht? Nein, das Alter hat zugeschlagen. Seine Reflexe sind dahin. Zähne hat er auch fast keine mehr. Ansonsten ist er ein fitter, fröhlicher Hundemethusalem.
Unsere Redaktorin Susan Boos hält seit über vier Jahrzehnten Hunde. In ihrer neuen Kolumne schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch auf woz.ch.