01.03.2001

Angst vor dem Frühling

Andreas Ernst, Skopje

Eigentlich sähe es in Mazedonien gar nicht so schlecht aus. Die Regierungskoalition hat ihre jüngste Krise unbeschadet überstanden. Die Lokalwahlen vom September, bei denen es im Dörfchen Vranjovce zu einer Schlägerei um Stimmen für eine albanische Partei gekommen war, sind vergessen; von der achten und letzten Wahlrunde am 21. Januar in Vranjovce hat niemand mehr Kenntnis genommen. Die Wirtschaftsdaten sind besser geworden: Der Anstieg des Bruttoinlandproduktes hat sich gegenüber dem Vorjahr verfünffacht, die Inflation ist unter Kontrolle. Nur die Arbeitslosigkeit liegt immer noch in der Nähe von 40 Prozent.
Auch für die Integration der albanischen Minderheit, die rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmacht, wurde einiges getan: Anfang Februar legte Premier Ljubco Georgievski den Grundstein für eine (europäisch finanzierte) albanischsprachige Universität, welche das ungenügende Hochschulangebot deutlich verbessern wird. Und mit der Anerkennung der Diplome der Universität der albanischen Hauptstadt Tirana hat die mazedonische Regierung am vergangenen Wochenende einen langen und fruchtlosen Streit beendet. Albanische Politiker besetzen wichtige Posten in der Koalitionsregierung, den des Wirtschaftsministers und des Vize-Ministerpräsidenten. Und mit dem politischen Wechsel in Belgrad und dem Sieg der Gemässigten bei den Lokalwahlen im Kosovo sieht auch die Nachbarschaft wieder etwas freundlicher aus.
Wirkliche OptimistInnen findet man zwar kaum in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Aber die Gewaltwelle, die seit einigen Wochen Südserbien und Kosovo heimsucht, hat selbst die krisengewohnten MazedonierInnen überrascht. Seit sich Gewalttaten auch in Mazedonien häufen, haben viele Angst vor einer weiteren Eskalation mit Beginn der warmen Jahreszeit. Denn was geschieht, sind keine Bagatellen: Ende Januar wurde bei einem Raketenangriff auf einen Polizeiposten in Tearce, im Nordwesten des Landes, ein Polizist getötet. Wenig später schossen Unbekannte in der Nähe der westmazedonischen Stadt Kicevo auf einen fahrenden Zug, und eine Serie von Bombendrohungen erschreckte die Menschen in Skopje. Innerhalb der letzten Woche kam es in Tanusevci, einem Dorf an der Grenze zu Kosovo, zweimal zu Gefechten zwischen der Armee und einer albanischen Guerilla. Am vergangenen Montag wurden dabei neben automatischen Waffen auch Minenwerfer eingesetzt. Kurz vor dem Überfall habe die internationale Kosovostreitmacht Kfor eine Kolonne von etwa hundert Mann auf dem Marsch nach Tanusevci beobachtet, heisst es bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Skopje. Das Gefecht habe drei Stunden gedauert. Berichte über Opfer gibt es bisher nicht.

Wer steckt dahinter?
Weshalb diese Zuspitzung in einem politischen Umfeld, das eigentlich besser denn je ist? Im Moment ist vieles noch unklar. Die Polizei hat Personen festgenommen, die sie des Angriffs auf den Polizeiposten verdächtigt. Einer soll in Untersuchungshaft schwer misshandelt worden sein, aber über die Motive des Anschlags erfährt die Öffentlichkeit nichts. Auch Zahl und Herkunft der Guerilla und ihre Kommandostruktur liegen noch im Dunkeln. Die Angaben schwanken zwischen ein paar Dutzend und 600 Mann. Im vergangenen Juni hatte der Privatsender A1-TV berichtet, er besitze die Kopie eines Berichts der militärischen Abwehr, der die Existenz einer «Albanischen Nationalarmee» beweise. Kurz zuvor war beim Grenzübergang in Dolno Blace, zehn Kilometer vom Ort des jüngsten Zwischenfalls entfernt, eine mazedonische Grenzpatrouille unter Feuer genommen worden. Der ehemalige Innenminister Pavle Trajanov hat seitdem wiederholt erklärt, es gebe im ganzen Land Munitionsdepots und im Grenzgebiet zu Kosovo und Albanien Trainingslager, in denen eine Guerilla ausgebildet werde. Regierungssprecher haben das regelmässig dementiert. Aber es gibt ernst zu nehmende Hinweise, dass sich Bewaffnete seit längerem unbehelligt im gebirgigen Grenzgebiet bewegen.
Es ist wahrscheinlich, dass sich diese «Nationalarmee» wie auch die «Befreiungsarmee für Presevo, Bujanovac und Medvedja» (UCPMB) im 25 Kilometer entfernten südserbischen Presevo-Tal aus ehemaligen UCK-Kämpfern zusammensetzt, die durch lokale Jugendliche verstärkt werden. Deren Rekrutierung wäre in diesen ärmlichen und abgelegenen Flecken kein Problem. Unklar ist, ob die Ex-UCK-Kämpfer noch ihrem ehemaligen Kommandanten Hashim Thaci unterstehen, der jetzt die PDK, die zweitgrösste Partei Kosovos, führt. Aber zweifellos müssen die Drahtzieher dieser Entwicklung in den Kreisen gesucht werden, denen wegen der Rückkehr der gemässigten Kräfte in Gestalt von Ibrahim Rugovas LDK im Kosovo die Felle davonzuschwimmen drohen. Thaci ist diesbezüglich nur eine, wenn auch die mächtigste Figur.

Gewalttaten verurteilt
Die albanischen Parteien in Mazedonien haben die terroristischen Aktivitäten und die Übergriffe schnell und einhellig verurteilt. Mit gutem Grund. Vor allem Arben Xhaveris «Demokratische Partei der Albaner» (DPA) hat gezeigt, dass durch geschicktes Taktieren und beharrliche Arbeit einiges für die Gefolgschaft getan werden kann. Davon haben aber nicht alle AlbanerInnen gleichermassen profitiert. Und so entsteht zurzeit neben der kriselnden «Partei der Demokratischen Prosperität» (PDP) eine dritte albanische Partei, an deren Spitze mit Fadil Bajrami und Kastriot Haxhirexha ehemalige politische Gefangene stehen. Über ihr Programm ist noch wenig bekannt, aber der Ton der Auseinandersetzung zwischen den Ethnien in Mazedonien wird sich verschärfen, wenn diese Partei das politische Parkett betritt.
Die mazedonische Regierung appelliert, ähnlich wie die jugoslawische, an die «internationale Gemeinschaft». Sie fordert die Kfor auf, die Grenze endlich wirkungsvoll zu sichern. Die serbische Regierung hat einen vernünftigen Friedensplan für das Presevo-Tal vorgelegt, der eine Integration der AlbanerInnen Südserbiens in das politische System und wirtschaftliche Hilfe vorsieht, während die albanische Seite noch immer um die Zusammensetzung der Verhandlungsdelegation ringt. Brüssel und Washington haben den Plan zwar gutgeheissen. Doch die Kfor, die sich mit ihrem Einmarsch in den Kosovo als militärische Schlüsselmacht in der Region festgesetzt hat und dementsprechend Verantwortung trägt, will keine eigenen Verluste riskieren und hält sich nach wie vor den albanischen Extremisten gegenüber zurück. Die Zeche zahlt einmal mehr die Bevölkerung.

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