12.02.2004

Journale zu Servern!

Wissenschaftliche Fachzeitschriften sind teuer, für manche zu teuer. Internet-Gratisjournale könnten das ändern – und hätten erst noch erfreuliche Nebenwirkungen.

Von Niels Boeing

«Das Internet verändert alles.» Wie oft haben wir den Satz in den Neunzigern gehört. Heute erntet ein müdes Lächeln, wer noch allen Ernstes den Begriff der «Informationsrevolution» in den Mund nimmt. Bis auf die durch massenhaftes Runterladen gebeutelte Musikindustrie scheint alles erstaunlich vertraut geblieben zu sein. Die Ruhe täuscht. Nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit findet eine Umwälzung von enormer Tragweite statt: Die Open-Access-Bewegung, die erst durch das Internet möglich wurde, ist im Begriff, das über 300 Jahre alte System der wissenschaftlichen Journale zu ändern – und damit die neuzeitliche westliche Wissenschaft selbst.

Als die Royal Society of London 1665 mit den «Philosophical Transactions» eines der ersten Wissenschaftsjournale überhaupt herausbrachte, war die Erkenntnis dessen, was die Welt im Inners­ten zusammenhält, das Unterfangen eines überschaubaren Zirkels europäischer Gelehrter. Seit jenen Tagen hat sich der Forschungsbetrieb zu einer regelrechten Industrie ausgewachsen. Ihr Output wird in kostenpflichtigen Publikationen akribisch dokumentiert: Rund 24000 Journale haben im vergangenen Jahr 2,5 Millionen Artikel veröffentlicht, und jeden Monat kommen weitere für neue Unterdisziplinen hinzu.

Eindrücklich sind auch die Preise, die die Verlage von den ForscherInnen verlangen, damit diese die Geistesfrüchte ihrer KollegInnen studieren können. Der Bezug der wöchentlich erscheinenden «Tetrahedron Letters» etwa kostet 9850 Euro im Jahr. Schliesslich, so rechtfertigen sich die Verlage, müssen die wissenschaftlichen Aufsätze von Redaktoren bearbeitet, an ExpertInnen verschickt und von diesen geprüft werden. Die Auflagen sind im Vergleich zu allgemeinen Medien gering, die Produktion aufwendig. Das altehrwürdige Sys­tem kostet Geld – immer mehr Geld: Die Bibliothek der ETH Zürich rechnet mit einer jährlichen Preissteigerung von acht bis zehn Prozent.

Zitieren statt lesen

Dass angesichts solcher Preise nur wenige Universitäten ausserhalb der industrialisierten Welt daran teilhaben können, verwundert nicht. Doch längst knicken auch Hochschulen in reichen Ländern unter der Last der Subskription ein. «Wir müssen laufend wichtige Titel abbestellen», klagt eine Mitarbeiterin der Universitätsbibliothek an der TU Berlin.

Zwar ist der Ausstoss dieses gewaltigen, dem Fortschritt gewidmeten Publikationssystems beeindruckend. Doch die Nebenwirkungen sind auch nicht zu verachten. In einer Kultur, der Zählen und Messen über alles geht, sind die Anzahl der Veröffentlichungen pro Jahr und das Zitiertwerden mindestens so wichtig für die Karriere wie der Inhalt. Die berüchtigte Maxime «Publish or perish» – publiziere oder verrecke – treibt dabei mitunter bizarre Blüten. Wo früher ein Artikel genügt hätte, zerlegt man ihn schon mal in zwei, drei Teile. Im ers­ten präsentiert man die Grundlagen, angereichert um eine eigene Einschätzung, und verweist auf die Ergebnisse «in einem demnächst erscheinenden Paper». Wer Eindruck machen will, schafft es mit diesen und anderen ­Tricks auf achtzig Artikel in zwei Jahren.

Bei einem derart hohen Ausstoss ist die Scientific Community schon mal überfordert. Den GutachterInnen fallen gefälschte Messkurven ebenso wenig auf wie den LeserInnen – wenn es denn welche gibt. Zwar gehört das Zitieren der Arbeit von KollegInnen zum Einmal­eins der Wissenschaft. Aber es wird, wie eine statistische Untersuchung der University of California Los Angeles 2002 zeigte, gerne zitiert, ohne dass der Zitierende die entsprechende Publikation wirklich studiert hat. Die beiden Autoren der Studie schätzen, dass nicht einmal ein Viertel der zitierten Quellen gelesen wird.

Andererseits bietet das System der Gutachter, die so genannte Peer-Review, auch in seiner heutigen Professionalität keine Gewähr, dass bahnbrechende Neuigkeiten erkannt und veröffentlicht werden. Ein Artikel von Gerd Binnig und Heinrich Rohrer vom IBM-Forschungsinstitut Rüschlikon über ihr gerade erfundenes Rastertunnelmikroskop wurde 1981 mit der Begründung zurückgewiesen: «In dieser Arbeit fehlt im Grunde jegliche konzeptionelle Dis­kussion, ganz zu schweigen von einer konzeptionellen Neuigkeit» – 1986 bekamen sie dafür den Physik-Nobelpreis. Das Rastertunnelmikroskop war das ers­te Werkzeug der damals noch jungen Nanotechnik.

Dass ihr Artikel zunächst durchfiel, liegt auch daran, dass sich in den überschaubaren Unterdisziplinen mit ihren je eigenen Journalen schnell Gruppen und Fraktionen bilden, die bestimmte Forschungsansätze vertreten und anderen skeptisch gegenüberstehen. «Das Peer-Review-System ist relativ schwerfällig darin, Neues zu erkennen», sagt Urs Schoepflin vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.

Die saftigen Preise und die bizarren Nebenwirkungen hätte die Wissenschaftsgemeinde wohl zähneknirschend hinnehmen müssen – wäre da nicht plötzlich das Internet gewesen. Bereits 1991 hatte Paul Ginsparg am Los Alamos National Laboratory einen «Eprint Server» eingerichtet, auf dem Physiker ihre Arbeiten der Community vorab als Dateien zur Verfügung stellen konnten. Das «Arxive» war geboren und damit die Idee eines weltweiten offenen Zugangs («open access») für alle Interessierten mit Internetverbindung. Während sich die neue Publikationsplattform bei Physikern, Mathematikerinnen und Informatikern, die das Netz schon früh nutzten, bald grosser Beliebtheit erfreute, blieben andere Wissenschaftszweige zunächst skeptisch. Gerade in den Humanwissenschaften argwöhnte man, dass ein Open-Access-Modell wissenschaftlichem Schrott Tür und Tor öffne. In der Medizin könne es fatale Folgen haben, wenn fachlich ungeprüfte Theorien in die Praxis einsickern würden, lautete das Standardargument.

Post-Gutenberg-Ära

Die Explosion der Subskriptionspreise brachte schliesslich auch in den Human-, Geistes- und Sozialwissenschaften das Fass zum Überlaufen. Warum sollten sich Verlage eine goldene Nase an den Erkenntnissen anderer verdienen? «In der Gutenberg-Ära waren Subskriptionen der einzige Weg, die Kos­ten einer Papierpublikation wieder hereinzuholen», sagt Stevan Harnad von der Universität Southampton, der 1999 die Openarchives-Initiative startete. «In der Nach-Gutenberg-, der Online-Ära, gilt das nicht mehr.» Der Betrieb des Arxive-Servers etwa kostet jährlich 300 000 Dollar und wird von mehreren US-Institutionen finanziert. Längst wird auch das Recht der Verlage, der Wissenschaft ihre eigenen Werke zurückzuverkaufen, grundsätzlich infrage gestellt: «Freier Zugang ist ein öffentliches Gut – ein Grossteil der Forschung wird schliesslich öffentlich finanziert», sagen Pritpal Tamber, Fiona Godlee und Peter Newmark von BioMedCentral.

Das in London ansässige BioMedCentral arbeitet seit 2000 als Open-­Access-Verlag für humanwissenschaftliche Forschungsarbeiten. Der vorläufige Höhepunkt war schliesslich der medienwirksam inszenierte Start des offenen Journals «PLoS Biology» der amerikanischen Public Library of Science im Oktober 2003. Inzwischen publizieren etwa tausend Journale mit offenem Zugang.

Vielfalt fördern

Stevan Harnad geht davon aus, dass in einigen Jahren die Barrieren ganz gefallen sein werden. Zwar würden nicht alle Journale auf Open Access umsteigen, aber die in ihnen veröffentlichten Artikel würden von den AutorInnen parallel in Online-Archiven angeboten. Entscheidend ist nun, dass alle Institutionen, die Forschungsgelder bewilligen, die Publikation in offenen Journalen akzeptieren und deren Betreiber­Innen dieselben «Druckkostenzuschüsse» gewähren.

Die Wissenschaft kann von der neuen Bewegung nur profitieren. Weil die offenen Journale sich ihr Geld nun von den AutorInnen holen, wird strategisch publizierenden VielschreiberInnen automatisch ein Riegel vorgeschoben. Zwischen einigen hundert und 1500 Dollar kostet die Prüfung und Aufbereitung ihres Papers – aber nur, wenn es zur Veröffentlichung kommt.

Dass offenes Publizieren schlechtere Qualität bedeute, lässt sich auch widerlegen. «Unsere Qualität wird inzwischen höher als die von anderen Journalen eingestuft», sagt Günter Mey von der TU Berlin, einer der Gründer des Forums Qualitative Sozialwissenschaft (FQS). Die Vorbehalte sind aber noch nicht restlos verschwunden. «Junge Wissenschaftler publizieren bei uns zwar schon unbefangen, aber viele lassen die Artikel noch aus den Bewerbungsunterlagen heraus.»

Die Möglichkeit, in den Foren der Online-Journale auch über Forschungsarbeiten zu diskutieren, ist vielen ForscherInnen ebenfalls noch nicht ganz geheuer. «Viele trauen sich nicht, weil ein Gutachter oder ein Konkurrent unter den anderen Nutzern sein könnte», berichtet FQS-Gründerin Katja Mruck von der FU Berlin von ihren Erfahrungen als Online-Moderatorin im Forum.

Viel dramatischer ist aber der Wandel des wissenschaftlichen Arbeitens selbst, der damit angestossen wird: Zum ersten Mal gibt es eine Chance, die Zersplitterung der Wissenschaft in zahlreiche Disziplinen und ihre starre Kanonisierung zu überwinden. Letztere hat Paul Feyerabend, der grosse erkenntnistheoretische Anarchist, in seinem kontroversen Buch «Wider den Methodenzwang» (1974) gegeisselt: «Man kann also eine Tradition schaffen, die durch strenge Regeln zusammengehalten wird. Ist es aber wünschenswert, eine solche Tradition zu unterstützen und alles andere auszuschliessen? ... Meine Antwort ist ein festes und vernehmbares NEIN.»

Das Modell der offenen Journale könnte eine nachhaltige Querbefruchtung zwischen Disziplinen – unter dem Stichwort «Interdisziplinarität» seit Jahren fester Bestandteil aller bildungspolitischen Sonntagsreden – einleiten. Ein Beispiel ist das Archimedes-Projekt, in dem InformatikerInnen, PhysikerInnen und AltphilologInnen zusammenarbeiten: Es bietet in einem frei zugänglichen Online-Archiv historische Originaltexte zur Mechanik, die mit elektronischen Übersetzungswörterbüchern verbunden sind. «So können zum Beispiel Physiker auch altsprachliche Texte eher verstehen», sagt Urs Schoepf­lin. «Dadurch können die traditionellen Disziplingrenzen aufgebrochen werden.»

Feyerabend hätte an der Entwi­cklung seine Freude gehabt. Vor dreissig Jahren forderte er: «Für eine objektive Erkenntnis brauchen wir viele Ideen. Und eine Methode, die die Vielfalt fördert, ist auch als einzige mit einer humanistischen Auffassung vereinbar.»

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