Hundeleben : Das Nationaltier

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Es gibt sogenannte Nationalhunde: In Deutschland hat der Deutsche Schäferhund das Amt inne. In der Schweiz trägt der Bernhardiner, der Koloss mit dem Schnapsfässchen um den Hals, den Titel. Zucht und Nationalismus ist eine abgründige Mischung. Die Nazis liebten den Deutschen Schäferhund. Adolf Hitler hatte seine Blondi und war Ehrenmitglied des Vereins für Deutsche Schäferhunde, doch davon ein anderes Mal. Jetzt soll es um den St.-Bernhards-Hund gehen.

Lidl wirbt aktuell kräftig mit dem Tier. Das tönt dann so: «Für ‹Qualité Suisse› suchten wir ein Symbol, das Vertrauen, Verbundenheit, Tradition und Heimatgefühl perfekt vereint. Unsere Wahl fiel deshalb auf ein Schweizer Original: den Bernhardiner. Er diente seit dem 17. Jahrhundert auf dem Grossen St. Bernhard als Schutz- und Rettungshund.» Weiter heisst es, «unser liebenswerter, zotteliger Markenbotschafter ‹Bernie›» passe perfekt – «als Zeichen für die garantierte Schweizer Herkunft und Qualität in jedem Produkt». Der Nationalhund als Metapher für den Charakter eines Landes ist eine beliebte Denkfigur. Das Schweizerischsein mit dem Bernhardiner zu erklären, hat was Lustiges: tolpatschig, zottelig, träge.

Wie aber kam der Bernhardiner zum Titel «Nationalhund»? Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat dazu auf seiner Website einen Beitrag aufgeschaltet: «Der Bernhardiner: eine alpine Erfolgsgeschichte». Darin heisst es, alles habe im 11. Jahrhundert mit der Gründung des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard begonnen. Der Pass verbindet das Wallis mit dem Aostatal.

Zum Nationalhund wurde der Hund allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts. 1884 wurde das Schweizerische Hundestammbuch eröffnet. «In ihm sind Rassehunde und ihre Abstammung eingetragen. Die allererste Eintragung war der Bernhardiner Léon, und auch die nächsten 28 Eintragungen betrafen Bernhardiner», schreibt das EDA. Damals begann die Hochblüte der Hundezucht. In sogenannten Standards wurde festgeschrieben, wie Rassehunde auszusehen hatten. Nur die Hunde, die diese Kriterien erfüllten, bekamen Papiere und galten als «rassenrein». So ist das heute noch.

Die Rassestandards führten aber dazu, dass die heutigen Rassehunde ganz anders aussehen als ihre Urmütter und -väter, weil man besondere Merkmale besonders hervorheben wollte. Der heutige Bernhardiner hat das Format eines Shetlandponys, Rüden können über hundert Kilo wiegen. Der echte Barry (1800–1814), der auf dem St.-Bernhard-Pass bei den Mönchen lebte, war ein ganz anderer Hund. Kleiner, leichter, geländegängig – ein agiler Hund, der in der Lage war, in Lawinen nach Menschen zu suchen. Er soll verbürgt vierzig Menschen gerettet haben. Der heutige Bernhardiner könnte das nie. Dafür ist er zu schwer, zu ungelenk. Er hat oft diverse Gebrechen. Das ist typisch bei übergross gezüchteten Hunden. Der alte Barry war besser dran. Er sah zwar nicht exzeptionell aus, dafür war er robust und gesund. Übrigens ist das Fässli um den Hals Legende. Barry brachte den Verschütteten keinen Schnaps, das wäre auch nicht klug gewesen, weil Alkohol die Blutgefässe erweitert und die Unterkühlung beschleunigt.

Unseres Redaktorin Susan Boos hält seit über vier Jahrzehnten Hunde. In ihrer neuen Kolumne schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch auf woz.ch.